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Fehler sind erlaubt!
Bild: Tumisu/Pixabay

Fehler sind erlaubt!

Steffen Flicker
Ein Beitrag von Steffen Flicker, Schulleiter der katholischen Schule Marianum Fulda und Vorsitzender des Katholikenrates im Bistum Fulda
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„Nobody is perfect“ heißt eine Redewendung. Ich sage das manchmal, wenn sich mein Gegenüber für sein Fehlverhalten entschuldigt. „Ist ja nicht so tragisch!“ – „Kein Problem!“ Das ist oft meine Reaktion in solchen Momenten. Aber nicht immer gelingt mir dies. Es gibt Menschen, die mich aufregen. Manche Menschen können richtig nervig sein. Dann regt es mich auf, wenn wiederholt der gleiche Fehler vorkommt. „Ist schon okay! Alles gut!“ – sage ich dann, aber eigentlich wurmt es mich, dass es immer wieder die gleiche Situation ist, die meine Geduld und mein Wohlwollen erfordert.

„Alles gut! – ist dann meist auch nur eine Floskel, die mir so rausrutscht, weil ich mich nur nicht aufregen möchte, damit es keinen Streit gibt. Letztlich ist aber gar nichts gut. Ich frage mich in solchen Momenten, wie ich besser reagieren könnte. Wie kann man geschickt, harmonisch und ja nicht streitlustig auf die Fehler und Macken anderer reagieren? Gibt es da einen Königsweg?

Gerade heute, am Pfingstsonntag, denke ich darüber nach. Wir feiern heute das Fest des Heiligen Geistes. Wie gut kann das Wirken des Heiligen Geistes tun, um mit meinen Mitmenschen gut auszukommen. Für ein gutes Miteinander ist eine gute Fehlerkultur wichtig. Und da kann uns der Heilige Geist den richtigen Impuls geben.

In einer Welt, in der viele Menschen nach Perfektion und Optimierung ihrer selbst streben, scheint es so zu sein, dass man sich gar keine Fehler erlauben darf. Der perfekte Körper, der perfekte Ernährungsplan, die perfekte Inneneinrichtung – alles perfekt!

Perfektionismus laugt den Menschen aus

Das kann Menschen stark unter Druck setzen. Vor allem junge Menschen kann dies schier überfordern. Sportlich sein, erfolgreich im Job, Familie und Beruf vereinbaren, Vermögen aufbauen, gut aussehen – was denn noch alles? Solch ein Perfektionismus kann schnell die eigenen Kräfte überfordern und krank machen. Und Menschen, die immer perfekt sein sollen, dürfen sich auch keine Fehler erlauben. Wenn mir ein Fehler unterläuft, dann zeige ich Schwäche. Es ist unprofessionell, wenn etwas schiefläuft. Also versuche ich eine Panne oder einen Fehler, der passiert ist, zu kaschieren oder zu überspielen. Schlimmstenfalls die Schuld anderen in die Schuhe schieben. Nach dem Motto: „An mir lag es ja nicht!“

An Pfingsten, so heißt es in der Bibel, kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt und erfüllte das Haus, in dem sich die Jünger Jesu versammelt hatten. (Apostelgeschichte 2,2) Der Geist Gottes kommt als ein heftiger Sturm. Dieser Geist erneuert die Welt. Aber wie ist das heute vorstellbar?

Musik

Es wäre wunderbar, wenn durch Gottes Geist die Menschen die Fehler Anderer verzeihen könnten. Die Welt würde dadurch verändert. Ich müsste nicht perfekt sein. Und wenn ich mein Fehlverhalten zugebe, würde mir nicht gleich „der Kopf abgerissen“. Ich dürfte Fehler machen und könnte durch den Versuch, den Fehler wieder gut zu machen, als Mensch wachsen. Doch warum könnte? Und würde? Warum der Konjunktiv? Gottes Geist ist doch da, spürbar, gerade heute an Pfingsten erinnern wir uns daran. Genau so kann und soll sie sein: eine Welt, die nicht perfekt ist, die Fehler erlaubt, an denen wir gleichzeitig wachsen. Denn: Fehler zu machen, ist menschlich. Menschen machen nicht alles richtig und sind eben nicht perfekt. Und das ist auch gut so. Denn das macht den Menschen zum Menschen.

Neuerdings wird von der sogenannten „Fehler-Kultur“ gesprochen. Das macht mir Mut. Es dürfen Fehler gemacht werden. Nun kommt es aber darauf an, wie mit solchen Pannen und Missgeschicken umgegangen wird. Dass aus Fehlern gelernt wird – das finde ich wichtig. Und noch wichtiger ist es, dass wir Fehler verzeihen können.

In der Bibel lesen wir von Jesus, der von Petrus, einem seiner Freunde, gefragt wird, wie oft er seinem Bruder vergeben muss, wenn er einen Fehler begangen hat. Und Petrus schiebt als Vermutung hinterher: Sieben Mal? Die Antwort, die Jesus für ihn hat, ist für Petrus sicher überraschend: „Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.“ (Mt 18,21-22)

Wie oft kann, darf und muss ich verzeihen?

