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Überstunden spenden – Wie man des Anderen Last tragen kann
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Überstunden spenden – Wie man des Anderen Last tragen kann

Charlotte von Winterfeld
Ein Beitrag von

Charlotte von Winterfeld,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt

Ungefähr 700 Mitarbeiter der Firma Seidel stehen vor der riesigen Produktionshalle. Die Kameraführung zeigt sie erst von oben, dann von der Seite und zoomt schließlich einzelne Mitarbeiter in Großaufnahme heran. Sie sehen stolz und zufrieden aus und lächeln um die Wette. Die Firma Seidel in Fronhausen bei Marburg stellt Designprodukte für die Kosmetikbranche her. Ein kurzer Bericht in der Hessenschau machte die Firma im letzten Jahr berühmt. Nein, es ist kein Werbe-Film für gute Produkte. Es ist ein Beispiel, wie eine ganze Belegschaft in der Stunde der Not zusammenhält.
Andreas Graf, einer der Mitarbeiter, gerät in eine extrem harte Situation. Sein dreijähriger Sohn Julius bekommt die Diagnose „Leukämie“. Andreas Graf erzählt:
"Ich habe erst einmal meinen kompletten Urlaub genommen, weil wir auch nicht wussten, was auf uns zukommt. Dann dachte ich: Der Urlaub ist irgendwann weg, dann wirst du halt irgendwann kündigen oder gekündigt bekommen.“
Doch so weit kommt es erst gar nicht. Die Personalchefin Pia Meier erfährt von Grafs Situation und ist sehr ergriffen. Sie handelt sofort, bespricht sich mit Geschäftsführung und Betriebsrat. Dann startet sie eine Aktion: Mitarbeiter können ihre Überstunden spenden – damit der Vater genug Zeit hat und die finanzielle Sicherheit, sich um seinen Sohn zu kümmern.
In zwei Wochen kommen 3300 Überstunden zusammen. Andreas Graf sagt: „Damit hatte ich absolut nicht gerechnet. Um so überwältigender war es….“ Dank der Aktion kann er ein Dreivierteljahr zu Hause bleiben und sich um seinen Sohn kümmern.
Was für ein wunderbares Beispiel von Solidarität!
Einer trage des anderen Last (Galater 6,2), so heißt es schon in der Bibel. An dem Zusammenhalt und der Solidarität soll man die Christen erkennen, ermuntert der Apostel Paulus die ersten Gemeinden.
Ich glaube: Die Lasten des Lebens, die Lasten, die ein einzelner zu tragen hat, sind im Leben oft ungleich verteilt. Sich gegenseitig beim Tragen der Lasten zu helfen, heißt, die ungleichen Lasten auf viele verschiedene Schultern zu verteilen. So wird niemand überfordert.
Bei der Spenden-Aktion für Andreas Graf lief es genauso. Auch Auszubildende und neue Kollegen spenden Überstunden, obwohl sie Andreas Graf gar nicht kennen. Alle 700 Mitarbeiter machen mit. Jeder spendet ein bisschen von seiner Zeit, damit die Last auf viele verteilt ist.
Die Personalchefin erklärt: „Wir kommen alle mit unseren Päckchen an Leid auf die Arbeit. Wenn wir alle zusammenhalten, können wir viel Last davon wegnehmen.“
Ich überlege, wer meine Solidarität braucht. Ein kleines Beispiel, völlig unspektakulär: Der kranke Kollege in einer anderen Gemeinde fällt mir ein. Er findet gerade langsam wieder in den Job zurück. Viel Zeit habe auch ich nicht übrig. Aber ich tu mich mit anderen zusammen. Jeder von uns durchforstet sein Archiv nach gehaltenen Predigten und Schulstunden und schickt dem kranken Kollegen eine Auswahl. Der kann jetzt aufatmen, denn er hat erst einmal eine Grundlage für die ersten paar Wochen, auf die er aufbauen kann. Zusammen helfen ist effektiv."

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