hr1 SONNTAGSGEDANKEN
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Meier, Johannes

Eine Sendung von
Johannes Meier,
Evangelischer Pfarrer und Journalist, Kassel

Jazzmusiker

Von Brücken: Gold gegen Blei

„Schönen guten Tag, mein Name ist Nicholas und mich hat es vor ungefähr 500 Tagen aus den Schlappen gehauen.“ So stellt sich Singer-Songwriter Nicholas Müller ziemlich ungeschminkt und lapidar auf der Homepage seiner neuen Band vor. Die trägt den etwas merkwürdigen Namen „Von Brücken“ und ist bislang noch recht unbekannt. Zumindest im Vergleich zu der Formation, mit der Nicholas Müller im Jahr 2011 einen echten Top-Ten- und Radio-Hit landete: die nachdenklichen Pop-Ballade „Still“ verhalf seiner damaligen Band „Jupiter Jones“ vor fünf Jahren zum Durchbruch, für den Song gab's einen Echo und das Album wurde vergoldet. Jupiter Jones tourten durch Deutschland, Österreich und die Schweiz, spielten plötzlich in ausverkauften Hallen und wurden auf Festivals und dann auch bei Stefan Raabs Bundesvision-Song-Contest gefeiert. 2014 war das – also etwas mehr als 500 Tage her. Und inmitten dieser Erfolgswelle, von der doch jeder Rockmusiker träumt, geht Nicholas plötzlich unter. Jetzt, wo es endlich richtig abgeht, haut es ihn „aus den Schlappen“. Er wird plötzlich krank. Eine Angst-Depression lässt jeden Auftritt zur Tortur und bald ganz unmöglich werden. Der charismatische Front-Mann mit der unverwechselbaren Reibeisen-Stimme muss die Band verlassen. Nicholas begibt sich in eine stationäre Therapie. „Das gute Leben scheint ein Leben lang her – vielleicht liegt’s vor uns und wir sehen’s bloß noch nicht?“

Das gute Leben scheint ein Leben lang her 
Vielleicht liegt’s vor uns und wir sehen’s bloß nicht 
Das nächste Glashaus nur ein Steinwurf entfernt 
Wir können ein schöneres bauen wenn es zerbricht

Von einer vielversprechenden Musikkarriere war für Nicholas nur noch ein Scherbenhaufen übrig geblieben. Aus und vorbei. Ein Leben lang her. – Dass er jetzt mit einer neuen Band wieder im Studio und auf der Bühne stehen und solche Zeilen singen kann, ist ein großes Glück. Und ein hart erarbeiteter Therapie-Erfolg. „Wir kauen Stunden und wir brennen von innen“, textet Nicholas. Und: „Wenn alles weg ist, wir von vorne beginnen, dann haben wir immerhin nichts mehr zu verlieren.“

Wir kauen Stunden und wir brennen von innen 
In ’ner Welt wo alle hungern und frieren 
Wenn alles weg ist, wir von vorne beginnen 
Ham wir immerhin nichts mehr zu verlieren

Stunden kauen, innerlich brennen und von außen frieren. Ein Glashaus nach dem anderen bauen, schön anzusehen vielleicht, aber allzu zerbrechlich und nicht von Dauer. Mit starken Bildern singt Nicholas Müller von Verlusterfahrungen und über die unverwüstliche Hoffnung auf einen Neuanfang, auf eine weitere Chance.

Jeder Tag an dem du atmest soll der erste sein 
Jeder Tag auf den du wartest soll der nächste sein 

Wie ein guter Segenswunsch klingen diese Zeilen für mich: „Jeder Tag, an dem Du atmest, soll der erste sein.“ – Taufrisch wie ein Frühlingsmorgen, unbeschwert von dem was vorher war. Auf- und durchatmen können. Neu anfangen. 

„Jeder Tag, auf den Du wartest, soll der nächste sein.“ – Also keine fernen, ewig aufgeschobenen Träumereien mehr, nicht schon am Montag aufs nächste Wochenende warten, kein „in ein paar Jahren wandere ich aus“ oder „wenn erst die Beförderung durch ist, nehme ich mir auch wieder mehr Zeit für die Familie“. Nicht mehr abwarten müssen, sondern leben dürfen. Schon morgen! Zur Ruhe kommen und endlich ans Ziel gelangen. Wie schön das wäre.

Und ihr Rastlosen tauscht euer Gold gegen Blei 
Und tut so als wär’ das gewollt 
Und ihr stellt euch ein Glück vor 
Wie Ihr’s aus den Liedern kennt und werdet davon überrollt 
Ich bin einer von euch 

„Ihr Rastlosen tauscht Euer Gold gegen Blei und tut so, als wär’ das gewollt“, singt Nicholas – und ich fühle mich ertappt. Rastlos bin auch ich viel zu oft. Der volle Terminkalender, das neue Handy, die ständigen Systemupdates, durchgetaktete Urlaubs- und Freizeitplanung. Trotzdem schaffe ich es höchstens einmal die Woche ins Fitness-Studio. Zweimal sollte man aber eigentlich, besser dreimal, ich weiß. Bleischwere Gewichte stemmen. Dann verkaufsoffener Sonntag. Da kommt man wenigstens mal zum Shoppen. Neuanschaffungen. „Die Konsumlaune der Deutschen ist ungebrochen“, höre ich in den Nachrichten. Einkaufstüten schwer wie Blei. Wo ist mein Gold? Ich bin einer von Euch. 

