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Augenweide

Augenweide

Martin Vorländer
Ein Beitrag von Martin Vorländer, Evangelischer Pfarrer und Rundfunkbeauftragter für den hr, Frankfurt

Ich mag das Wort „Augenweide“. Augenweide, das klingt, als würden die Augen wie zwei kleine Schafe über grüne Wiesen wandern und sich richtig satt sehen: An Sonnenblumenfeldern, am Sternenhimmel in einer Spätsommernacht, an einem Menschen, den man gerne sieht, an der Landschaft, die jetzt im August so üppig ist: dichte Weinberge, schwere Trauben, Johannisbeeren, die rot aus den Blättern hervorleuchten, das Strohgelb abgemähter Getreidefelder.

Im Büro schaut man oft den ganzen Tag nur auf Papiere, E-Mails, Dateien oder Tabellen, bis die Augen flimmern. Wer sich völlig überarbeitet, schaut meistens nur noch vor sich hin. Der Blick ist stumpf, die Augen sind von Bildern, Buchstaben und Zahlen überfüttert und brennen. Mir hilft es, ab und zu den Blick für ein paar Momente vom Bildschirm nehmen und schweifen lassen: Auf die Blume, die auf dem Schreibtisch steht, auf das Foto der Familie, das man sich aufgestellt hat, oder zum Fenster hinaus auf die Straße.

Keine Sorge, dadurch reißt kein Schlendrian ein. Das ist Fitness für die Augen. Es ist eine Erfrischung und ein Schutz vor Ausgebranntsein. Wir sind keine Maschinen, die rund um die Uhr funktionieren. Jeder Mensch braucht kleine Fluchten am Tag, Momente der Besinnung. In einem Psalm in der Bibel heißt es: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“ (Psalm 21). Und dann kommt das Bekenntnis: Meine Hilfe kommt von Gott, der das alles gemacht hat, was ich sehe. Die Augen heben und über mich selbst und meine Situation hinausschauen, kann mir zum rettenden Einfall verhelfen.

Sehen in der Bibel ist nicht einfach nur Sinneswahrnehmung – zum einen Auge rein, zum anderen wieder raus. Richtiges Sehen bedeutet Erkennen. Die Eindrücke prasseln nicht nur auf mich ein, sondern ich sehe das Wesentliche. Die kleinen Augenblicke, in denen man über das Unmittelbare hinaus schaut, schärfen und weiten den Blick. Dann ist der Alltag nicht mehr Grau in Grau, sondern wieder voller Farbe.

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