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Tier und wir
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Tier und wir

Martin Vorländer
Ein Beitrag von Martin Vorländer, Evangelischer Pfarrer und Rundfunkbeauftragter für den hr, Frankfurt

Ein Sonntagmorgen auf dem Dorf. Zwei Jungs, sieben oder acht Jahre alt, basteln Steinschleudern. An Äste mit Gabelung knoten sie ein Gummiband – fertig ist die Zwille. „Komm, jetzt gehen wir in den Weinberg und schießen Vögel“, sagt der eine Junge zum anderen. Der schluckt. Den Vorschlag findet er schrecklich. Doch sein Freund stürmt bereits los. Was soll er tun? Sich vom anderen als Angsthase auslachen lassen? Er rennt hinterher.

Mit Gewissensbissen geht der Bub neben seinem Kameraden in Habachtstellung und spannt seine Schleuder. Er hat schon einen Vogel im Visier. In diesem Augenblick läuten die Glocken der Dorfkirche zum Gottesdienst. Der Junge springt auf und verscheucht die Vögel. „Ich bin bis heute dankbar für die Glocken“, wird er als alter Mann sagen. „Sie haben mir das Gebot ins Herz geläutet: Du sollst nicht töten. Neben diesem Gebot verblassen alle anderen.“

Der Junge von damals war Albert Schweitzer. Am 4. September vor fünfzig Jahren ist er gestorben. Er wurde neunzig Jahre alt. Das amerikanische „Life Magazine“ nannte ihn einen der großartigsten Menschen der Welt. Typisch sind die Bilder, die ihn in seinem Krankenhaus in Westafrika zeigen: Buschiger Schnauzbart, das volle Haar unter einem Tropenhelm, helles Hemd, schwarze Fliege.

Schweitzer ist so etwas wie ein Heiliger des zwanzigsten Jahrhunderts. Mit gerade mal dreißig Jahren war er bereits ein angesehener Theologe und Philosoph, dazu ein gefeierter Organist. Er hatte in Straßburg eine feste Stelle als Hochschullehrer. Da drückte er noch einmal die Studentenbank, studierte Medizin und ging nach Afrika. An einem bis dahin unbekannten Fleck am Äquator baute er ein Krankenhaus. Sein Urwald-Hospital Lambarene im heutigen Gabun wurde weltberühmt. Ein Leben lang haben Albert Schweitzer vier Worte angetrieben: Ehrfurcht vor dem Leben.

Musik: Obo Addy, Wawshishaijay, Our Beginning, gespielt vom Kronos Quartett

Albert Schweitzer ist 1875 als Sohn eines evangelischen Pfarrers geboren. Er wuchs in Günsbach auf, einem Dorf im Elsass. Später galt Albert Schweitzer als Multitalent und Genie. Er selbst sagte, er sei ein stiller, verträumter Schüler gewesen, der sich schwer tat mit dem Lesen und Schreiben. Er ließ sich leicht vom Blick in die Berge ablenken. Beim Abendgebet hat den kleinen Albert immer gestört: Warum soll ich nur für Menschen beten?

Wenn die Mutter das Licht gelöscht hatte, sprach er noch ein Zusatzgebet: „Lieber Gott, schütze und segne alles, was Odem hat. Bewahre es vor allem Übel und lass es ruhig schlafen.“ Aus dem verträumten Kind wurde ein Gelehrter und Musiker. Der junge Schweitzer schrieb ein aufsehenerregendes Buch über Jesus und eins über Johann Sebastian Bach. Mit einundzwanzig Jahren fasste er einen Beschluss: Bis zu seinem dreißigsten Geburtstag wollte er seiner Begabung als Theologe und Musiker nachgehen. Ab dann aber nahm er sich vor, den „Weg des unmittelbaren Dienens“ einzuschlagen.

So nannte er das. Er fand: Bücher schreiben, Orgel spielen ist nicht genug. Er wollte etwas tun, etwas verändern, helfen. Die Gelegenheit dazu flatterte ihm 1904 auf den Schreibtisch: ein Heft der Pariser Missionsgesellschaft, in dem stand: Es fehle an Menschen, die im damaligen Französisch-Äquatorial-Afrika helfen. Das verstand Schweitzer als seine Berufung. Jedoch: Die Missionsgesellschaft wollte den aufrührerischen Theologen zunächst nicht. Da dachte sich Schweitzer: Ich studiere Medizin.

