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Wie geht’s?
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Wie geht’s?

Gudrun Olschewski
Ein Beitrag von

Gudrun Olschewski,

Evangelische Pfarrerin, Pfungstadt

„Wie geht’s?“, frage ich meine Nachbarin im Vorbeigehen. Ich bin, wie so oft auf den letzten Drücker unterwegs, im Eilschritt auf dem Weg zu einem Termin.
„Schlecht geht‘s“, ruft mir die Frau zu. Ich bleibe verdutzt stehen. Das habe ich nun wirklich nicht erwartet. Schlagartig wird mir bewusst, dass ich sie schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen habe, obwohl das sonst regelmäßig der Fall ist. Erst recht, seitdem sie stolz ihre Enkelin mit dem Kinderwagen spazieren fährt.
Ihr, die immer so fröhlich und unbeschwert unterwegs ist, geht es schlecht?
Ihre Antwort kam so unerwartet, dass ich erst einmal sprachlos bin.
„Wie geht’s?“ So wörtlich habe ich meine Frage doch gar nicht gemeint.
Ich habe halt so gefragt, wie man üblicherweise fragt, wenn man jemanden auf der Straße trifft.
Durch ihre Antwort machte mir meine Nachbarin klar, wie unbedacht ich manchmal Worte gebrauche, ohne ihre Bedeutung tatsächlich ernst zu nehmen. Meinem Gegenüber wird das kaum gerecht und er wird dadurch auch nicht ernst genommen.
Ich bin auf meine Nachbarin zugegangen und sie erzählte mir, dass ihr Sohn mit seiner Familie umziehen musste, der Arbeit wegen, und sie ihre Enkelin jetzt nur noch sehr selten sieht. Spazierfahrten mit Kinderwagen gibt es nur noch ab und zu. Dann, wenn sie mal wieder zu Besuch kommt. Das macht ihr zu schaffen.
Seit der Begegnung mit meiner Nachbarin versuche ich, meine Wörter bewusster zu wählen. Ihre Bedeutung ernst zu nehmen. Ich nehme mir die Zeit, mit dem anderen zu teilen, was ihn bewegt, wenn ich wieder ‘mal frage:
„Wie geht’s?“

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