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Nichts zu verlieren

Nichts zu verlieren

Martin Vorländer
Ein Beitrag von Martin Vorländer, Evangelischer Pfarrer und Rundfunkbeauftragter für den hr, Frankfurt

Mir wurde meine Tasche gestohlen. Da war alles drin, was ich täglich brauche: Schlüssel, Geldbeutel, Ausweise, Bankkarte, mein Kalender mit allen Terminen, mein Handy, USB-Stick mit wichtigen Dateien. Gemein, blöd, unendlich nervig. So fühlt sich das an. Und noch mehr: Ich komme mir ziemlich blank vor. Die Sachen, mit denen ich sonst meinen Alltag organisiere, sind weg. Das raubt mir meine Sicherheit. An jedem Stück hängt viel dran – Zeit und Arbeit, die ich hineingesteckt habe, Kontakte, ein Stück Leben, das ich da täglich in meiner Tasche mitgetragen habe.

Gleichzeitig sehe ich die Bilder im Fernsehen von den Flüchtlingen am Eurotunnel in Calais. Dreitausend bis Fünftausend campieren dort in notdürftigen Zelten. Einer von ihnen, Muhammed aus Pakistan, zeigt, wo er schläft. Eine Matratze und ein paar Habseligkeiten. Er besitzt nur noch das, was er am Leib hat. Er hat nichts zu verlieren. Sein Zuhause, seine Heimat, seine Familie und Freunde, Menschen, die seine Sprache sprechen – das alles hat er auf seiner Flucht zurückgelassen. Was er noch sein Eigen nennt, ist sein Leben. Und das riskiert er jede Nacht. Wie Hunderte andere Flüchtlinge versucht Muhammed, über die Absperrungszäune zu klettern und es irgendwie durch den Eurotunnel nach England zu schaffen. Dort hofft er auf bessere Asylchancen und Lebensbedingungen als in Frankreich.

Wie verzweifelt muss er sein. Und wie blank steht er da. Mit nichts, was ihm Sicherheit gibt. Jesus Christus sagt einmal: „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet“ (Matthäus 25,35). In England und Frankreich rüsten sie gewaltig auf in diesen Tagen – gegen die, denen nichts mehr geblieben ist außer dem nackten Leben.

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