Als Arzt können sie mich nicht ablehnen. Gesagt, acht Jahre später getan. Am Karfreitag 1913 stieg er mit seiner Frau Helene in seinem Heimatort Günsbach in den Zug. Die Glocken läuteten gerade zum Karfreitagsgottesdienst. In Westafrika, tief im Dschungel am Ogowe-Fluss gründeten sie das Krankenhaus Lambarene. Ein Hühnerstall war das erste Behandlungszimmer des „Grand docteur“, des „großen Doktors“, wie seine afrikanischen Patienten Schweitzer nannten. Nach und nach haben Schweitzer und seine Frau das Hospital zu einem Dorf erweitert mit eigenen Häusern für Leprakranke. Die Patienten kamen von weit her. Ihre Angehörigen brachten sie im Einbaum-Boot.

Jede Familie besaß höchstens ein Boot. War das für den Krankentransport belegt, konnte der Rest der Familie nicht fischen. Darum machte Schweitzer es zum Prinzip: Die Angehörigen wohnen mit im Dorf. Sie versorgen den Kranken und tragen zum Gemeinschaftsleben bei. Das Geld für Gebäude, medizinische Geräte, Arznei und Verbände sammelte Schweitzer mit Orgelkonzerten, für die er immer wieder nach Europa und in die USA reiste.

Zum Üben hatte er ein Klavier aus tropenfestem Mahagoni mit Orgelpedalen nach Afrika bringen lassen. Abends, am Ende eines langen Tages im Krankenhaus hörte man ihn spielen. Die Musik von Johann Sebastian Bach klang durch den Urwald. Wir hören eine Aufnahme von Albert Schweitzer. Er spielt auf der Silbermann-Orgel in der Kirche St. Aurélie in Straßburg ein Choralvorspiel über „Liebster Jesu, wir sind hier“.

Musik

Ehrfurcht vor dem Leben. Diese vier Worte haben Albert Schweitzer sein Leben lang angetrieben. Auf diese Formel kam er in Afrika. Es war die Zeit des Ersten Weltkriegs. Schweitzer war unterwegs auf dem Ogowe-Fluss mit seiner Frau Helene und dem Gabuner Mitarbeiter Joseph. Schweitzer erzählte Joseph, dass allein in einer Schlacht des Weltkriegs in Europa dreißigtausend Menschen getötet worden waren. Joseph konnte das nicht glauben: dreißigtausend Tote. Wie können Menschen sich so viel Leid antun?

Albert Schweitzer schaute auf die Landschaft am Fluss. Er sah Schmetterlinge über die Wasseroberfläche streifen. Im Fluss trieben Krokodile und schnaubten Nilpferde. Moskitos tanzten in der heißen Luft. „Wie im Bilderbuch“, dachte Schweitzer. „Die kleinen Insekten, die sich vor dem Schatten einer Wolke fürchten. Die träge Schlange, die emsige Ameise.“ Sie nehmen sich gegenseitig das Leben. Sie fressen und werden gefressen. Leben geschieht immer auf Kosten von anderen. Aber welche Kreatur nimmt sich mehr, als sie zum Leben braucht? Nur der Mensch. Was in aller Welt könnte uns Menschen davon abhalten? Und da waren sie, die vier Worte, die Albert Schweitzer ein Leben lang begleiteten: Ehrfurcht vor dem Leben. Was er damit meint, hat Schweitzer so beschrieben. Wir hören ihn selbst im Jahr 1951 bei einer Rede in der Frankfurter Paulskirche:

„Es braucht keine andere Lebens- und Weltkenntnis mehr als die, dass alles, was ist, Leben ist. Und dass wir allem, was ist, als Leben, als einem höchsten unersetzlichen Wert, Ehrfurcht entgegenbringen müssen.“

In der Bibel steht: „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn.“ Odem haben, leben – das verbindet für Albert Schweitzer alle Geschöpfe miteinander. In dieser Hinsicht gibt es für ihn keinen Unterschied zwischen Mensch und Tier, kein Einteilen in nützlich oder lästig, schön oder ekelig. Jedes Leben ist wertvoll. Jedes Geschöpf hat sein eigenes Recht zu sein und seine eigene Würde. Albert Schweitzer sagte:

„Ehrfurcht vor dem Leben schließt eine Unterscheidung zwischen höherwertigem und minderwertigem Leben aus.“

Schweitzer warnte davor, Leben zu sortieren nach lebenswert und lebensunwert. Wer Tiere so einteile, sei in Gefahr, ähnlich auch mit Menschen zu verfahren.

