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Komm, lass uns leben!

Komm, lass uns leben!

Christoph Hartmann
Ein Beitrag von

Christoph Hartmann,

Lehrer und Referent für Schulpastoral, Fulda
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Wenn Ostern und der Frühling eine Botschaft haben, dann lautet sie für mich: Komm, lass uns leben! Diese Worte aus dem gleichnamigen Lied von Marius Müller Westernhagen gingen mir bei der Vorbereitung der Sonntagsgedanken nicht mehr aus dem Kopf. Dabei merkte ich, wie viel sie mit meinem Thema zu tun haben. Komm, lass uns leben. Ob Westernhagen die Worte auch in diesem Sinne verstanden hat, weiß ich nicht. Für mich treffen sie jedoch punktgenau den Kern der Jahreszeit, in der wir uns jetzt befinden. Spürbar wird das, wenn die Christenheit 50 Tage hindurch Ostern feiert, das Fest des Lebens. Warum so lange? Weil es das Leben Wert ist! Der Frühling lässt die Natur nur so voller Kraft und Blüte strotzen. Die Natur zeigt ihre Lebenskraft in voller Pracht! Leben ist bunt und schön! Auch die Natur ruft uns zu: Komm, lass uns leben! Kennen Sie Ereignisse oder Begegnungen mit anderen Menschen, die sie anregen ihr Leben in einem neuen Licht zu sehen oder sie gar zum Leben motivieren? Ich kenne gleich mehrere. Von zwei solcher Erfahrungen möchte ich Ihnen heute Morgen erzählen. Da war die Begegnung vor einigen Wochen mit dem älteren, hochgewachsenen Herrn an der Fußgängerampel. Sein Gehstock liegt auf dem Boden. Er hält sich an der Fußgängerampel fest und braucht offensichtlich Hilfe. Bei dem Versuch ihn sicher über die Fußgängerampel auf die gegenüberliegende Straßenseite zu begleiten, poltert es aus ihm heraus: Stehen sie sich immer selbst im Weg? Damit meint er mich. Jetzt bin ich sprachlos! Was soll das denn? Da will ich helfen und dann so was! Ich empfinde die Worte als unverschämt und ärgere mich auch darüber. Doch in diesem Moment mache ich gute Miene zum bösen Spiel und entscheide mich, ihn zu stützen und über die vielbefahrene Straße zu begleiten. Ganz irritiert von dieser Begegnung mache ich mich auf den Nachhauseweg. Was mich verblüfft, ist die Tatsache, dass der Satz des Unbekannten anfängt mich nicht mehr los zu lassen. Er trifft mich mitten ins Mark! Gerade in den letzten Monaten habe ich mir viele Gedanken über mein Leben gemacht. Im Zentrum des Nachdenkens stand für mich die Frage: Wie kann ich meine Träume und Sehnsüchte konkret werden lassen? Und genau hierauf geben mir die Worte des Mannes Antwort: Stehen sie sich immer selbst im Weg? Diese etwas komische Begegnung mit dem älteren Herrn hat mir gut getan. Ich verbringe seitdem nicht mehr so viel Zeit damit, Dinge zu zerreden. Ich versuche nicht mehr darüber nachzudenken, was andere dazu denken könnten. Ich bemühe mich, Dinge nicht mehr auf die lange Bank zu schieben. Ja, ich versuche es, mir nicht mehr selbst im Weg zu stehen. Meine Erfahrung damit: mehr Lebensfreude und Lebenskraft. Komm, lass uns leben.

