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Türen öffnen sich
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Türen öffnen sich

Ein Beitrag von

Christiane Hoffmann,

Pfarrerin, Frankfurt

Liebe Hörerinnen und Hörer, liebe Gemeinde!
Verschlossene Türen öffnen sich. Menschen ohne Hoffnung finden wieder neuen Mut. Das ist Pfingsten!

Und so hat alles begonnen:
Die Jüngerinnen und Jünger damals in Jerusalem haben sich zurückgezogen. Abseits vom Festtrubel der Stadt sind sie zusammen. Hinter verschlossenen Türen. Haben sie gebetet oder gesungen? Haben sie still nach draußen gelauscht, voller Angst, dass die Stimmung umschlägt und sich gegen sie wendet?
Die meisten von ihnen werden Jesus gekannt haben. Einige waren ihm nach Ostern begegnet. Einige hatten miterlebt, wie er in den Himmel aufgehoben wurde. Aber jetzt sind sie unsicher geworden: Wie soll es weitergehen? Der auferstandene Jesus ist nicht mehr da. Und die Gemeinschaft der Jesusleute wird von all denen mit Argwohn betrachtet, die nicht dazu gehören. Aber sie können sich nicht immer verstecken. Es gilt, den Alltag zu bestehen. In dieser Stadt. Mit den anderen.
Sicher, so zusammen zu sein, das tut gut. Wenigstens nicht allein sein. Vielleicht erzählen sie, tauschen Erinnerungen aus: Wisst ihr noch, damals auf dem See? Da hat er geschlafen, trotz des Sturms. Und wir hatten solche Angst. Ach ja. Ist das wirklich schon so lange her?
Und dann? Dann wirbelt sie wieder ein Sturm durcheinander. Diesmal ein ganz anderer Sturm. Wie ein Brausen vom Himmel, wie viele Zungen, wie ein Feuer. Nicht Angst – Begeisterung schafft sich Raum. Und die Jüngerinnen und Jünger bleiben nicht, wie sie sind. Und sie bleiben nicht, wo sie sind.
Eben noch hinter verschlossenen Türen, gehen sie hinaus. Und nehmen die Herausforderung an, ihren sicheren Ort zu verlassen. Und von ihrem Glauben zu reden. Die Leute, die hören, was sie zu sagen haben, wundern sich. Oder machen sich lustig. Aber viele hören Worte, die ihnen zu Herzen gehen. Es ist wie ein Wunder: Verängstigte Menschen gewinnen wieder Mut. Verschlossene Türen werden geöffnet. Begeisterung schafft sich Raum.
Offene Türen. Begeisterung – Wie das an Pfingsten 2018 aussieht, darüber spreche, nachdem wir von Claritas Vocalis ein Pfingstlied von Moritz Hauptmann gehört haben: Komm, Heiliger Geist.
An Pfingsten entsteht Begeisterung. Und Begeisterung hilft, Türen zu öffnen, die vorher verschlossen waren.

Liebe Gemeinde, das spüren und erleben heute viele Menschen überall auf der Welt. Wir haben eben davon gehört, wie eine junge Frau im Ausland den Mut findet, wieder die Tür zu einer Kirche zu öffnen. Und wie sie in einer anderen Sprache plötzlich ganz neue und erfrischende Erfahrungen mit der Nähe Gottes machen kann. Begeisterung!
Oder der Lehrling im Hotel: Mit viel Elan, mit dem Übereifer des Anfangs stürzt er sich in seine Aufgabe. Scherben und Scheitern erteilen eine harte Lektion. Aber: er findet Verständnis und Ermutigung. Das prägt ihn und begeistert ihn für Beruf und Leben.

