hr1 SONNTAGSGEDANKEN
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Eine Sendung von
Manuel Neumann,
Katholischer Theologe

Edwina Hayes - Feels like home to me

Wo finde ich Liebe? Eine einfache Frage – aber schwer zu beantworten. Sicher haben die meisten Menschen ihre Erfahrungen mit der Liebe. Doch auch die sind ja sehr unterschiedlich: Da gibt es die Liebe der Eltern, Geschwisterliebe, die Liebe zum Partner oder der Partnerin. Daneben gibt es die Liebe etwa zur Heimat, die Liebe zum Sport oder meinetwegen auch zum Haustier. Liebe hat tausend Gesichter. Und jedes davon ist einzigartig.

Liebe lässt sich nicht erklären – nur erfahren

Freilich: Ich kann einen Hirnforscher nach der Liebe fragen: dann würde ich etwas über aktive Hirnregionen und biochemische Prozesse erfahren – aber wenig über die Liebe. Oder ich frage einen Philosophen – danach bin ich vielleicht etwas schlauer. Gefunden habe ich die Liebe aber noch lange nicht. In meinem Lexikon steht unter dem Stichwort „Liebe“: „Liebe ist die gefühlsmäßige und willentliche Bindung einer Person an jemand oder etwas.“ Mal ehrlich: Das hilft auch nicht wirklich weiter. Ich denke, wer wirklich erfahren möchte, was Liebe ist, sollte Dichter und Poeten befragen. Und er sollte auf die Lieder hören, die über die Liebe gesungen werden. Hören Sie mal, wie das bei Edwina Hayes klingt:

Something in your eyes makes me wanna lose myself
Makes me wanna lose myself in your arms.
There's something in your voice makes my heart beat fast
Hope this feeling lasts the rest of my life.

Das mag jetzt erst mal etwas seltsam wirken: Ein katholischer Priester spricht über Liebeslieder. Ich kann die Skepsis verstehen. Denn ich erlebe sie regelmäßig bei kirchlichen Trauungen. Wenn ich da predige, steht es manchen Anwesenden geradezu ins Gesicht geschrieben: Was weiß der schon davon …

Ein Lied über Liebe und das Gefühl, angekommen zu sein

In gewisser Weise haben diese Menschen natürlich Recht. Ich weiß tatsächlich nicht aus persönlicher Erfahrung, wie man eine gelingende Ehe führt. Doch wie gesagt: Liebe hat viele Gesichter. So hat Randy Newman das Lied „Feels like home“ ursprünglich als klassisches Liebeslied für ein Musical geschrieben. Ich selbst habe es zum ersten Mal gehört in der Version von Edwina Hayes im Kinofilm „Beim Leben meiner Schwester“. Dort bildet das Lied den Hintergrund zu einer Schlüsselszene: Gezeigt wird das letzte glückliche Zusammensein einer Familie kurz vor dem Krebstod der älteren Tochter. Viele Kinobesucher waren zu Tränen gerührt.

Und auch in meiner eigenen Lebensgeschichte hat das Lied einen Nerv getroffen. „Da ist etwas in deinen Augen“, heißt es in der ersten Strophe, „dass ich mich ganz in deinen Armen verlieren möchte. Und da ist etwas in deiner Stimme, dass mein Herz schneller schlägt – und ich hoffe, dass dieses Gefühl für ein ganzes Leben andauert.“

Keine Frage: Gemeint ist die Liebe des Lebens. Doch um wen es sich handelt, bleibt unbestimmt: Es könnte der Mann oder die Frau fürs Leben sein. Doch genauso könnte das Lied eine Liebeserklärung an das eigene Kind sein. Oder auch an jemand ganz anderen…

It feels like home to me, it feels like home to me
It feels like I'm all the way back where I come from
It feels like home to me, it feels like home to me
It feels like I'm all the way back where I belong

Edwina Hayes singt von einer Begegnung, die das ganze Leben verändert. Alles Warten hat ein Ende, die Einsamkeit ist vorbei. Stattdessen ist da ein Glücksgefühl, das kaum in Worte zu fassen ist. „Es fühlt sich für mich an wie Zuhause-Sein“, heißt es im Lied. „Es fühlt sich an, als wäre ich dorthin zurückgekehrt, wo ich herkomme, wo ich hingehöre.“

Ist das nicht ein schönes Bild? So mögen sich frisch Verliebte fühlen. Und ganz ähnlich mögen Eltern beim ersten Blick in die Augen ihres neugeborenen Kindes fühlen. Mit einem Mal fügt sich alles, erfüllt sich Bestimmung. Und genau da kommt meine eigene Geschichte ins Spiel.

