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Wenn Leben keine Früchte bringt
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Wenn Leben keine Früchte bringt

Martin Vorländer
Ein Beitrag von

Martin Vorländer,

Evangelischer Pfarrer und Theologischer Redakteur im Medienhaus Frankfurt

Es könnte ein schöner Sonntagmorgen werden. Aber irgendwie hat sich alles gegen mich verschworen. Ich will Kaffee machen. Die Dose ist leer. Es muss doch noch ein Päckchen Kaffee im Schrank sein. Die Schiebetür am Schrank klemmt. Ich rüttele daran, aber sie verkantet sich noch mehr. Ganz ruhig bleiben, sage ich zu mir. Das muss sich doch lösen lassen. Aber alles gut Zureden und geduldig nach dem Fehler Suchen hilft nichts. Die Schranktür sitzt fest. Verdammte Tür!, fluche ich und trete gegen den Schrank.
So etwa muss es Jesus gegangen sein. Bei ihm war es keine Schranktür, sondern ein Feigenbaum. Die Bibel erzählt: An einem Morgen geht Jesus in die Stadt. Er hat Hunger. Da kommt ihm ein Feigenbaum gerade recht, der am Weg steht. So eine saftige, süße Feige wäre jetzt genau das Richtige zum Frühstück. Jesus sucht zwischen den Blättern nach Früchten, aber da ist nichts. Jesus verflucht den Feigenbaum: „Dann soll überhaupt keine Frucht mehr auf dir wachsen – in Ewigkeit!“ Wenn ich eine verklemmte Schranktür verfluche, passiert nichts. Bei Jesus ist das anders. Der Feigenbaum verdorrt sofort. So steht es in der Bibel. Den Freunden von Jesus bleibt vor Staunen der Mund offen stehen. Sie fragen Jesus: „Wie hast du das gemacht?“ Jesus antwortet: „Wenn ihr fest glaubt und nicht zweifelt, dann könnt ihr sogar zu einem Berg sagen: Heb dich auf und wirf dich ins Meer. Und genauso wird’s geschehen.“
Was ist da mit Jesus los? Der ist anscheinend schlecht drauf. Am Tag davor hatte er sich über die vielen Händler und Geldwechsler im Tempel aufgeregt, ihre Tische umgeworfen und sie laut schimpfend aus dem Tempel gejagt. Und jetzt an diesem Morgen schon wieder Ärger. Jesus lässt seine Wut und seinen Frust an einem Feigenbaum aus. Aber was kann der arme Baum dafür, dass er gerade keine Früchte trägt, wenn der Herr Jesus mit leerem Magen vorbeikommt? Jesus benimmt sich wie ein wütendes kleines Kind, das vor Wut platzt, wenn es nicht kriegt, was es will. In dieser Geschichte verhält er sich keinen Deut besser als ich, wenn ich gegen eine verklemmte Schranktür trete. Jesus ist hier so gar nicht der liebe Jesus, den man aus dem Kindergottesdienst kennt. Wenn ich jähzornig bin, dann muss bloß eine Schranktür dran glauben. Wenn Jesus aus der Haut fährt, wirkt das viel schlimmer. Richtig fatal. Der Feigenbaum verdorrt für alle Ewigkeit. Und Jesus sagt hinterher nicht: Tut mir leid, ich war ein bisschen gereizt, da habe ich überreagiert. Friede! Nein, er sagt seinen Jüngern: Mit meinem Glauben könnte ich sogar noch viel mehr. Wer glaubt, kann Berge versetzen. Da kann einem angst und bange werden. Jähzornig und dann auch noch allmächtig.
Was ist das für ein Jesus und was ist das für ein Gott, der Jesus die Macht gibt, Feigenbäume in Ewigkeit zu verfluchen und Berge zu versetzen? Diese Macht ist toll, wenn ich starke Hilfe brauche. Aber was ist, wenn ich wie der Feigenbaum ohne Früchte dastehe? Trifft mich dann auch der Jähzorn des Allmächtigen mit voller Wucht bis in alle Ewigkeit? Ist Gott also nicht nur der liebe Gott, sondern auch der zornig ist, der flucht und straft?

