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Kino-Tag und die Kunst des Abgangs
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Kino-Tag und die Kunst des Abgangs

Martin Vorländer
Ein Beitrag von Martin Vorländer, Evangelischer Pfarrer und Rundfunkbeauftragter für den hr, Frankfurt

Donnerstag – Kinotag. Neue Filme laufen an. In das Kino, in das ich manchmal gehe, komme ich rein wie in einen Palast. Großer Eingang, rote Teppiche, erhebender Treppenaufgang, weite Flure, die mich zu den Kinosälen führen. Ich throne in meinem Kinosessel und lasse mich unterhalten.

Der Film ist aus, das Licht geht wieder an. Ich gehe zum Ausgang. Kaum bin ich aus dem Saal draußen, finde mich in einem kahlen Treppenhaus wieder. Durch die Hintertür komme ich wieder ins Freie.

Pompöser Eingang, schäbiger Abgang. Der Münchner Zeitforscher Karlheinz Geißler meint: Das ist bezeichnend für unsere Art zu leben. Er sagt: „Der Schluss ist für unsere Gesellschaft etwas Lästiges, Unangenehmes, Unbedeutendes. (…) Wir haben zwar alle immerzu Termine, aber nehmen sie nicht wirklich ernst“, schreibt er. „‘Terminare‘ heißt nämlich beenden, abschließen, abgrenzen. Genau dies tun wir nicht.“

Geißler meint sogar: Das hat mit dem Glauben an ein ewiges Leben zu tun. Wer nicht mehr auf den Himmel hofft, versucht das Leben jetzt zu verewigen.  Es ist dann schwer zu akzeptieren, dass es ein Ende gibt und man loslassen muss.

Ich finde, das ist Stoff zum Nachdenken. Packe ich meinen Tag voll mit Terminen, um ihn zu verlängern? Es ist tatsächlich schwer, ein Projekt auf eine gute Weise zu beenden, wenn ich merke, dass es seine Zeit gehabt hat. Und was ist mit dem Halbfertigen, bei dem ich kein Happy End hinbekomme? Verabschiede ich das sang- und klanglos über die Hintertreppe?

Ein Tag voller Termine liegt vor mir. Vermutlich werde ich auch heute nicht alles zu einem guten Ende bringen, was ich mir vorgenommen habe. Mir hilft ein Dialog aus dem Kinoklassiker „Manche mögen’s heiß“. Da lautet der letzte Satz: „Nobody’s perfect“ – keiner ist perfekt. Dazu genehmige ich mir eine morgendliche Portion Hoffnung auf Ewigkeit: Die offenen Enden und losen Stränge meiner Tage wird einmal ein anderer zu einer himmlischen Handlung zusammenbinden und einen göttlichen Film daraus machen.

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