hr1 ZUSPRUCH
hr1
Schäfer, Christoph

Eine Sendung von
Christoph Schäfer,
Katholischer Religionslehrer, Rüsselsheim

00:00
00:00
Eine Person zeigt auf einen Bildschirm mit dem Text „Welcome to the Future“. Im Hintergrund sind Silhouetten von Menschen zu sehen, die aufmerksam zuhören. Der Bildschirm ist mit bunten, kreisförmigen Mustern dekoriert.

Wege und Umwege nach dem Abi

Bei uns an der Schule geht es diese Woche spannend zu: Die mündlichen Abiprüfungen starten. An vielen Orten in Hessen passiert das ja gerade. Mehr oder weniger zeitgleich. Ich drück die Daumen: den Schülerinnen und Schülern sowieso. Aber auch den Lehrkräften. Und den Eltern. Als Papa und als Lehrer weiß ich: „Mündliches Abi“ ist auch aufregend, wenn man selbst keine Fragen beantworten muss. 

„Keine Ahnung, was dann ansteht“

Wenn diese letzte Abi-Hürde überwunden ist, wird ja erst mal gefeiert: Betont seriös beim Zeugnisverleihen. Deutlich partymäßiger auf dem Abiball. Dann kommt die Welt jenseits der „Käseglocke“ namens Schule. Ich merk bei Gesprächen: Einige Schüler haben feste Pläne. Andere erklären: „Keine Ahnung, was dann ansteht.“ Viele liegen irgendwo dazwischen: Schmieden Pläne, verwerfen sie gleich wieder. Oft spür ich: Weil jetzt so viele Wege offenstehen, wollen viele bloß nicht falsch abbiegen. 

Wo wollen wir jetzt Wurzeln schlagen?

Ich erinner mich: Das Gefühl hatte ich nach dem Abi auch. Und, ehrlich gesagt: auch später immer wieder mal. Etwa bei der Entscheidung für den ersten festen Job. Oder bei der Familien-Frage: Wo wollen wir jetzt Wurzeln schlagen? Egal welches Alter oder welcher Schulabschluss: Dieses Gefühl von „bloß jetzt nichts falsch entscheiden!“, das gehört wohl zum Erwachsensein dazu. Es ist ja auch wichtig. Denn es geht schließlich um was. Allerdings: Es kann auch lähmen. 

Umwege erhöhen die Ortskenntnis

Ich hab in solchen Entscheidungsmomenten gemerkt: Bevor es so weit kommt und ich gelähmt bin, haben mir oft ganz bestimmte Menschen gutgetan: Sie haben eine Mischung aus Humor, Toleranz und Gottvertrauen ausgestrahlt. Ich denk etwa an einen Pfarrer, der vermittelt hat: Ein erfülltes Leben ist nicht automatisch mit einem schnurgeraden Lebenslauf verbunden. Lächelnd hat er erklärt: „Umwege erhöhen die Ortskenntnis“. 

Ganz im Sinne der Bibel

Das ist ganz im Sinne der Bibel: Dort werden schnurgerade Lebensläufe natürlich nicht verurteilt. Aber oft kommen Menschen an besonders wichtige Ziele, die vorher Umwege gemacht haben. Der frühere Christen-Hasser Saulus wird etwa zum einflussreichen Missionar Paulus. Und der Prophet Jonas bricht erst ans andere Ende der Welt auf, bevor er eine lebensrettende Mission in der Stadt Ninive erfüllt. 

Sie erhöhen die Ortskenntnis

Ich find, das ist ein gutes Motto: „Keine Angst vor Umwegen. Sie erhöhen die Ortskenntnis.“ In diesem Sinn drück ich den Abiturientinnen, den Abiturienten und allen Schulabgängern noch einmal extra die Daumen: für eine schöne, glückliche Zeit danach.