„Je nach den Umständen werden unter wertlosem Leben Insekten oder primitive Völker verstanden.“

Ehrfurcht vor dem Leben war für Albert Schweitzer der Maßstab für alles, was er tat und dachte. Ein Kollege von ihm, ebenfalls Mediziner, erzählte, dass man im Dorf Lambarene auf keine Ameisenstraße treten durfte. Von Gift gegen Ratten wollte Schweitzer nichts wissen. Man solle lieber Schutzzäune bauen. Morgens fütterte er seinen Pelikan Parzifal. Die Katze saß mit an seinem Schreibtisch und das Antilopen-Paar bekam zur Guten-Nacht noch ein Leckerli. Bei Albert Schweitzer war das nicht nur kuschelige Tierliebhaberei. Es drückte seine Haltung zum Leben aus. Berühmt ist sein Satz: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Aus Albert Schweitzers Mund klingt das so:

„Die unmittelbare Tatsache im Bewusstsein des Menschen lautet: Ich bin Leben, das leben will, inmitten vom Leben, das leben will. Diese allgemeine Bejahung des Lebens ist eine geistige Tat, in der der Mensch aufhört dahinzuleben, in der er vielmehr anfängt, sich seinem Leben mit Ehrfurcht hinzugeben, um ihm seinen wahren Wert zu geben.“

Musik: Johann Sebastian Bach, Singet dem Herrn ein neues LIed, Bachkollegium Japan unter Masaaki Sizuki

Ehrfurcht vor dem Leben hat politische Konsequenzen. Albert Schweitzers Freund Albert Einstein drängte ihn, sich dem Protest gegen Atomwaffen anzuschließen. Schweitzer zögerte. Er teilte zwar Einsteins fundamentale Kritik an Nuklearbomben, aber er wollte sein Projekt in Afrika nicht gefährden. Doch „die Bombe“ war ein beherrschendes Thema nach dem Zweiten Weltkrieg. Immer mehr fürchtete Schweitzer, dass der Mensch die Fähigkeit verloren habe, vorauszudenken und vorzusorgen. Seine düstere Prognose: Der Mensch zerstört am Ende alles Leben auf der Erde. Als er 1952 den Friedensnobelpreis erhielt, warnte er in seiner Dankesrede vor Nuklearwaffen und vor Atombombenversuchen. In Oslo sagte er:

„Nach einiger Zeit stellt sich dann aber heraus, dass die Zerstörungsgewalt einer vervollkommenden Bombe dieser Art ins Unberechenbare geht, und das schon allein ins Große gehende Versuche mit ihr zu Katastrophen führen können, die die Existenz der Menschheit in Frage stellen. Nun erst tut sich das Grauenvolle unserer Existenz ganz vor uns auf … Was uns aber eigentlich zu Bewusstsein hätte kommen sollen … ist dies, dass wir als Übermenschen Unmenschen geworden sind.\"

1963 schlossen die Sowjetunion, die USA und Großbritannien tatsächlich einen Vertrag zum Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser. Alle Atombombentests zu verbieten, dazu konnte man sich bis heute nicht durchringen. Es gibt weiterhin weltweit Atomwaffen. Die Menschheit kann nach wie vor sich selbst und alles Leben mehrfach auslöschen.

Musik: Erkki-Sven Tüür, Insula Deserta, Ostrobothian Chamber Orchestra unter Juha Kangas

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Albert Schweitzers Formel von der Ehrfurcht vor dem Leben fordert bis heute heraus. Wie verhalte ich mich gegenüber dem Leben, das mich umgibt? Das evangelische Magazin chrismon hat eine Umfrage gemacht: „Welche Tiere darf der Mensch töten?“ Eine Mücke, die mir den Schlaf raubt? Über 80 Prozent sagen: „Das darf man!“ Was ist mit dem Schwein? Da meinen fast drei Viertel: Ab auf den Teller oder den Grill!

Bei Mäusen und Maulwürfen sind die meisten schon vorsichtiger. Bei Katzen sowieso. Was das Lebensrecht der Spinne angeht, ist die Menschheit geteilt: Jede zweite Frau würde sie erschlagen. Sieben Prozent der Befragten meinen: Der Mensch darf kein Tier töten. Die Umfrage zeigt: Wir machen Unterschiede, wie wir mit Tieren umgehen. Die einen kuscheln wir, die anderen erschlagen wir, die dritten machen wir zu Kotelett. Das war schon immer so: Der Mensch sieht die eine Art als Haustier, die andere als Arbeits- oder Nutztier und für einige Tierarten hat er gar keinen Sinn.

