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Über Tote soll man nicht schlecht sprechen – Wie nehmen wir Abschied?
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Über Tote soll man nicht schlecht sprechen – Wie nehmen wir Abschied?

Dr. Ursula Schoen
Ein Beitrag von

Dr. Ursula Schoen,

Prodekanin, Evangelisches Stadtdekanat Frankfurt

Über Tote soll man nicht schlecht sprechen! Das ist eine gängige Redensart. Das erlebe ich auch bei vielen Trauergesprächen. Da wird vom Leben einer Verstorbenen erzählt und ich höre zu. Als Pfarrerin komme ich meistens zu den Angehörigen nach Hause. Sie sind da, wo sie sich wohlfühlen, bei sich. Manchmal treffen wir uns auch in der Wohnung der Verstorbenen. Dann ist es oft so, als säße der Mensch noch neben uns.
Zuerst erzählen die meisten vom Todestag: Wo hat jemanden die Nachricht erreicht? Wann hat der Atem der Sterbenden plötzlich aufgehört? Später kommt langsam das ganze Leben in den Blick. Viele kleine und auch große Geschichten werden erzählt. Und tatsächlich: die meisten sind positiv! Stimmt es also, dass man über Tote nicht schlecht spricht? Ja, das stimmt! Ich erlebe allerdings nicht, dass Angehörige das Leben eines Menschen unbedingt „schön“ reden wollen! Sie wollen nicht die Schwierigkeiten eines Lebens und seine dunklen Seiten unter den Teppich kehren. Ich glaube das Bedürfnis, gut über eine Tote zu sprechen, geht viel tiefer. Zum einen ist da ein Gefühl der Fairness. Ein Toter kann sich schließlich nicht mehr wehren, wenn ich etwas über ihn sage. Er kann nicht mehr seine Version der Geschichte erzählen. Und wenn es schwere Vorwürfe sind, die ich erhebe, kann er auch nichts mehr wieder gut machen. Die Möglichkeiten, die ich mit diesem Menschen habe, sind mit seinem Tod erschöpft.
Im Abschied merken viele auch: Wie wenig habe ich eigentlich von diesem oder jenem gewusst! Was weiß ich von der Kindheit des Vaters in Schlesien? Wie hat die Schwester die Trennung der Eltern erlebt? Welche Herausforderungen gab es, weil das Geschäft bankrott ging? Welche Entscheidungen mussten im Krieg getroffen werden? Es gibt so viele verhüllte Seiten im Leben eines anderen, die sich Außenstehenden nie mehr öffnen werden. Welches Recht habe ich also, so oder so über ihn, sie zu urteilen?
Am Ende des Trauergespräches bete ich oft für die Verstorbenen und für alle, die da sind. Gottes Blick auf Menschen wird darin spürbar. Jeder Mensch ist vor Gott einzigartig. In Gottes Fürsorge kehrt er zurück. Das entlastet uns. Gott wird klären, was von uns nicht mehr geklärt werden kann. Er wird heilen, was wir nicht mehr heilen können. Gott wird in Ordnung bringen, wir nicht mehr gerade ziehen können.
Beim Beten spüre ich, wie wir frei werden. Ein neuer Blick auf das Leben eines verstorbenen Menschen öffnet sich. Gott hält nun das Ganze seines Lebens in der Hand. Es bleibt die Liebe, die Menschen verbunden hat.

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