Weggefährten: Reinhard Mey – 51er Kapitän
Musik
Ich seh‘ noch, wie mein Vater aussteigt aus dem 6 Uhr 20 Vorortszug
Mit der abgewetzten Aktenmappe und dem grauen Mantel, den er trug.
Jeden Abend stand ich da am Bahnhof, ich war grade neun oder zehn,
Und ich war stolz, den staub‘gen Siedlungsweg lang neben ihm zu gehn.
Und dann musst‘ er mir jeden Abend die immer gleiche Geschichte erzähl‘n:
Wie einmal alles mit uns werden würde, und da durfte kein Wort fehl‘n.
Und immer vor der Haustür musst‘ er sagen: „Eines Tages wirst du sehn.
Da werden wir beide hier vorfahr‘n in einem schneeweißen 51er Kapitän!
Es ist ein anrührendes Lied, das Reinhard Mey über seinen Vater geschrieben hat: 51er Kapitän. Ein Lied, das von den Träumen seines Vaters erzählt und von dem, was diese Träume mit dem kleinen Jungen von damals gemacht haben.
Und was davon geblieben ist, heute nachdem sein Vater bereits gestorben ist.
Die Geschichte, die das Lied erzählt, beginnt im Nachkriegsdeutschland. Neun oder zehn ist Reinhard Mey Anfang der 50er Jahre. Die Familie lebt in Berlin. Berlin ist zerbombt, kaputt, ein Symbol für das, was Krieg anrichtet, in einem Land, bei den Menschen, die da leben. Auch Meys Vater, Gerhard, war zum Kriegsdienst eingezogen worden. Aber er hatte Glück: er kommt nach Hause zurück zu seiner Frau und seinen beiden Kindern. Er hat sogar wieder eine Arbeit, die ihm und der Familie das Überleben sichert. Entscheidend ist aber – sonst wäre dieses Lied wohl nie entstanden: Reinhard Meys Vater hat das Träumen nicht verlernt.
Musik
Und die Sitze sind aus rotem Leder und der Himmel ist wie ein Dom,
Und der Lack glänzt in der Sonne, und überall funkelt Chrom.
Die Motorhaube nimmt kein Ende und die Kühlerfigur blitzt,
Und du glaubst, du würdest schweben, wenn du hinterm Lenkrad sitzt!“
Ich kann mir vorstellen: die Autoliebhaber unter Ihnen können sich da jetzt richtig gut hineinversetzen. Aber auch ich finde, dieses Traumauto von Meys Vater hat was.
Es ist übrigens im wahrsten Sinne des Wortes ein Traumauto, denn in schneeweiß hat es diesen 51er Opel Kapitän nie gegeben, allenfalls in einem schmutzigen beige. Aber das ist egal, im Traum des Vaters ist er schneeweiß.
Wenn ich mir dieses Auto vorstelle, dann bin ich geblendet von diesem Weiß und von Lack und Chrom, die in der Sonne glänzen und ja, bestimmt fühlt sich das an wie Schweben, in so einem Auto zu sitzen.
Von diesem Traumauto erzählt Vater Mey seinem Jungen Abend für Abend auf dem Nachhauseweg. Es ist die immer gleiche Geschichte. Und es stecken all seine Träume und Hoffnungen darin, seine Vorstellungen: wie einmal alles mit ihnen werden würde. Ein Stück heile Welt entwirft er für sich und seinen Sohn. Sie überstrahlt alle Spuren von Schmutz und Zerstörung, die der Krieg in das Leben gebracht hat. Diese Geschichte wird zum Ritual für die beiden. Es macht die beiden zu Weggefährten nicht nur auf ihrem Nachhauseweg.
Für mich ist das ein wunderschönes Bild für das Miteinander von Vater und Sohn – ich kann es mir auch für Mutter und Tochter gut vorstellen: Vater Mey lässt seinen Sohn an seinen Träumen teilhaben. Und mehr noch: sein Vater träumt diesen Traum nicht für sich alleine, sondern sein Sohn hat Platz in diesem Traum, er sitzt mit im Auto.
Musik
Und wenn ich meine Augen schloß, dann konnte ich uns wirklich sehn:
Meinen Vater und mich vor der Haustür in einem schneeweißen 51er Kapitän!
Mich berührt dieses Lied, weil mir beim Hören klar wird: Ich weiß von den Träumen meines Vaters wenig.
Was hat mein Vater sich vorgestellt für sich und seine Familie und wie viel davon ist so geworden, wie er sich das erhofft und erträumt hat? Ich weiß zum Beispiel nicht: Hatte er damals so etwas wie ein Traumauto? Das erste Auto, an das ich mich erinnern kann, ist ein grüner Ford Escort.
Bei den Meys jedenfalls wurde es dann nicht der 51er Kapitän, sondern ein alter klappriger Olympia, auch ein Opel eben, aber einige Nummern kleiner.
Musik
Nun, es kamen andre Zeiten, es ging voran und irgendwann
Kam mein Vater dann tatsächlich eines Abends mit einem Auto an:
Es war ein steinalter Olympia, bei dem immer der Gaszug riß,
Bei dem nie die Heizung ausging, im Grunde war das ein Totalbeschiß.
