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Nichts für die Tonne - Unser tägliches Brot
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Nichts für die Tonne - Unser tägliches Brot

Dr. Ulf Häbel
Ein Beitrag von

Dr. Ulf Häbel,

Evangelischer Pfarrer, Laubach-Freienseen

Brot wirft man nicht weg. Diesen Satz hat mir ein Lehrer vor fast siebzig Jahren beigebracht. Ich ging damals mit fünfzig anderen Kindern in die erste Klasse der Volksschule des Dorfes Ewersbach im Dillkreis. Der Lehrer hatte gesehen, dass ein Stück Brot im Papierkorb gelegen hat. Brot ist ein Grundnahrungsmittel. Brot ist ein Synonym für das, was man im Leben unbedingt braucht. Das muss man wertschätzen – du darf es nicht wegwerfen. Der Lehrer erzählte uns, wie viele Menschen kein tägliches Brot haben. Er erzählte, wie er als Soldat in der Kriegsgefangenschaft gehungert hat. Er erzählte von hungernden Menschen auf der Flucht. Das hat uns Kriegs- und Nachkriegskinder beeindruckt.
Heute wird in Deutschland fast die Hälfte aller Lebensmittel weggeworfen. Auch das Brot fliegt in die Mülltonne. Ein Bäcker hat mir erzählt, dass er noch eine Stunde vor Ladenschluss frisch gebackenes Brot in die Regale des Supermarktes bringen muss. Da muss immer alles voll sein, obwohl jeder weiß, dass kurz vor Ladenschluss kam noch jemand frisches Brot einkaufen will. Am nächsten Tag ist es alt und wird weggeworfen.
Brot wirft man nicht weg. Es könnte am nächsten Tag – meinetwegen zum halben Preis – verkauft werden; es ist über Nacht ja nicht schlecht geworden. Die Einrichtung der Tafeln in vielen Städten ist ein guter Weg, Brot und andere Lebensmittel weiterzugeben, statt sie zu vernichten.
Ich weiß, dass sich die Zeiten geändert haben von meiner Kindheit in der ärmlichen Nachkriegszeit zur heutigen Überflussgesellschaft, in der Nahrungsmittel einfach im Müll landen. Mich stört diese Verschwendungssucht. Mich stört, dass das tägliche Brot nicht mehr wertgeschätzt wird.
In Freienseen, einem Dorf im Vogelsberg, in dem ich jetzt lebe, gibt es ein paar Menschen, die altes und hart gewordenes Brot sammeln und uns zum Verfüttern bringen. Wir haben ein paar Tiere – Hühner, Schweine, Hasen, Ziegen. An die verfüttern wir Essensreste und Brot. In der Scheune stehen Eimer und ein Korb dafür. Ein paar Nachbarn, die alten Leute aus der Tagespflege, gelegentlich auch Kinder bringen uns das. Die Lebensmittel sollen nicht „zukommen". So nennt man das hier. Als Futter für die Tiere sind sie nützlich und werden verwertet.
Vor dem Korb mit den Brotresten standen einmal unsere Enkelkinder und der Nachbarsjunge. Sie sind zwischen eineinhalb und sechs Jahren alt. Sie wühlten in den Brotkanten, verschiedenen Brötchen, Knäcke- und Toastbrot herum. Sie haben sich etwas herausgesucht, was sie selber essen wollten. Das wäre zum Wegwerfen zu schade, fanden sie. Also wertgeschätztes Brot.
In der Küche habe ich den Kindern dann den Holzteller gezeigt. Den hat uns ein Schreiner vor achtundzwanzig Jahren zum Einzug geschenkt. Mit dunklen Buchstaben hat er in den Teller die Vaterunser-Bitte geschrieben: „Unser tägliches Brot gib uns heute." Seitdem hängt der Teller an der Wand. Und da bleibt er auch hängen als Erinnerung für uns und für die Enkelkinder: Brot soll man wertschätzen. Brot wirft man nicht weg.

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