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Was ich wirklich brauche – Am 12. Juli ist der Tag der Einfachheit
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Was ich wirklich brauche – Am 12. Juli ist der Tag der Einfachheit

Rüdiger Kohl
Ein Beitrag von

Rüdiger Kohl,

Evangelischer Pfarrer, Frankfurt-Bockenheim

Wenn ich nächste Woche meinen Urlaubskoffer packe, werde ich wieder merken: Ich habe zu viele Kleidungsstücke. Überhaupt würde ich mit weniger Sachen auskommen. Es ist kaum zu glauben: Bis zu 10.000 einzelne Dinge häuft jeder Mensch im Durchschnitt in Europa in seinen eigenen vier Wänden an: Möbel, Dekoartikel und vor allem Medien wie Bücher, alte CDs und DVDs. Spätestens beim Umzug fällt den meisten auf, was und wieviel sie tatsächlich besitzen.
Was brauche ich wirklich? Das hat sich auch der amerikanische Philosoph Henry David Thoreau gefragt. Vor über 170 Jahren beschloss er, sich auf das Wesentliche zu beschränken. Dabei machte er einen Urlaub der besonderen Art: Er ist in eine selbst gebaute Blockhütte an einem See gezogen und hat dort zwei Jahre lang gelebt: spartanisch, aber glücklich. Thoreau hat festgestellt, dass er nur sechs Wochen im Jahr arbeiten muss, um sich dieses einfache Leben leisten zu können.
Der 12. Juli ist Thoreaus Geburtstag und wird in den Vereinigten Staaten als „Tag der Einfachheit“ gefeiert. Ich nehme den Tag als gute Gelegenheit, mir Gedanken zu machen, was mein Leben verstopft. Und um herauszufinden, was ich wirklich brauche.
Zu dieser Frage steht in der Bibel ein Ratschlag von Jesus: „Sammelt euch keine Schätze auf Erden! Die werden doch nur von Motten zerfressen. Sondern sammelt euch Schätze im Himmel.“ Das kann heißen, mir Raum zu schaffen, um Zeit mit meinen Mitmenschen und mit Gott zu verbringen. Thoreau in seiner Blockhütte hat sich vom Ballast befreit und die freie Zeit genossen. Um zu lesen, zu schreiben, nachzudenken, zu genießen.
Zwei Jahre in einer Blockhütte? Das wäre nichts für mich. Aber im Kern finde ich das eine gute Idee: Zum Beispiel mal ein paar Klamotten weniger für den Urlaub einpacken. Wer nicht verreist, nimmt sich in den Ferien vielleicht die Zeit, um die Wohnung zu entrümpeln. Zumindest ein Zimmer oder den Schreibtisch. Das wirkt sich nicht nur positiv auf die eigenen vier Wände, sondern auch auf den eigenen Gemütszustand aus: Der Kopf wird klar. Ich entscheide: Was brauche ich wirklich und wovon kann ich mich trennen.
Dabei muss nicht alles in den Müll wandern. Viele Dinge machen anderen eine Freude. Möbel wie freigewordene Bücherregale oder Stühle, die bei mir ungenutzt herumstehen, kann ich an ein Sozialkaufhaus spenden. Oft holen die Mitarbeiter des Sozialkaufhauses die Sachen ab, so dass alles auf einen Schlag verschwindet. Und andere freuen sich über die günstigen Möbel im guten Zustand.
Ein Bekannter von mir hat neulich seinen persönlichen Tag der Einfachheit gefeiert. Er gab seine Wohnung für einen Tag zum Shoppen für Freunde frei. Sie durften alles mitnehmen, was er nicht mehr braucht. Eine Take-away-Party: eine schnelle Art, sich von Staubfängern zu trennen. Mit den Freundinnen und Freunden hat er dabei eine schöne Zeit genossen und die Freude in ihren Gesichtern gesehen, wenn ihnen etwas gefallen hat. Ich finde, Sachen so verwenden, dass sie anderen Freude machen, das ist so ein himmlischer Schatz, dem keine Motte etwas anhaben kann."

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