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Liebe hat kein Warum – Zum Tod von Ruth Pfau
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Liebe hat kein Warum – Zum Tod von Ruth Pfau

Charlotte von Winterfeld
Ein Beitrag von

Charlotte von Winterfeld,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt

Auf dem Foto lächelt sie mich verschmitzt an, eine Frau, mit vielen Falten und Runzeln, kurzen weißen Haaren und quicklebendigen Augen. Letztes Jahr ist Ruth Pfau gestorben. In Pakistan, wo sie seit vielen Jahren leprakranken Menschen geholfen hat.
Zwei Momente haben ihr Leben geprägt.
Kurz nach dem 2. Weltkrieg ist ihr kleiner Bruder schwer krank geworden und gestorben. Seitdem steht ihr Berufswunsch fest: Sie will Ärztin werden. Sie hat dann in Mainz und Marburg Medizin studiert.
Das zweite Erlebnis ist ein Mittagessen mit Kollegen. Mitten in der Zeit des Wirtschaftswunders in den fünfziger Jahren. Alle diskutieren darüber, welche Farbe das nächste Auto haben sollte. Ruth Pfau hat damals gedacht: „Das kann doch nicht alles sein: Wagen kaufen, Wagen verkaufen, einen größeren Wagen kaufen.“
Ruth Pfau ist auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Sie tritt in eine katholische Gemeinschaft ein. Von ihrem Orden wird sie nach Asien geschickt. Sie landet in Pakistan. In einem Slum sieht sie etwa 150 Lepra-Kranke. Sie liegen einfach so auf der Straße, ausgehungert, entstellt und ausgestoßen, aus Angst vor Ansteckung. Ruth Pfau kann nicht anders, sie bleibt und hilft. Später sagt sie dazu: „Für mich gab es keine Alternative zu dem, was ich tat. Da gab es kein „Warum“. Liebe hat kein Warum. Das ist der Platz, zu dem mich Gott geführt hat.“ Und sie begründet ihre Arbeit so: „Der Mensch hat ein Recht auf Würde und Glück. Er ist nicht dazu geboren, im Schmutz zu leben. Gott schafft keine Ausschussware.“
Sie gründet ein modernes Krankenhaus und entwickelt ein nationales Lepraprogramm und Krankenstationen, gerade auch in abgelegenen Bergdörfern und Wüstengebieten. Ruth Pfau hat viele Preise dafür bekommen, dass sie mehr als 50.000 Menschen von Lepra geheilt hat.
Was für ein Lebenswerk! Die plötzliche Entscheidung, leprakranken Menschen zu helfen, kommt mir vor, wie Liebe auf den ersten Blick. Das absolute Gefühl, genau am richtigen Ort zu sein.
Mich fasziniert die unbedingte Hingabe dieser Frau, die ihr ganzes Leben für eine Sache einsetzt. Ich könnte das nicht. Da sind zu viele Bedenken, zu viel Angst vor dem Risiko, zu viele Wenns und Abers in mir.
Andererseits steckt in menschlichen Beziehungen immer etwas Unkalkulierbares, das ich nicht begründen kann. Und es gehört zum Wesen der Liebe, in Vorleistung zu treten, ohne eine sichere Gegenleistung.
Vielleicht ist das ein Rezept für unsere Welt, von der viele meinen, sie ist aus den Fugen geraten. Erstmal selbst etwas einbringen, ganz ohne Begründung.
Auf dem Sterbebett sagt Ruth Pfau ihrem Nachfolger: „Es gibt nur einen Weg aus unseren heutigen Schwierigkeiten, und das ist, dass wir wieder lernen, einander zu lieben. Das ist so einfach und so schwierig.“

Siehe zum Beispiel: www.dahw.de/unsere-arbeit/vorbilder/ruth-pfau-mutter-der-leprakranken/ruth-pfau-lebenslauf.html

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