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Stolpersteine – Wie wichtig Erinnerungen für die Zukunft sind
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Stolpersteine – Wie wichtig Erinnerungen für die Zukunft sind

Charlotte von Winterfeld
Ein Beitrag von

Charlotte von Winterfeld,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt

Sie sind flach im Pflaster eingelassen: mit Messing verkleidete Pflastersteine, auf denen ein Name und ein paar Daten eingestanzt sind. Zum Beispiel: Hier wohnte Jettchen Abermann, Jahrgang 1857, deportiert 1942, gestorben 1943 im KZ Theresienstadt.
Die sogenannten „Stolpersteine“ sind Erinnerungssteine für Menschen. Solche Stolpersteine finden sich in Frankfurt vor vielen Häusern. Hier haben früher Menschen als Mitbürger gelebt, bevor die Nazis sie abholten und in die Konzentrationslager deportierten: Juden, Sinti – Roma, Homosexuelle, behinderte Frauen und Männer, Regimegegner.
Wenn ich in Frankfurt-Höchst in der Einkaufszeile etwas erledige, dann springen mir oft Stolpersteine ins Auge. Manchmal bleibe ich kurz stehen und lese nach, wer hier gelebt hat.
Vor dem Drogeriemarkt lese ich: Hier wohnte Manfred Stern, Jahrgang 1901 Suizid 1937. Ich habe danach ein bisschen mehr recherchiert. Manfred Stern war Abteilungsleiter in einem Kaufhaus und wurde denunziert, weil er einer nichtjüdischen Kollegin eine Urlaubskarte geschickt hat. Die Anklage lautete auf „Rassenschande“. Er nahm sich im Gefängnis das Leben.
Vor einem anderen Geschäft ist der Stolperstein mit der Aufschrift: Hier wohnte Hermann Kühn, Jahrgang 1881, deportiert 1941, ermordet 1942. Er betrieb ein florierendes Lederwarengeschäft und war im Vereinsleben seines Stadtteils aktiv.
Die Stolpersteine erinnern an Frauen, Männer und Kinder, die bis zur Machtergreifung Hitlers ein ganz normales Leben führten. Direkt nebenan in meiner Straße, in meiner Nachbarschaft. Richtig stolpern kann man nicht über die flachen Steine. Aber die Menschen stoßen sich trotzdem daran.
Nicht alle wollen so eine Gedenkplakette vor ihrem Haus haben. Sie fühlen sich, so sagen sie wörtlich, „seelisch belastet“, wenn sie täglich mit diesem Thema konfrontiert werden. Oder sie sehen den Wert ihres Grundstücks gemindert. Andere hingegen finden das Projekt gut. Einige Hausbesitzer übernehmen selbst die Initiative, forschen nach früheren Bewohnern und übernehmen die Patenschaft für einen Stolperstein.
Die Opfer des Naziregimes wurden in den Konzentrationslagern und Gefängnissen zu Nummern degradiert. Ich finde es gut, dass auf den Steinen ihre Namen festgehalten und für die Zukunft aufbewahrt sind. Beim Verlegen der Stolpersteine sind manchmal Angehörige dabei. Denn es gibt für ihre Vorfahren ja keine Gräber auf einem Friedhof.
Was den jüdischen Nachbarn damals angetan wurde, ist zwar unvergleichlich. Trotzdem bekomme ich einen Impuls für die Zukunft, wenn ich an sie denke.
Ich möchte Menschen vor dem Vergessen bewahren. Ich möchte sie nicht als Nummer, sondern mit einem Namen im Gedächtnis behalten. Ich möchte mich daran erinnern, wo sie gelebt haben und warum sie gestorben sind.
Menschen vor dem Vergessen bewahren, damit sie nicht nur eine Zahl sind. Das gilt für alle Menschen. Zum Beispiel für die, die im Mittelmeer ertrinken, ohne dass ihre Namen irgendwo festgehalten werden. Im letzten Jahr waren das ungefähr 3000 Menschen. Oder für die rund 300 Menschen, die pro Jahr allein in Frankfurt ohne Angehörige bestattet werden. Im Talmud, einer der bedeutendsten jüdischen Schriften heißt es: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“

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