Der sonst so liebe Jesus ist in einer Geschichte der Bibel überhaupt nicht lieb. Er fährt aus der Haut und verflucht einen Feigenbaum, bloß weil der keine Früchte trägt, wenn Jesus Hunger hat. Jesus, der Sohn Gottes, jähzornig wie ein kleines Kind, das nicht bekommt, was es will, oder wie ich selber, wenn ich vor Wut gegen einen Schrank trete. Jesus sagt zu dem Baum: „Nie mehr wachse Frucht auf dir in Ewigkeit!“ Jesus hat in der Bibel sonst die Macht, Kranke zu heilen. Er kann Stürme stillen und Tote wieder zum Leben erwecken. Warum setzt er hier seine Macht nicht positiv für Segen, sondern zerstörerisch zum Fluch ein?
Warum ist Jesus überhaupt so wütend? Ist es bloß Frust über einen Feigenbaum, der keine Früchte trägt? Mich beschäftigt dieses keine Frucht Bringen. Da kümmert sich einer über viele Jahre um einen Baum in seinem Garten. Ein Baum braucht Wasser und Licht. Er muss zur richtigen Zeit zurechtgeschnitten werden, damit die Äste gut wachsen. Der Gärtner steckt Zeit, Arbeit und Lebenskräfte hinein. Und dann trägt der Baum keine Früchte. Er hat zwar grüne Blätter. Das zeigt: Der Baum lebt. Aber nie, nie, nie wächst irgendetwas. Es reicht nicht zum richtigen Leben, aber es ist auch zu viel zum Sterben.
Bei mir rührt das an wunde Punkte. Ich kenne solche fruchtlosen Geschichten, zum Beispiel in Beziehungen. Da habe ich in eine Freundschaft viel Zeit, Aufmerksamkeit und Gefühl reingesteckt. Aber irgendwie wird es nichts. Die Freundschaft entwickelt sich nicht und bringt niemandem was. Aber keiner kann so richtig davon lassen.
Ich kenne das auch im Beruf. Da habe ich mir ein Ziel gesetzt und ein Projekt vorgenommen. Ich doktere daran herum, aber ich komme auf keinen grünen Zweig. Es wird nichts Halbes und nichts Ganzes. Es liegt auf Eis, schlummert in der Schublade, aber irgendwie fehlt mir die Kraft zu sagen: Das wird nichts mehr. Ich verabschiede mich davon. Das Projekt ist wie der Feigenbaum. Steht rum. Hat zwar grüne Blätter, aber keine Früchte. Und mit Früchten meine ich nicht bloß Gewinn oder Erfolg. Es geht darum, dass ich spüre: Das, was ich tue, bringt mich und andere weiter – oder eben nicht.
Ziel nicht erreicht, fruchtlose Freundschaft, vergebliche Liebesmühe. Das sind harte Urteile, die wehtun. Aber vielleicht braucht es manchmal so harte Urteile, damit ich einen Schnitt mache und mich von Geschichten trenne, die Lebensenergie fressen. Von alleine passiert das offensichtlich nicht. So wie beim Feigenbaum, der ja grüne Blätter hat, also nicht von alleine eingeht, aber fruchtlos bleibt.
Jesus sagt zu dem Baum: „Nie mehr wachse Frucht auf dir in Ewigkeit!“ Er sagt gar nicht: Verdorre! Stirb! Jesus spricht nur aus, was ist. Der Baum hat keine Frucht. Er wird auch keine mehr bekommen. Auch wenn’s wehtut: Mir helfen Menschen, die klar sagen, was ist. Eigentlich sprechen sie ja nur aus, was ich selber längst weiß. Die ungeschminkte Wahrheit gibt mir die Kraft, mich von Sachen zu trennen, die mich blockieren. Meistens löst sich die Blockade dann zwar nicht auf einmal. Aber ich selbst komme einen Schritt weiter, wenn ich mir eingestehe: Die Sache hat sich überlebt. Es gibt Dinge, auf denen liegt kein Segen.

Es gibt Dinge im Leben, auf denen liegt kein Segen. Die bringen nichts – so wie in der biblischen Geschichte der Feigenbaum, zu dem Jesus sagt: „Du hast keine Früchte und wirst auch in Zukunft keine tragen.“ Daraufhin verdorrt der Baum, so erzählt es die Bibel. Vielleicht passt diese Härte doch zu der Liebe Gottes, die Jesus lebt und verkündet. Jesus hat einen genauen Blick dafür, wo das Leben erstarrt ist und keine Frucht bringt. Die Macht Gottes, die Jesus in dieser Geschichte an den Tag legt, befreit von vergeblicher Liebesmühe. Sie macht Schluss mit dem, was Lebensenergie frisst. So entsteht Platz, damit Neues wachsen kann. Zu echter Liebe gehören die Klarheit und die Wahrheit auszusprechen, was blockiert, damit ich davon loskomme. Ein angenehmer Prozess ist das nicht, oft sogar ein ziemlich schmerzhafter, wenn ich mich von einem Ziel verabschiede und mir klar mache: Ich werde es nicht erreichen. Hör verdammt noch mal auf, dich daran zu klammern! Das bringt nichts. Oder wenn ich in einer Beziehung oder Freundschaft, an der ich lange festgehalten habe, merke: Es hat keinen Sinn. Ich muss loslassen.
Das ist schonungslos. Aber sich und andere mit der Wahrheit zu konfrontieren, wirkt manchmal Wunder. Es kann ungeahnte Kräfte wecken. Als Jesus zu dem Feigenbaum sagt: „Du wirst nie mehr Früchte tragen“, verdorrt der Baum. Die Freunde von Jesus staunen: „Wie hast du das gemacht?“ Jesus sagt: „Wenn ihr Glauben habt, könnt ihr Berge versetzen.“ Glauben heißt vertrauen. Auch wenn etwas in meinem Leben verdorrt ist, vertraue ich darauf, dass neue Kraft entsteht. Manchmal viel mehr Kraft, als ich mir vorher vorstellen konnte. Jesus sagt: Mit Glauben und Vertrauen ins Leben kannst du Berge versetzen.

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