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Deutsch-türkische Weihnachten

Deutsch-türkische Weihnachten

Martin Vorländer
Ein Beitrag von Martin Vorländer, Evangelischer Pfarrer und Rundfunkbeauftragter für den hr, Frankfurt

„Dieses Jahr wollte ich an Weihnachten streiken“, erzählt mir Özlem, eine deutsch-türkische Freundin. „Mein Mann kümmert sich um nichts. Unser kleiner Sohn will natürlich einen Adventskalender mit Schokolade haben, einen Weihnachtsbaum, Geschenke und überall Sterne. Und wer darf sich darum kümmern? Ich, die einzige Muslima in der Familie. Ich bin immer die Religionsbeauftragte.“

„Und“, frage ich sie. „Fällt Weihnachten dann dieses Jahr bei euch aus?“ Özlem lächelt: „Nein, natürlich nicht. Ich kann doch selber nicht darauf verzichten. Ich finde es einfach so schön.“ Ich will wissen, was ihr als Muslima daran so gefällt. Sie überlegt und antwortet: „Es ist ein so sinnliches Fest mit den Düften und Plätzchen und den vielen Lichtern. Und mir gefällt die Botschaft: Gottes Liebe für die Erde.“

Ich frage weiter: „Und eine Krippe mit Maria und Josef und dem Jesuskind. Stellst du die auch auf?“ „Klar!“, sagt Özlem. „Jesus kommt auch im Koran vor und sogar, dass er von der Jungfrau Maria geboren wurde.“ „Das schon“, sage ich, „aber Jesus als Gottessohn, so wie wir Christen es glauben: Dass Gott in diesem Kind in der Krippe Mensch geworden ist.“

„Nein“, antwortet Özlem. „Das nicht. Jesus ist für uns Muslime ein Prophet. Sogar ein besonderer Prophet, nämlich der letzte vor dem Propheten Mohammed. Gott ist groß, sagt der Koran. Gott kann kein kleiner Mensch werden.“ Ich antworte: „Aber das macht für mich gerade die Größe Gottes aus: Der große Gott macht sich so klein wie ein Kind, damit er uns unendlich nahe sein kann.“

Özlem findet: „Das ist ein schöner Gedanke. Aber ich als Muslima kann mir das trotzdem nicht vorstellen.“ Nach einer Pause fügt sie hinzu: „Die Liebe bleibt. Die Liebe Gottes und der Auftrag an uns, Liebe weiter zu schenken.“ Da sind Özlem und ich uns einig.

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