Meinem Vater aber war er gut genug, das war genau seine Art,
An sich selber immer rumzuknausern, an uns hat er nie gespart.
Mir jede Chance im Leben geben, mich einmal auf dem Treppchen zu sehn,
Das war es: der totale Luxus war sein schneeweißer 51er Kapitän.
Ich finde man kann diesen Zeilen anhören: Reinhard Mey ist stolz auf seinen Vater und zutiefst dankbar, auch ohne Opel Kapitän. Für seinen Vater war das Traumauto eben der totale Luxus.
Etwas, was zwar wunderschön wäre, aber was er nicht braucht, um aufrecht durchs Leben zu gehen.
Er hat etwas erreicht, das mit Geld nicht zu bezahlen ist. Er hat seine Bedürfnisse hinten angestellt und seinen Kindern eine Perspektive gegeben. Und dem Lied nach zu urteilen, war er nicht unzufrieden mit diesem Leben. Es war eben genau seine Art, so beschreibt es Reinhard Mey.
Das, was ihn stolz und glücklich gemacht hat, war: Er hat erlebt: sein eigener Sohn hat es geschafft. Und vielleicht konnte der Sohn genau deshalb so weit kommen, weil ihn der Vater gelehrt hat, zu hoffen und zu träumen. Und wenn sich Träume nicht erfüllen, nicht verbittert zu werden, zufrieden zu bleiben.
Wie das wohl bei meinem Vater ist? Vielleicht so ähnlich. Ich müsste ihn eigentlich mal fragen. Ich kann mich nicht an einen gemeinsamen Nachhauseweg erinnern, aber ich weiß noch: Mein Vater hat immer an mich und meine Fähigkeiten geglaubt, auch als es in der Schule mal schwierig war. Alles wird gut. Das klingt jetzt ein bisschen einfach, und so hat er den Satz auch nie zu mir gesagt. Aber er hat mir immer das Vertrauen vermittelt: Ich kann es schaffen und eine gute Zukunft haben. Und ich sehe es heute noch vor meinen Augen, wie stolz mein Vater war, als ich mein Studium abgeschlossen hatte.
Vielleicht ist genau das der Job von Vätern: Perspektiven zu eröffnen, auch in Zeiten, in denen die Kinder an sich zweifeln, Hoffnung zu vermitteln und nicht zuletzt zu träumen.
Ich bin meinem Vater jedenfalls dankbar, dass ihm das bei mir und meinen Geschwistern gelungen ist.
Musik
Er hat nie mehr davon gesprochen, doch ich weiß, er hat davon geträumt.
Vielleicht war das so ein Symbol für eine Chance, die man versäumt.
Heut würd‘ ich ihm gern einen schenken, ich weiß sogar, wo einer steht:
Rotes Leder, Weißwandreifen, und sogar das Radio geht.
Mein Vater ist vor ein paar Jahr‘n gestorben, es hat nicht hingehau‘n diesmal,
Nicht einmal auf seiner letzten Fahrt, da war‘s ein schwarzer Admiral.
Aber wenn es einen Himmel geben sollte, dann werd‘ ich ihn endlich sehn:
Denn dann holt mein Alter Herr mich ab in einem schneeweißen 51er Kapitän!
Die Liebe zu Autos hat Gerhard Mey seinem Sohn vererbt. Reinhard Mey ist ein bekennender Autonarr. Das Auto aus den Träumen seiner Kindheitstage hat er selbst nie besessen, und auch seinem Vater konnte er keinen 51er Kapitän schenken. Den gab es nicht mehr zu der Zeit, als es sich Reinhard Mey hätte leisten können.
„Es hat nicht hingehau’n dieses Mal.“ Das macht den Liedermacher ein wenig wehmütig und auch auf der letzten Fahrt des Vaters ist es nicht der Kapitän, sondern der Opel Admiral. Und so wird der 51er Kapitän zu einem Symbol für eine verpasste Chance.
Wenn ich das Lied höre, bleibe ich gedanklich aber nicht bei dem Symbol für die verpasste Chance hängen.
Ich hänge an dem Ausblick, den das Lied mir in den letzten Zeilen offenbart. Ich hänge an der Idee vom Himmel. Ein Himmel, der unser Leben, unsere irdischen Träume und Hoffnungen nicht bedeutungslos macht. Denn – davon bin ich überzeugt: es gibt erfülltes Leben schon hier auf dieser Erde, trotz vieler unerfüllter Wünsche.
Und diese unerfüllten Wünsche, die verpassten Chancen? Ich glaube: Im Himmel werden sie in irgendeiner Weise Erfüllung finden. Ich glaube an einen Himmel, der uns eine Antwort gibt auf all unsere Träume und Hoffnungen. Ein Himmel, der uns mit den versäumten Chancen unseres Lebens versöhnt. Ein Himmel, der Unmögliches möglich macht, ein Ort, an dem es den schneeweißen 51er Kapitän tatsächlich gibt.
Musik
Aber wenn es einen Himmel geben sollte, dann werd‘ ich ihn endlich sehn:
Denn dann holt mein Alter Herr mich ab in einem schneeweißen 51er Kapitän!