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Zeit oder Geld? – Zum neuen Tarifvertrag in der Metallbrache
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Zeit oder Geld? – Zum neuen Tarifvertrag in der Metallbrache

Dr. Peter Kristen
Ein Beitrag von

Dr. Peter Kristen,

Evangelischer Pfarrer und Studienleiter, Religionspädagogisches Institut Darmstadt

Am Dienstag ist der Tarifstreit in der Metallindustrie zu Ende gegangen. Der neue Tarifvertrag ist aber keine Einigung wie jede andere. Experten haben ihn „bahnbrechend“ genannt, einen „Wegweiser für die Arbeitswelt der Zukunft“. Zum ersten Mal können die Menschen sich entscheiden zwischen mehr Arbeit und damit mehr Geld oder freier Zeit für sich selbst und andere.

Als mein Großvater in Rente gegangen ist, hat ihm sein Arbeitgeber eine Taschenuhr geschenkt. Bei seiner staubigen Arbeit im Steinbruch hatte er nie eine Uhr dabei. Eine Sirene hat ihm und dem ganzen Dorf angezeigt, wann er mit der Arbeit beginnen muss und wann Feierabend war. Er musste mehr als 48 Stunden arbeiten und hatte keine 5-Tage-Woche. Mit der Uhr hat man meinem Opa die Selbstbestimmung erst geschenkt, als er nicht mehr arbeiten musste.
Der neue Tarifvertrag in der Metallbranche ist nun richtungweisender Schritt zu mehr Selbstbestimmung, nicht erst bei der Rente: Was ist mir wichtiger: Mehr Zeit oder mehr Geld? Die Gewerkschaften haben diese Wahl gefordert, und zum ersten Mal haben Arbeitgeber das anerkannt.
Es gibt gute Gründe dafür, freie Zeit dem Geld vorzuziehen. Zeit kann kostbarer sein als Geld. Männer und Frauen, die kleine Kinder haben oder Angehörige pflegen, können Zeit dafür gewinnen, indem sie statt 35 nur 28 Stunden arbeiten. Oder sie finden diese Zeit einfach nur für sich so wertvoll, dass sie dafür auf Anschaffungen verzichten. Wer das anders sieht und braucht, kann 40 Stunden pro Woche arbeiten und verdient so mehr.
Auch beim Urlaubsgeld kann man bei den neuen Tarifverträgen wählen. Was wäre dir lieber: 300 Euro mehr Urlaubsgeld oder acht Stunden freie Zeit? Das hab’ ich hab’ ein paar Leute gefragt: Die Briefträgerin zögert nicht lange.
„Weißt Du“, sagt sie, „ich bin meistens bis abends um sechs unterwegs und die Zeit ist so stressig, dass ich sofort die acht Stunden wählen würde, die würden mir wirklich guttun.“
Jens ist Metaller. Er überlegt kurz, lächelt und sagt: „Ganz klar das Geld, ich brauche neue Sommerreifen für mein Auto, da tun mir die 300 Euro gut.“
Die Taschenuhr von meinem Großvater liegt jetzt auf meinem Schreibtisch. Wenn ich sie aufziehe, bin ich dankbar für die Lebenszeit, über die ich selbst bestimmen kann. Die will ich nutzen, für mich und für andere.

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