Siebenundsiebzigmal! Oje, das ist ziemlich oft. Im Grunde bedeutet dies unbegrenzt. Wer ist dazu schon in der Lage? Wenn es jemand siebenmal nicht kapiert hat, ist meine Geduld eigentlich schon am Ende. Ob ich so viel Verständnis habe? Immer und immer wieder einen Fehler vergeben?
„Vergeben und Verzeihen kennt weder eine Zahl noch ein Ende. Vergebung ist ohne Anfang und ohne Ende. Sie geschieht täglich unaufhörlich, denn sie kommt von Gott“, so sagt es der Theologe Dietrich Bonhoeffer. Leichter gesagt als getan. Zumindest stellt dies eine sehr große Herausforderung dar. Offen gesagt fällt mir dies schwer. Vielleicht fehlt es mir an Geduld. Dann denke ich aber daran, dass kein Mensch vollkommen ist und das trifft ja auch auf mich zu. Und auch ich wünsche mir ja Vergebung von meinen Mitmenschen, wenn ich einen Fehler begangen habe. Geduld ist also wichtig im Umgang miteinander. Geduld und gegenseitiges Verständnis für Schwächen, Mängel und Unzulänglichkeiten ist entscheidend.

Wenn ich darüber nachdenke, wie wohl eine Welt aussehen würde, in der es gar keine Fehler gibt, in der alles perfekt läuft und Menschen sich nicht über andere Menschen aufregen müssen, weil niemand etwas falsch macht – dann wird mir unheimlich.

Von der amerikanischen Schriftstellerin Pearl S. Buck stammt das schöne Wortspiel: „Das Streben nach Vollkommenheit macht manche Menschen vollkommen unerträglich.“ Ja, es ist schon so: Menschen, die aalglatt sein wollen, haben etwas „Unechtes“. Wer ist schon ohne Mängel?

Musik

Wir sind nun einmal so geschaffen, dass wir unvollkommen sind. Und nun kommt es eben darauf an, wie ich mit all der Unvollkommenheit auf dieser Welt umgehe. Wie ich auf Fehler und Schwächen reagiere! Wie es mit meiner Bereitschaft zur Vergebung bestellt ist. Und was kann da der Heilige Geist an Pfingsten tun? Kann der wirklich etwas bewirken? Kann und muss ich mich auch in Sachen Vergebung auf ihn einlassen? Ja, denn ein guter Geist tut Gutes. Zum Beispiel ist Nachsicht wichtig und Gelassenheit mit Dingen umzugehen, die noch nicht perfekt sind. Es ist alles noch im Werden und im Wachsen. Dieser Gedanke kann mich leiten. Dazu mich ich Geduld üben und das Vertrauen haben, dass alles noch gut werden kann.

In einem Gedicht von Rainer Maria Rilke wird dieser Gedanke großartig in Worte gefasst: „Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht, ohne Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch! Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge, so sorglos still und weit.“
Mir helfen diese Verse, mich noch mehr in Geduld zu üben. Es ist eben noch nicht alles fertig und perfekt. Und vielleicht muss es das auch nicht sein. Aber das Bemühen darum, Menschen gerecht zu werden und ihnen wertschätzend und respektvoll zu begegnen, das ist entscheidend, da wirkt der Geist Gottes. Auch wenn ich noch keinen Sommer kommen sehe, wie es bei Rilke heißt, so kann ich doch getrost sein: Er wird schon kommen! In diesem Vertrauen liegt eine große Kraft, die mich aufbaut.

Darauf kann ich bauen. Gottes guter Geist

Dieses Vertrauen gilt für mich in dreifacher Hinsicht: Ich setze zunächst auf das Vertrauen in meine eigenen Kräfte. Ich baue darauf, dass ich das schaffe, was ich mir zum Ziel gesetzt habe, dass ich meinen Ansprüchen genügen werde. Dann das Vertrauen in meine Mitmenschen. Ich vertraue darauf, dass mir Andere helfen und mir verzeihen, wenn etwas nicht gelungen ist. Ich setze die Hoffnung darauf, dass man mir verzeiht, wenn ich etwas falsch gemacht habe. Und schließlich habe ich als Christ das Vertrauen an Gott, der mein Leben begleitet und der mich bestärkt in schwierigen Situationen.

Gerade heute, am Pfingstsonntag, baue ich auf Gottes guten Geist, der mir die Klugheit und die Weisheit schenkt, die Dinge zu ändern, die sich ändern lassen, die Dinge hinzunehmen, die nicht zu ändern sind und das eine vom anderen zu unterscheiden. Und an meinem eigenen Geduldsfaden möchte ich arbeiten.

Ich wünsche Ihnen und mir, dass ich Fehler machen darf, dass ich vergeben kann und dass ich zur Vergebung öfter bereit bin als siebenmal.

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