Unsere Einstellung zu Tieren heute klafft immer weiter auseinander. Tierliebe wird groß geschrieben. Der Hund darf im Bett schlafen, bekommt Hüftoperationen und Rollator. Immer mehr Menschen wollen sich am liebsten neben ihrer Katze beerdigen lassen. Wir halten Millionen von Tieren. Doch die meisten sehen wir gar nicht. Sie verschwinden in den Betrieben für Hühner, Schweine oder Kühe und dann im Schlachthof. Dem Wiener Schnitzel oder Coq au vin sehe ich nicht an, wie das Kalb und der Hahn gelebt haben, bevor sie ihr Fleisch und Leben für mich gegeben haben.

Es ist moralisch schizophren, wie wir einerseits Tiere lieben und sie andererseits zum Ramschprodukt machen. Es wäre einfach, mit dem Finger auf die Massentierhaltung, die Viehtransporte und Schlachthöfe zu zeigen. Ich stecke in dem Kreislauf mit drin. Die Agrarwissenschaftlerin Maren Heincke ist Referentin für Landwirtschaft der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Sie sagt: „Natürlich können Sie Vegetarier oder Veganer werden. Aber Leben ist immer Leben auf Kosten von anderen.“ So weit Maren Heincke. Das sah auch Albert Schweitzer so. Leben ist fressen und gefressen werden. Schweitzer fragte weiter: Welche Kreatur nimmt sich mehr, als sie zum Leben braucht? Nur der Mensch. Wie finden wir zu unserem Maß und zu so etwas wie der Ehrfurcht vor dem Leben?

Am Anfang der Bibel wird erzählt, wie Gott die Welt und alle Lebewesen geschaffen hat. Er schuf Vögel, Fische, Würmer, Säugetiere und segnet sie. Der erste Segen in der Bibel gilt den Tieren. Von jedem Lebewesen heißt es: Gott schuf sie, „ein jedes nach seiner Art.“ Von der Amöbe bis zum Blauwal. Tiere brauchen keine Menschenrechte. Sie brauchen unseren Respekt vor ihrer eigenen Art, die Gott ihnen gegeben hat. Albert Schweitzer formulierte einen klaren ethischen Maßstab:

„Gut bedeutet, Leben zu fördern, schlecht ist es, Leben in seiner Entwicklung zu behindern.“

Ich bin Leben, das leben will. Das heißt: Ich will und muss mich auch ernähren. Schweitzer war nicht naiv. Er wusste, dass in dieser Welt der Löwe nicht friedlich neben dem Lamm lagert. Die Tiere und genauso der Mensch ernähren sich von anderen Lebewesen. Wenn es sein muss, dass man Tiere tötet, um selbst zu leben, dann galt für Schweitzer das Gebot: Du sollst nicht quälen. Für die Agrarwissenschaftlerin Maren Heincke beginnt das bei der Tierhaltung. Wie wir Tiere halten, muss sich nach den Grundbedürfnissen des Schweins, der Kuh oder des Huhns richten. Nicht allein danach, dass die Tiere möglichst billig möglichst viel Fleisch, Milch oder Eier erbringen.

Maren Heincke hat beim Kalben einer Kuh, aber auch beim Schlachten geholfen. Sie sagt: „Gut schlachten heißt gezielt, schmerzfrei, angstfrei schlachten.“ Fleischessern empfiehlt sie: „Wir essen zwei- bis dreimal mehr Fleisch, als gut für uns ist. Es geht gar nicht um Verzicht, sondern um die gesunde Menge.“ Weniger Fleisch – gut für Mensch und Tier. Ein erster Schritt in Richtung Ehrfurcht vor dem Leben. „Zurück zum Sonntagsbraten!“, rät die Landwirtschaftsexpertin Heincke. Kein Fleisch oder wenig Fleisch unter der Woche, dafür ein besonderes Fleischgericht am Sonntag. Der Sonntagsbraten darf schmecken, mit der gehörigen Portion Ehrfurcht vor dem Leben. Mir gefällt der Name von Albert Schweitzers Dorf in Westafrika: Lambarene. Das bedeutet in der Landessprache: „Wir wollen es versuchen.“

Musik: César Franck, Psalm 150, Bachchor Mainz und L’Arpa Festante München unter Ralf Otto

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