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Zuhören ist doch kinderleicht – von wegen!
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Zuhören ist doch kinderleicht – von wegen!

Dr. Ursula Schoen
Ein Beitrag von

Dr. Ursula Schoen,

Prodekanin, Evangelisches Stadtdekanat Frankfurt

Meine Mutter hat Radio geliebt. Abends lag sie oft auf dem Sofa und hörte Hörspiele im Radio. Wenn ich nicht schlafen konnte, habe ich mich an ihre Seite gekuschelt. Als Kind habe ich nicht alles verstanden, was die da in dem Apparat sagten. Fast immer schien es sehr ernst zuzugehen: Die Menschen redeten flehend, bittend oder waren sehr ärgerlich. Ich spürte, dass sich die Menschen in diesen Hörspielen offensichtlich nicht verstanden. Sie redeten aneinander vorbei oder schimpften übereinander. Ja, im Grunde kamen sie nie richtig zusammen. Ich habe das in meiner Kinderseele sehr rätselhaft gefunden. Warum machen die so viele Worte? Warum hören die nicht einfach hin? Warum versuchen sie nicht, den anderen ernst zu nehmen? Reden – Hören – Verstehen, das ist doch kinderleicht!
Später als Erwachsene habe ich selber viele Situationen erlebt, in denen Zuhören und sich Verstehen überhaupt nicht leicht ist. Im Beruf, aber auch mit Menschen, die mir nahestehen, passiert das immer wieder: Man redet, aber man versteht sich nicht. Alle Worte erreichen nichts. Die eigenen Ohren oder die der anderen sind wie verstopft. Dabei fehlt es gar nicht an gutem Willen. Vielleicht eher an der inneren Kraft, wirklich bei dem Gegenüber zu sein. Ihm oder ihr Wärme und Verständnis entgegenzubringen, offen zu sein für die Gefühlslage des Gegenübers. Jemand im wahrsten Sinne des Wortes „mein Ohr zu leihen“. In vielen Gesprächen geht es vor allem darum: Wie komme ich vor? Kann ich meine Themen platzieren? Kapiert der andere, was mir wichtig ist? Vor lauter Angst, zu kurz zu kommen, verliere ich dabei den anderen aus dem Blick.
In der Bibel beim Propheten Jesaja heißt es: Gott weckt uns auf. Jeden Morgen weckt er mir das Ohr. – Bevor ich in den Tag starte, wendet sich Gott mir zu. Bevor mein Ohr die unzähligen Stimmen eines Tages hört, soll es als erstes die Stimme meines Schöpfers hören. Und diese Stimme sagt: Fürchte Dich nicht, ich bin bei Dir! Das ist der Grundton für meinen Tag. Und das macht mein Ohr wach für die Töne und Stimmen der anderen. Jeden Morgen neu. So beginne ich meinen Tag.
Gott weckt uns das Ohr. Das drückt aus, dass Verstehen eine geistliche Dimension hat: Wenn Gott zu mir sagt: „Fürchte dich nicht!“, brauche ich mir um mich keine Sorgen zu machen. Das öffnet meine Sinne. Mit offenen Ohren kann ich auf andere zugehen und mit meiner Stimme ihr Ohr erreichen.
Nein: Reden – Hören – Verstehen, das ist nicht selbstverständlich. Es ist jedes Mal ein kleines Wunder, das ich nicht machen, aber erleben kann."

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