Ich bin einer von Euch.

Getrieben von dem, was mich umgibt an Herausforderungen und Möglichkeiten. Und vom eigenen Anspruch ans Leben: Bunt und vielfältig soll es sein – und glücklich, klar, superglücklich! Nein, ich bin nicht unzufrieden mit dem, was ist, aber könnte, sollte, müsste da nicht noch mehr sein?

Vielleicht macht’s Sinn sich noch mal neu zu verirren 
Denn jede Suche führt uns näher zu uns 
Das was wir finden nicht kaputt reparieren 
Des einen Fehler ist des anderen Kunst

„Vielleicht macht’s Sinn sich nochmal neu zu verirren...“ – Wirklich? Was soll daran gut sein, in die Irre zu gehen? Wer will das schon und wer hat dafür Zeit? – Schule, Ausbildung, Job. Abi, Bachelor, Master. Kinder, Karriere, Kreuzfahrt. Immer schön straight, keine Zeit verlieren und möglichst alles mitnehmen. – Auf einer Info-Tagung zum Theologiestudium fragen mich 17jährige Schüler nach Regelstudienzeiten, Creditpoints und Prüfungsordnungen. Kann man in 6 Jahren Pfarrer werden? – Da erzähle ich erst einmal von mir selbst, von einem Fehlstart als Germanist, von mehreren Uni-Wechseln, von einem Umweg über Südafrika und den Journalismus. Von Irrwegen, die jedenfalls im Nachhinein wohltuend und bereichernd waren. Wie singt Nicholas: „Jede Suche führt uns näher zu uns. Das was wir finden nicht kaputt reparieren, des einen Fehler ist des anderen Kunst.“ – Genau. Das will ich wieder lernen. Suchen und finden. Irr- und Schleichwege genauso zulassen wie Lebensmacken. Mich und andere so sein lassen, wie wir wirklich sind.

Jeder Tag an dem du atmest soll der erste sein 
Jeder Tag auf den du wartest soll der nächste sein 
Und ihr Rastlosen tauscht euer Gold gegen Blei 
Und tut so als wär’ das gewollt 
Und ihr stellt euch ein Glück vor 
Wie Ihr’s aus den Liedern kennt und werdet davon überrollt 
Ich bin einer von euch

„Gold gegen Blei“ heißt dieser Song der Band „Von Brücken“ – und er erzählt von einem schlechten Tauschgeschäft. Gold gegen Blei eintauschen, das kann eigentlich niemand ernsthaft wollen – aber vielleicht lassen wir uns viel schneller auf den miesen Deal ein, als uns lieb ist und wir wahrhaben wollen. Wir möchten so gern ein erfülltes Leben haben – und sorgen stattdessen bloß für einen vollgestopften Alltag. Graues Schwermetall. Gesundheitsschädlich. „Und ihr stellt Euch ein Glück vor, wie Ihr’s aus den Liedern kennt – und werdet davon überrollt.“ – Bin ich schon glücklich genug? Ist die Partnerin, der Partner, wirklich die Bestmögliche Wahl oder gäb's mit anderen vielleicht eine viel höhere Punktzahl beim Persönlichkeits-Matching? Atemlos durch die Nacht. Immer gut drauf. Dauergrinsen und Mithaltenmüssen. Der Goldmedaille nachjagen – und am Ende mit bleiernen Beinen vom Platz schlurfen.

Jeder Tag an dem du atmest soll der erste sein 
Jeder Tag auf den du wartest soll der nächste sein 

Wie gut diese musikalische Atempause da tut. Dieser Segenswunsch und Zuspruch. „Hab keine Angst“, klingt es für mich durch diese Liedzeilen hindurch. Du darfst immer wieder neu anfangen. Du kannst sie abstreifen, die Bleigewichte, die Dein Leben schwer machen und Dich unter Wasser ziehen. Komm, tauch auf, da oben scheint golden die Sonne! – Ich weiß nicht, ob Singer-Songwriter Nicholas Müller an Gott glaubt, ob er Christ ist und manchmal in die Kirche geht. Aber die Botschaft seiner Liedzeilen erinnert mich an die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn, der nach vielen Irrwegen und Fehlern mit bleischweren Schultern und einem schlechten Gewissen heimkehrt. Er erwartet nicht mehr viel vom Leben – und wird doch von seinem Vater mit offenen Armen empfangen. Alles, was falsch war, zählt jetzt nicht mehr. Er erfährt: Ich kann sagen, was falsch war. Mir wird vergeben. Ich kann neu beginnen. – Klar, was in einer Bibelgeschichte schnell erzählt und in einem Popsong rasch getextet ist, ist im echten Leben oft ein langer Weg und ein hartes Stück Arbeit. Aber ich finde, man spürt, dass Nicholas Müller sehr wohl weiß, wovon er hier singt. Er weiß, was es heißt, umzukehren und neu anzufangen. Wie schreibt er noch gleich im Bandinfo auf der Homepage: „Mich hat es vor ungefähr 500 Tagen aus den Schlappen gehauen. Ungefähr 200 Tage später haben mein lieber Freund Tobi und ich beschlossen, dass es das ja nun auch nicht sein könne und dass wir dringend Musik zusammen schreiben müssten. Haben wir dann auch getan.“

Jeder Tag an dem wir atmen soll der erste sein 
Jeder Tag auf den wir warten soll der nächste sein 
Ich bin einer von Euch.