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Scheibenwischer – Wie ich Durchblick bekomme
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Scheibenwischer – Wie ich Durchblick bekomme

Michael Tönges-Braungart
Ein Beitrag von

Michael Tönges-Braungart,

Dekan, Evangelisches Dekanat Hochtaunus

Für einen „Scheibenreiniger für die vordere Schutzscheibe an Kraftfahrzeugen" wurde am 24. März 1908 das Reichspatent erteilt. Der Erfinder war kein geringerer als Prinz Heinrich von Preußen, der Bruder des deutschen Kaisers Wilhelm II. Prinz Heinrich war ein Technikfreak. 1899 bekam er als erster die Ehrendoktorwürde der noch jungen Technischen Universität Berlin.
Die Idee des Scheibenwischers stammt nicht von ihm selber. Aber seine technischen Verbesserungen machten das Gerät überhaupt erst einsatzfähig. Heute sind Scheibenwischer Hightech-Produkte mit beheiztem Wischwasser, Intervallschaltung und Regensensor. Aber das Grundprinzip ist dasselbe geblieben: Ein Wisch-Arm mit Gummilippe sorgt beim Autofahren für klare Sicht. Und wie wichtig das ist, weiß jeder, bei dem der Scheibenwischer mal ausgefallen ist oder der sich mit schlechten Wischergummis bei Regen durch den Verkehr quält.
Klare Sicht – beim Autofahren ist das wörtlich gemeint. Aber auch im übertragenen Sinn ist klare Sicht wichtig. Da wird der Blick getrübt von vorgefassten Meinungen oder Vorurteilen, von positiven oder negativen Gefühlen, von eigenen Interessen und Ansprüchen, von Fake-News und alternativen Fakten. Manchmal wünsche ich mir einen Scheibenwischer, der das alles einfach wegwischt und für Durchblick sorgt. Das wünsche ich natürlich vor allem den anderen, die in meinen Augen oft wie blind unterwegs sind, während ich selber natürlich klar sehe. Deswegen gibt es ja die Scheibenwischerbewegung mit der Hand vorm Gesicht, die dem anderen signalisiert: Dir fehlt der Durchblick.
Aber wenn ich ehrlich bin: Mein Blick ist nicht immer ungetrübt. Den Durchblick habe ich längst nicht immer. Und manchmal merke ich es noch nicht einmal. Ich nehme gar nicht wahr, wie verzerrt ich die Dinge oder Menschen sehe, weil ich wie durch eine verschmutzte Scheibe schaue. Leider habe ich keinen geistigen Scheibenwischer, der mir den Blick dann schnell wieder frei macht.
Einen solchen Scheibenwischer als Patentlösung gibt es nicht. Aber wir haben doch Instrumente, die helfen können, einen klaren Blick zu bewahren oder wieder zu erlangen. In der Bibel steht: „Gott gab den Menschen Vernunft, Sprache, Augen, Ohren und das Herz zum Denken.“
Wenn ich nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen denke und wenn ich meine Gefühle nicht einfach über den Verstand regieren lasse, sondern sie auch einmal überdenke, dann hilft das zu einem klaren Blick. Oder es lässt mich zumindest erkennen, wo meine Sicht noch getrübt ist und ich den geistigen Scheibenwischer einschalten muss. Dazu brauche ich den Dialog, die Auseinandersetzung mit anderen – das Hören und das Reden, die Vernunft und das Herz. Und manchmal ist es ja auch jemand anderes, der mir die Scheibe putzt und mir wieder zu klarer Sicht verhilft."

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