Die zweite Begebenheit liegt nur wenige Wochen zurück. Kurz vor Ostern, Fastenzeit. Ich schaue mir mit meiner Klasse einen kleinen Videoclip über das Osterfest an. Dort begegnet mir zum ersten Mal bewusst die Geschichte vom Ei des Kolumbus. Wahrscheinlich kennen Sie die. Ich kannte sie nicht, zumindest nicht so. Und bin immer noch fasziniert. Also, Christoph Kolumbus entdeckt 1492 Amerika! Nach seiner Rückkehr in die Heimat sitzt er mit einigen Würdenträgern zu Tische und feiert die Entdeckung. Ein anwesender Kardinal, so die Erzählung, erhebt das Wort und sagt, dass die Entdeckung Amerikas doch nichts Besonderes sei. Man müsse doch nur das Segelschiff in eine Richtung steuern und so käme man automatisch dorthin. Das kann doch jeder, so der Kardinal. Kolumbus möchte diese Aussage so nicht stehen lassen. Er lässt sich daraufhin ein gekochtes Ei bringen und fordert die Anwesenden auf, den Versuch zu unternehmen, das Ei aufrecht hin zu stellen. Wie zu erwarten ist, gelingt es niemanden. Nun nimmt Kolumbus das Ei, schlägt es auf die Tischplatte, so dass die Schale zerbricht – und stellt das Ein hin. Das bleibt nun stehen. Und  verblüfft reagiert die restliche Festgesellschaft, dass sie das so natürlich auch gekonnt hätte. Kolumbus hat dazu nur eine Antwort: Richtig, hätten sie gekonnt. Nur der Unterschied ist: Ich habe es getan!Mir gefallen diese Worte: Ich habe es getan! Wie oft wird nur geredet, diskutiert und nichts geschieht! Wie oft sind viele Menschen Weltmeister im Kritisieren und lassen es selbst an Taten fehlen! Um diese Erkenntnis wusste schon der Heilige Franz von Assisi. Er betonte sehr deutlich: Das Evangelium, also die Frohe Botschaft sei Tat. Ich glaube: Wenn der Mensch mehr schweigt und dafür mehr tut, behält er umso mehr die Bodenhaftung. Er weiß, was er tut. Für mich haben die beiden Erzählungen eine starke Botschaft. Und die lautet: Ich muss mir nicht immer im Weg stehen. Und: Ich darf mutig meine Ideen und Träume leben!

Marius Müller Westernhagen hat wohl gespürt, dass „leben“ alleine nicht genügt. In seinem Lied ergänzt er diesen Lebensgedanken mit dem Vers: komm, lass uns lieben! Leben und Liebe! Zwei wunderschöne Worte voller Dynamik, Kraft und Bewegung. Da hat der Tod keinen Platz! Leben und lieben verlangen förmlich danach, dass sie konkret werden! Das geschieht in unseren menschlichen Beziehungen! Was wären Freundschaft und Ehe ohne lieben? Liebe ist hierbei das Band, das die Beziehung – ja das Leben – zusammenhält. Denn lieben ist gar nicht so schwer! Sagt zumindest Westernhagen. Und ich sage: Richtig, wenn ich mir nicht selbst im Weg stehe und es einfach tue. Dann wird eine Rose, ein gutes Wort oder Zeit, die ich mir freihalte zum Ausdruck der Liebe! Da wird „lieben“ konkret! Wenn ich mir die Welt und unsere Gesellschaft anschaue, weiß ich aber auch, dass Liebe endlich ist! Dass sie an ihre menschlichen Grenzen und Unvollkommenheiten stößt. Das kann schmerzlich und sehr frustrierend sein. Vor diesem Hintergrund bin ich dankbar dafür, dass meine Frau und ich glauben können. Dass nicht WIR alles aus uns heraus machen müssen. Nicht in uns liegt die Lösung aller Geheimnisse und Begrenztheiten des Lebens.  Für uns ist Gott der Schlüssel zum Leben. Mit seiner Hilfe versuchen wir es immer wieder aufs Neue die je eigenen und die Grenzen anderer zu überspringen. Unsere und die Unvollkommenheiten anderer auszuhalten. Wenn wir mit unserer Liebe am Ende sind, ist ER da – Gott! Das schenkt Zuversicht, die uns leben und lieben lässt. Für meine Frau und mich war dieser Zusammenhang so wichtig, dass sich diese Gedanken in unserem Hochzeitsspruch aus der Bibel im ersten Johannesbrief wiederfinden: „Wir wollen einander lieben, denn die Liebe ist aus Gott.“ Um der eigenen Grenzen zu wissen, ist das Eine. Dass Gott die Quelle der Liebe ist, das Andere. Komm, lass uns leben. Manchmal braucht es dazu einen ruppigen Engel an der Ampel, der einen Anstoß zum Nachdenken gibt. Manchmal braucht es eine gute Geschichte, die neuen Lebensmut weckt. Manchmal  braucht es Gottes Liebe, die stärker ist als aller menschliche Kleinglaube!
Komm, lass uns leben, denn lieben ist gar nicht so schwer!

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