hr1 ZUSPRUCH
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Porträt einer lächelnden Frau mit grauem, kurzem Haar und einer modischen Brille. Sie trägt ein dunkles Oberteil und eine Perlenkette. Der Hintergrund ist weich und neutral gehalten.

Eine Sendung von
Almut Siodlaczek,
Sozialarbeiterin und Diakonin Ev.-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten), Ober-Ramstadt

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Ein Mann mit einem gestreiften Hemd und einem Hut steht vor einem Hühnerstall. Er hält ein Huhn in der linken Hand und betrachtet ein Ei in der rechten Hand. Der Hintergrund zeigt eine ländliche Umgebung mit weiteren Hühnern und Stallstrukturen.

Leute leben lassen

Als Kind habe ich eine wichtige Lektion gelernt: Wie man Menschen akzeptiert, auch wenn sie seltsam erscheinen. Mein Vater war mir dabei ein wichtiger Lehrer.

Was prägt unsere Haltung gegenüber anderen?

Ich muss ungefähr 11 oder 12 Jahre alt gewesen sein. Mein Vater war der Eiermann in unserer Umgebung. Er hat Menschen mit Eiern beliefert - manchmal bis in die Wohnung. Jede Woche. Immer zur gleichen Zeit. So kam er in viele verschiedene Häuser. In Wohnungen von reichen und von armen Leuten.

Einblick in verschiedene Lebenswelten: Was wir dabei lernen können

In den Ferien habe ich dabei geholfen. Einmal hat mein Vater mich allein zu einer Kundin geschickt. Er hat in der Zeit das Nachbarhaus versorgt. Zurück am Auto war ich entrüstet: „Papa! Stell dir vor, wie es bei der Frau ausgesehen hat! Überall Zeug. Bis an die Decke! Ich konnte kaum die Eier in die Küche bringen.“

Warum urteilen wir vorschnell?

Ich hatte so was noch nie gesehen. Und ich habe meinen Vater gefragt: „Das ist doch schrecklich! Warum lebt die Frau so?“ Mein Vater hat geantwortet: „Das weiß ich nicht. Wir kennen ihre Geschichte nicht. Vielleicht will sie so leben. Vielleicht kann sie auch nicht anders. Und überhaupt: Sie zu beurteilen ist nicht unsere Aufgabe. Wir bringen ihr die Eier. Und wir sind freundlich zu ihr. So, wie zu allen anderen.“

Was bedeutet echte Freundlichkeit im Alltag?

Das hatte ich an meinem Vater schon oft beobachtet: Er konnte wirklich mit allen gut reden. Ich hab‘ nie gehört, wie er über Menschen geschimpft oder hergezogen hat. Sein Grundsatz war: „Gott nimmt mich so an, wie ich bin. Also akzeptiere ich andere auch.“

Akzeptanz ist nicht immer leicht umzusetzen

Das ist ihm bestimmt nicht immer leichtgefallen. Und manchmal vielleicht auch nicht gelungen. Aber das war seine innere Haltung. Auch heute begegnen mir immer mal seltsame Menschen. Die wirken schrullig oder chaotisch. Und manchmal ertappe ich mich, wie ich vorschnell urteile. 

Meine Aufgabe im Umgang mit anderen

Dann erinnere ich mich an meinen Vater und frage mich: Was genau ist hier gerade meine Aufgabe? Um die zu erledigen, muss ich kein Urteil fällen. Ich kann einfach erstmal freundlich sein. Denn ich kenne das Leben des anderen nicht. Aber ich weiß: Gott nimmt mich an, wie ich bin. Das ist Grund genug, es anderen gegenüber genauso zu versuchen.