Begeisterung kann etwas Wunderbares sein, aber es gibt noch eine andere Seite.
Auf der anderen Seite kann ich auch vieles verlieren, wenn ich mich begeistern lasse. Türen zu öffnen oder offen zu halten, ist riskant. Denn wer sich hinter verschlossenen Türen aufhält, ist nicht so leicht anzugreifen. Oder zu verunsichern. Hinter einer verschlossenen Tür muss ich mich nicht mit denen auseinandersetzen, die anders sind, anders aussehen, anders denken, anders glauben. Wer unter seines – oder ihresgleichen bleibt, wer in geschützten und abgeschotteten Räumen lebt, wird nicht so irritiert. Der oder die kann mit einer gewissen inneren Zufriedenheit sagen: „Ich kann so bleiben, wie ich bin“.
Sicher, als die vielen Flüchtlinge in unser Land kamen – davon wurde uns eben auch berichtet – da haben viele Menschen sie freundlich empfangen, versorgt, sind ihnen beigestanden, bis heute. Aber die Unsicherheit lässt sich nicht übersehen, die damals entstanden ist und bis heute fortbesteht: Wenn sich Türen öffnen, wenn man drinnen und draußen nicht mehr klar unterscheiden kann, besteht dann nicht die Gefahr, dass wir vieles von dem verlieren, was uns wichtig ist?
Der amerikanische Präsident ist vielleicht auch deshalb fest entschlossen und hat schon damit begonnen, eine Mauer zwischen den USA und Mexiko bauen zu lassen – fast haushoch und über 3000 km lang. Mexikaner sollen keine Türen, keine Wege mehr in die USA finden, damit drinnen alles so bleiben kann, wie es ist.
Türen zu öffnen, das ist und bleibt immer ein Risiko. Das weiß auch die Frau die schon fünfzehn Jahren lang keinen Kontakt mehr zu ihrem Bruder hat. Damals, als die Mutter gestorben war, hatte es Streit gegeben. Die Mutter hatte verfügt, dass die Tochter den größeren Teil des Erbes bekommen sollte, weil sie sich in den letzten Jahren sehr um die Mutter gekümmert hatte. Der Bruder sah das nicht ein. Er wohnte woanders und konnte sich gar nicht so kümmern, wie er vielleicht gewollt hätte. Der Streit begann. Und hörte nicht auf. Wenn sie sich bei einem der Familienfeste begegneten, begegnen mussten, gingen sie sich aus dem Weg.
Und jetzt sagt die Tochter, selbst alt geworden: Soll das denn immer so weiter gehen? Müssen wir den Streit mitnehmen bis ins Grab? Sie nimmt sich vor: Ich rufe ihn an, sage: Lass uns doch noch einmal neu anfangen. Sie nimmt sich das vor, verschiebt den Anruf aber von Tag zu Tag und von Woche zu Woche. Sie weiß ja nicht, wie er reagieren wird. Wird er sie ins Leere laufen lassen? Sie auslachen? Das Feuer des Streites neu entfachen? Oder wird sie sogar am Telefon spüren, wie ihm ein Stein vom Herzen fällt. Und vielleicht alles wieder so wird, wie es einmal war?
Liebe Gemeinde, dass geöffnete Türen immer ein Risiko sind, damit müssen wir leben. Und dass unsere kleine Kraft oft nicht ausreicht, das Risiko zu wagen. Wir hören jetzt wieder Claritas Vocalis mit einer Vertonung des Vaterunsers von Gottfried Homilius. Danach spreche über die Frage: Woher nehmen wir dann die Kraft und den Mut, trotzdem den Schritt durch eine offene Tür zu wagen?

Woher nehmen wir die Kraft, Türen zu öffnen? Wir blicken noch einmal zurück in die Jahre nach dem ersten Pfingstfest, als das Christentum gerade erst begonnen hatte, sich auszubreiten. Da gab es die kleine christliche Gemeinde in Philadelphia auf dem Gebiet der heutigen Türkei. Im Buch der Offenbarung im Neuen Testament ist uns diese Geschichte angedeutet.
Seit dem Ereignis von Pfingsten waren einige Jahrzehnte vergangen, von der ersten Begeisterung nur noch wenig übriggeblieben. Sie versuchten zwar, in ihrer Umgebung von ihrem Glauben zu sprechen. Angst hatten sie zwar nicht, aber die Kraft fehlte ihnen. Und die Zuversicht, dass mit ihrer kleinen Kraft etwas Lohnendes entstehen könnte.
Und dann – überraschend – ein Brief. Ein Brief von jemand, der ihre Situation kennt und der fest davon überzeugt ist, dass es auch Jahrzehnte oder auch Jahrhunderte nach dem Wunder in Jerusalem wieder Pfingsten werden kann. Er schreibt:

„Ich weiß, wie du lebst und was du tust:
Du hast nur wenig Kraft,
aber du hast dich nach meinem Wort gerichtet
und dich unerschrocken zu meinem Namen bekannt.
Darum habe ich eine Tür vor dir geöffnet,
die niemand zuschließen kann.“

Nur ein Brief. Kein Brausen vom Himmel wie damals. Aber Worte in der Sprache Gottes. Nicht die große Kraft, keine Heldentaten werden erwartet. Stattdessen spendet er Trost und macht Hoffnung.

„Darum habe ich dir eine Tür geöffnet, die niemand zuschließen kann.“
Da sagt einer: Ich kenne dich. Ich kenne dein Leben. Ich weiß, was du brauchst. Ich sehe, wie du dich abmühst. Du fühlst dich allein, verlassen, klein. Manchmal willst du dich zurückziehen. Manchmal richtest du dich ein in deiner Angst. Manchmal erschrickst du vor deinem eigenen Mut und dir kommen Zweifel, ob du es schaffst.
Vertrau der Tür, die für dich geöffnet ist!
Auch wenn der Wind dir ins Gesicht bläst. Du bist nicht allein. Ich bin da, auch in der kleinen Kraft. Vertrau der geöffneten Tür! Ich traue es dir zu!
Amen.

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