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Noch ist ein No-Go

Noch ist ein No-Go

Martin Vorländer
Ein Beitrag von Martin Vorländer, Evangelischer Pfarrer und Rundfunkbeauftragter für den hr, Frankfurt

„Das Wörtchen ‚noch‘ ist bei uns ein No-Go, das geht überhaupt nicht“, sagt Schwester Aurelia Spendel. Sie ist Nonne in einem Dominikanerkloster. „Mich fragen oft Leute: Wie viele sind Sie im Kloster – noch?“ Schwester Aurelia stellt die Frage anders: „Wie viele sind wir – jetzt? Wer sind wir – jetzt?“

Sie findet: „Ich lebe bewusster, wenn ich um meine Vergangenheit weiß, ohne an ihr zu kleben. Klar habe ich Hoffnungen für die Zukunft. Aber ich lebe – jetzt.“ Um im Jetzt zu leben, sagt Aurelia, muss man loslassen können. Leben heißt ständig Abschied nehmen. Das fängt bei den Bildern an, die man von sich selbst hat und die man sich von anderen macht. „Ich bin nicht auf ewig die junge, schlanke Nonne. Das ändert sich“, schmunzelt die resolute Rheinländerin. „Bei jeder Begegnung kommt es doch nur darauf an: Wer bin ich – jetzt? Und wer ist mein Gegenüber – jetzt?“

Loslassen und im Jetzt leben. Das fällt ihr nicht immer leicht. Gerade hat sie ihre Ordensschwester Antonia beerdigt. „Es fällt mir schwer, sie loszulassen. Aber es ist auch ein Gewinn.“ Aurelia muss nun mehr selber machen. Dabei hat sie Antonias Stimme im Ohr: „Mach das so.“

Was hilft beim Abschiednehmen? Aurelias spontane Antwort: „Singen!“ Damit trete ich aus mir heraus. Und dann: mit den Händen arbeiten, im Garten jäten, im Haushalt aufräumen. Damit gebe ich meinem Inneren Ausdruck. Genauso im Gebet. „Beten ist ein Tätigsein aus Gott und zu Gott hin.“

Singen, mit den Händen arbeiten, beten. „Das bahnt Zugangswege zu neuem Leben“, sagt Aurelia. „Jeder Schritt ist ein Schritt im Jetzt. Der Tod macht mir noch immer Angst. Aber wenn er kommt, frage ich: Und jetzt?“

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