Wenn Glaube zur persönlichen Liebesgeschichte wird

Ich finde mich selbst im Lied wieder, wenn da vom langen Warten die Rede ist – Warten auf jemanden, der vorbeikommt und das ganze Leben verändert. Für mich ist dieser Jemand Jesus Christus. Denn Fakt ist: Ohne diese Begegnung wäre ich heute nicht Priester. Und folgerichtig wäre meine Stimme gerade jetzt nicht im Radio zu hören. Auch da hat sich also etwas gefügt, liegt meine Lebensbestimmung.

Doch diese Bestimmung habe ich erst spät entdeckt. Denn zunächst mal bin ich klassische katholische Glaubenswege gegangen: Taufe, Erstkommunion, Firmung und am Sonntag in die Kirche.

Heute enden solche klassischen Wege allerdings bisweilen im Nirgendwo. Mit dem Erwachsenwerden endet der Glaube der Kindheit. Traditionen und religiöse Rituale tragen nicht mehr, werden bedeutungslos. Wie Zuhause-Sein fühlt sich Glaube nicht mehr an. Nicht selten erstarrt er zur Ansammlung von lebensfernen Dogmen. Oder Glaube wird allein auf ein Werte- und Moralsystem reduziert. Das hätte bei mir auch so sein können.

Doch dann bin ich – man könnte sagen – ein zweites Mal Christ geworden. Plötzlich war ich wie frisch verliebt und neu geboren. Seitdem ist Glaube für mich keine theoretische Größe mehr. Glaube ist etwas ganz anderes als Dogmen und Normen. Glaube ist etwas viel Größeres.

A window breaks, down a long, dark street
And a siren wails in the night
But I'm alright, 'cause I have you here with me
And I can almost see, through the dark there is light

Die Liebe nimmt der Angst nicht alles, aber sie trägt hindurch

Die unheimlichen Bilder am Beginn der zweiten Strophe stehen sinnbildlich für alles, was Menschen erschrecken und ängstigen kann: „Ein Fenster zerbricht am Ende einer langen, dunklen Straße, und eine Sirene heult in der Nacht.“

Christlicher Glaube bedeutet, wie im Lied auf jede Form von Angst antworten zu können: „Mir geht es gut, denn ich habe dich an meiner Seite. Und fast kann ich durch die Dunkelheit das Licht sehen.“

Die Bibel erzählt in vielen Geschichten, wie die Begegnung mit Jesus Christus Menschen verändert hat. Die haben bisweilen buchstäblich alles stehen und liegen lassen: Fischer ihre Netze, Zöllner ihre Zollstellen. Sie haben ihre Familien zurückgelassen und sich in das große Abenteuer des Glaubens gestürzt. Sie waren glücklich, sie hatten keine Angst mehr, sie waren angekommen: endlich Zuhause.

Ohne Liebe bleibt selbst der stärkste Glaube unvollständig

Alle diese Geschichten zeigen: Christlicher Glaube ist nicht aus Büchern zu lernen. Selbst die Bibel kann allenfalls eine Idee davon vermitteln, welche unbeschreibliche Faszination von Jesus Christus ausgeht. Glaubensgeschichten müssen zur Liebesgeschichte werden. Das wusste schon der Apostel Paulus, als er mitten in all seine theologischen Überlegungen hinein sein eigenes großes Liebesgedicht geschrieben hat. Darin heißt es:

„Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete,
hätte aber die Liebe nicht,
wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.
Und wenn ich prophetisch reden könnte
und alle Geheimnisse wüsste
und alle Erkenntnis hätte;
wenn ich alle Glaubenskraft besäße
und Berge damit versetzen könnte,
hätte aber die Liebe nicht,
wäre ich nichts.“ (1 Kor 13)