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Liebet Eure Feinde - auch im Straßenverkehr
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Liebet Eure Feinde - auch im Straßenverkehr

Regina Westphal
Ein Beitrag von

Regina Westphal,

Pfarrerin, Frankfurt

Meistens bin ich ein ausgeglichener Mensch. Wenn ich zur Arbeit laufe oder mit dem Fahrrad fahre, wundere ich mich manchmal über die Hektik im Verkehr, versuche aber, freundlich und gelassen zu bleiben.
Es gibt allerdings auch die anderen Tage, an denen ich fluchend hinter dem Steuer sitze oder laut zurückhupe, wenn ich mich vom Hintermann bedrängt fühle. Wohin nur mit der Wut, die sich manchmal aufstaut: im Straßenverkehr, wenn Bürgersteige zugeparkt sind, man an der grünen Ampel fast überfahren wird oder jemand einen blöden Spruch macht?
Da hab ich schon mal Rachegedanken: Hoffentlich wird der abgeschleppt, hoffentlich geblitzt oder von der Polizei angehalten. Anderen geht es ähnlich wie mir, alles Gedankenspiele. Doch manchmal bleibt es nicht beim bösen Gedanken oder der ungehörten Verfluchung.
Es gibt sogar Selbstjustiz im Straßenverkehr: Nachbarn zeigen sich gegenseitig bei der Polizei an, Auto- und Radfahrer schreien sich an. Fußgänger schimpfen auf beide. Einige verteilen selbst gebastelte Knöllchen. Mittlerweile kann man einigen Großstädten sogar schon Blöcke mit vorgefertigten Klebezetteln kaufen auf, denen dann Sprüche stehen wie zum Beispiel: „Parke nicht auf unseren Wegen!“.
Dass das nicht weiter führt, ist den meisten klar. Christen ist darüber hinaus ein Wort von Jesus wichtig:„ Liebet eure Feinde und bittet für die, die Euch verfolgen.“
Der Satz von Jesus ist natürlich in eine ganz andere Situation hineingesprochen. Die Anhänger Jesu mussten tatsächlich wegen ihres Glaubens um ihr Leben fürchten. Solche Feinde dann auch noch lieben, das macht die Forderung von Jesus besonders krass. In so einer Situation bin ich natürlich nicht. Aber: Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich die anderen im Straßenverkehr als meine Feinde ansehe.
Nun werde ich keine liebevollen Gefühle aufbringen für Leute, die mich aufhalten. So ist das wohl auch nicht gemeint. Ich versuch es mal zu übersetzen für mich im Straßenverkehr: Liebt eure Feinde! Das kann auch mal bedeuten: Den Vordermann vor der Ampel träumen lassen, ohne zu hupen, dem Drängler im Reißverschluss entspannt die Vorfahrt zu lassen, oder den Radler auf dem Gehweg freundlich anzulächeln, anstatt grimmig zu schauen.
Und selbst wenn das nicht immer gelingt, ich kann doch probieren, nicht alles Schwarzweiß zu sehen oder die Welt in Gut und Böse aufzuteilen.
Nicht immer bin ich die Gute und die andern die Bösen. Mein Fahrstil kann anderen auch mal auf die Nerven gehen.
Der andere ist auch nur ein Mensch. Und er macht seine Fehler auf der Straße meistens nicht, um mich zu ärgern, sondern weil er es gerade nicht besser konnte.
Ich muss nicht immer Recht haben und mich nicht rächen. Auch nicht beim Autofahren.

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