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Mit Fragen die Welt verändern – Von der Erinnerungsguerilla
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Mit Fragen die Welt verändern – Von der Erinnerungsguerilla

Charlotte von Winterfeld
Ein Beitrag von

Charlotte von Winterfeld,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt

Jesus von Nazareth war ein Meister der Fragen.
Jesus fragt zum Beispiel: „Warum regst du dich über einen Splitter im Auge des anderen auf, wenn du selbst einen Balken im Auge hast?“
Kaum möglich, sich nicht angesprochen zu fühlen. Wie leicht rege ich mich über die Fehler von anderen auf, dabei sollte ich mich zuerst mit meinen eigenen beschäftigen.
Jesus fragt auch: „Was hat ein Mensch davon, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden an seiner Seele nimmt?“
Jesus verändert durch solche Fragen den Blick auf die Welt. Er stellt Menschen in Frage. Was passiert: Viele denken über eingefahrene Wege neu nach. Und sie handeln dann anders.
Jetzt gibt es eine Initiative, die es ähnlich macht. Sie will Menschen mit Fragen aus dem Alltagstrott reißen. Ihre Mitglieder kleben kleine gelbe Aufkleber dahin, wo viele Leute vorbei gehen. Oder verteilen sie an Passanten. Aufkleber mit Fragen drauf. Bei einem Spaziergang habe ich so einen Aufkleber auf dem Geländer einer Main-Brücke entdeckt. Mit schwarzen Buchstaben steht da: „Wofür verschwendest du deine Zeit?“ Die Frage hat mich den ganzen Spaziergang über nicht losgelassen. Ich habe darüber nachgedacht, dass ich oft Zeit vergeude. Dass ich mich viel zu oft über Kleinigkeiten aufrege und ärgere. Dass ich zu viel fernsehe. Dass ich gern weniger Zeit in Sitzungen verbringen würde und gern mehr draußen wäre. Nach dem Spaziergang hatte ich wirklich das Gefühl, dass diese eine Frage mein Gehirn frei gepustet hat.
Die Initiative, die solche Fragen da und dort aufklebt oder verteilt, nennt sich „Erinnerungsguerilla“. Klingt kämpferisch. Das Ziel der Aktion ist aber ganz und gar friedlich. Die Erinnerungsguerilla glaubt an die Kraft von Fragen, die daran erinnern: Was will ich eigentlich im Leben? Die Aufkleber mit den Fragen kann man bestellen. Jeder, der mitmacht, verteilt die Fragen, so wie er will: in U-Bahnen, auf Straßenlaternen, Mülleimern. Zum Beispiel: Wofür lebst Du? Tut es gut, was Du machst? Kannst Du (bitte) die Welt retten? Was brauchst Du, um ab heute Deine Träume zu leben? Kannst Du auch anders? Warum eigentlich (Pause) nicht?
Einige Mitglieder der Erinnerungsguerilla berichten im Internet von ihren Erfahrungen. Martin schreibt: „Ich drücke fremden Menschen schon mal einen Aufkleber in die Hand. „Wofür lebst du?“ ist gut zum Beispiel für gehetzte Schlipsträger.“ Martin ist selbst einer und beruflich mit der Frage täglich beschäftigt.
Eine Psychologin erzählt: „Ich arbeite in einem Frauen-Gefängnis und nutze die Aufkleber dort für unsere Insassinnen. Bei der Frage „Tut es gut, was du machst?“ fangen die Frauen oft an, sich und ihr Handeln zu hinterfragen.“
Für mich sind das Neu-Auflagen der Fragen von Jesus.
Durch bestimmte Fragen entsteht eine innere Unruhe in mir, die mich weiterbringt.
Auch Jesus hat diese Kraft, sich innerlich zu bewegen, gekannt und genutzt. Jesus setzt auf den Menschen, der ungeahnte Fähigkeiten in sich trägt. Fragen helfen, das bewusst zu machen. Jesus traut mir zu, dass ich mit ihm zusammen mich und die Welt verändere. Warum eigentlich nicht?

Siehe: die-erinnerungsguerilla.org

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