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Das Lächeln des Griesgrams

Das Lächeln des Griesgrams

Martin Vorländer
Ein Beitrag von Martin Vorländer, Evangelischer Pfarrer und Rundfunkbeauftragter für den hr, Frankfurt

Im Zug ist der Großraumwagen gut besetzt. An einer Station schlurft ein älterer Herr herein. Schon aus der Ferne sehe ich: Der ist ein Griesgram. Natürlich steuert er den freien Platz neben mir an und lässt sich mit mürrischem Brummen in den Sitz fallen.

Er verbreitet schlechte Luft und schlechte Laune. Er schimpft vor sich hin, ohne mich oder irgendjemand anderen richtig anzusprechen. Er schimpft einfach, um zu schimpfen. Dass der Zug schon wieder zu spät war, so eine Unverschämtheit. Sind denn alle unfähig? Und überhaupt, warum ist hier alles so voll? Man kriegt kaum einen Platz, niemand steht für einen auf. Gute Kinderstube, das ist wohl heute ein Fremdwort. Was muss die da vorne so laut telefonieren? Hat man denn nirgendwo seine Ruhe?

Er redet und redet. Auf den Plätzen etwas weiter vorne sitzt eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn. Der Junge im Kindergartenalter hat den Tisch am Sitz heruntergeklappt und malt auf einem Papier. Auf einmal steht er auf, nimmt sein Bild und trabt den Gang entlang. Er kommt direkt auf den vor sich hin motzenden Herrn neben mir zu.

„Was willst du?“, setzt der schon an. Der Kleine streckt ihm das Bild so entgegen, dass der Mann nicht anders kann, als es in die Hand zu nehmen. „Für dich“, sagt der Junge, dreht sich um und geht zurück zu seinem Platz. Der Alte ist perplex. Er schaut auf das Bild, dann schaut er hoch. Vom Griesgram ist in seinem Gesicht nichts mehr zu sehen. Er lächelt. Ein bisschen unsicher, ein bisschen ungläubig, ein bisschen selig.

Der Zug erreicht die Endstation. Beim Aussteigen ist der Mann wieder am Schimpfen. Herrschaft, warum drängeln denn alle so, sind denn nur Egoisten unterwegs? Er ist wieder ganz der Alte. Das Bild des Kindes hat ihn nicht verändert. Aber immerhin: Für die Dauer eines Lächelns hatte er Seligkeit im Gesicht.

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