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Schwer zu tragen! Was bedeuten Schicksalsschläge für Menschen?
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Schwer zu tragen! Was bedeuten Schicksalsschläge für Menschen?

Dr. Ursula Schoen
Ein Beitrag von

Dr. Ursula Schoen,

Prodekanin, Evangelisches Stadtdekanat Frankfurt

Die Kapelle der Franziskaner ist klein und unscheinbar. Sie liegt an der Via Dolorosa in Jerusalem. Jesus ging diesen Weg zu seiner Hinrichtungsstätte, dem Berg Golgatha. Dort sollte er gekreuzigt werden. Er musste sein Kreuz selbst tragen. Dort wo die kleine Franziskaner-Kapelle heute steht, wird der Weg steil.
Die letzten Meter mit dem Kreuz müssen die härtesten gewesen sein. Seit dem Mittelalter wird hier eine Szene aus der Leidensgeschichte von Jesus nachgestellt. Im Matthäusevangelium steht: Die römischen Soldaten, die den Kreuzigungszug bewacht haben, zwingen einen Mann, Jesus das Kreuz abzunehmen. Der Mann kam gerade von der Feldarbeit nach Hause. Sein Name ist Simon.
Die Überlieferung in der Bibel endet gewissermaßen im „off“ – das Ende der Geschichte bleibt offen. Wie weit musste Simon das Kreuz tragen? Konnte er danach nach Hause gehen oder haben ihn die Römer festgehalten? Ist er vielleicht selbst am Kreuz gestorben? Davon steht nichts in der Bibel. Sicher ist: Die Strecke mit dem Kreuz muss für diesen Simon eine Qual gewesen sein. Das Kreuz drückte auf seinen Schultern. Würde er es je wieder loswerden? Überraschend wurde Simon aus seinem Lebensalltag herausgerissen, ungeplant und ungewollt, einfach nur, weil er zufällig an jener Kreuzigungsroute entlang lief. Nun musste er das Kreuz tragen. Schicksal, Tragik?
Das Bild des Kreuzträgers Simon berührt mich. Er steht für mich für Menschen, die ein Schicksalsschlag trifft. Menschen, die mit Lebenswenden fertig werden müssen, die sie nicht gewollt oder verschuldet haben. Sie haben auf einmal ein Kreuz zu tragen.
Jemand hat schwer zu tragen. Das war lange eine ganz gängige Redewendung. Früher stand sie häufig in Todesanzeigen von Frauen: „Sie hatte schwer zu tragen.“ Jeder wusste, diese Frau hat einen mühsamen Lebensweg hinter sich. Sie war ausgeliefert an unvorhersehbare Umstände. Ihr Alltag war hart gewesen.
Jemand hat schwer zu tragen. Vor kurzem bin ich dieser Redewendung wieder begegnet – auf einer Internetplattform für Alleinerziehende. Unter der Rubrik „Schwer zu tragen“ erzählen Frauen und Männer ihre Geschichte. Sie trauen sich zu sagen: „Das schaffe ich nicht! Mir wird alles zu viel. Das Leben erscheint mir ausweglos.“ Wichtig auf dieser Seite ist die zweite Spalte. Da antworten andere auf die Berichte: „Ich weiß, wie das ist! Ich nehme Dich jetzt in den Arm! Weine doch mal! Du schaffst das!“ Und sie geben Tipps, was helfen kann.
Die Geschichte des Simon hat in der christlichen Tradition eine Veränderung erfahren. In der Bibel wird er gezwungen, das Kreuz für Jesus zu tragen. Christen später haben sich das anders vorgestellt, nämlich dass Simon freiwillig angeboten hat, Jesus vom Kreuz zu entlasten. Schön wäre es! Schön wäre es, wenn ich auf den härtesten Strecken in meinem Leben nicht allein wäre. Und wenn ich anderen etwas abnehmen könnte, wenn sie schwer zu tragen haben."

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