Zwei Typen
Der ganze Sonntag breitet sich vor mir aus. So viele Möglichkeiten. Ich könnte ausgiebig frühstücken – wenn nur Brot da wäre. Oder eine Runde laufen. Aber mein Knöchel schmerzt.
Ich würde gerne, aber...
Es geht mir heute Morgen wie oft im Leben: Da ist eine Stimme in mir, die sagt: Komm, fang einfach an. Und eine andere, die seufzt: Ach, geht doch nicht. Eine Spannung zwischen Möglichkeiten auf der einen Seite und Ressourcen auf der anderen. Ressourcen: das sind die Mittel, die einem im Leben zur Verfügung stehen.
Es gibt viele Möglichkeiten, aber begrenzte Ressourcen
Und nicht nur in meinem Leben gibt es diese Spannungen zwischen Möglichkeiten und Ressourcen. Ich entdecke sie auch auf politischer Ebene, etwa wenn ich am Sonntag ausführlich Zeitung lese. Da heißt es dann: Deutschland hat viele Möglichkeiten, Zukunft zu gestalten. Aber oft gibt es nur begrenzte Ressourcen. Ich schaue auf die Generation meiner Kinder, die am Anfang ihres Berufslebens stehen. Echte Ressourcen für die Zukunft unseres Landes. Und dann schaue ich auf die ältere Generation, die viel geleistet hat und auf ihre Renten vertraut. Es kann aber nicht so weitergehen wie bisher. Die Zahl der Älteren und ihre Lebensdauer überfordert die Ressourcen der Jungen. Alle Politiker drücken sich um notwendige Entscheidungen. Diese Spannung ist ja auch alles andere als einfach. Und das ist nur eines der großen aktuellen Themen.
Woher kommt der Mut, sich den Herausforderungen zu stellen?
Woher kommt der Mut, sich den Herausforderungen zu stellen. Eine Idee finde ich in einer biblischen Geschichte. Es geht um zwei Männer, die diese Spannung verkörpern. Kommen Sie mit mir auf einen Berg am See Genezareth. Jesus sitzt dort mit seinen Jüngern. Aber nicht sie allein. Eine Menge Menschen strömt herbei. Sie haben gehört, dass Jesus heilt. Krankheiten, Verzweiflung, Angst. Warum nicht auch Spannungen, die zu zerreißen drohen?
Eine Geschichte dazu
Weit über 5000 Menschen kommen zusammen. Und es ist keine Logistik da. Nicht zu essen, nichts zu trinken. Was tun? Die Jünger überlegen. Zwei von ihnen kommen zu Wort: Philippus und Andreas. Zuerst Philippus. Er schätzt, wie viel Geld sie dabeihaben und ist sicher: Es reicht nicht! Dann kommt Andreas. Der schaut sich um und entdeckt einen Jungen. Der hat etwas zu Essen dabei: fünf Brote und zwei Fische. Verschwindend wenig, äußerst geringe Ressourcen für so viele Menschen.
Hier könnte die Geschichte ganz unterschiedlich weitergehen. Nach dem Recht des Stärkeren: Wer die dicksten Muskeln hat oder das längste Messer, sichert sich die Vorräte. Oder marktwirtschaftlich: Brote und Fische werden meistbietend verkauft.
5000 Menschen waren zu versorgen und die Ressourcen gering
Auf einem Berg in Israel: Über 5000 Menschen, eine riesige Herausforderung an die Logistik. Verantwortlich: Jesus und seine Jünger. Die Ressourcen gering. Ein Junge hat fünf Brote und zwei Fische dabei. Wie geht es weiter?
Das erste: Ruhe in die Szene bringen. Die Leute sollen sich lagern, sagt Jesus. Und dann nimmt er die Brote und die Fische, dankt Gott für das, was da ist: für diese Ressourcen und verteilt sie. Und: Es reicht. Für alle.
Meistens wird diese Geschichte erzählt als ein Wunder: die Speisung der 5000. Manche beharren darauf, dass das nicht erklärbar ist und Jesus eben Wunder vollbringt. Andere suchen eine versteckte Erklärung: Neben den genannten Broten und Fischen hätten eben alle herausgekramt, was sie noch so dabeihatten.
Für mich liegt die Pointe im Gespräch zwischen Jesus, Philippus und Andreas. Die beiden werden unter den 5000 Menschen als einzige mit Namen genannt. Weil sie für zwei Haltungen stehen. Für die Spannungen des Lebens - in biblischen Zeiten genauso wie heute.
Philippus und Andreas stehen für zwei Haltungen im Leben
Zwei Typen. Philippus ist der skeptische Typ, der Rechner. Der sagt: Wir können die Versorgung nicht organisieren, so viel Geld haben wir nicht. Daneben steht Andreas, der Typ, der schaut, was möglich ist. Der Ausschau hält nach Möglichkeiten und sieht: Hier kommt ein Junge, der hat etwas dabei. Nicht viel, aber ein Anfang.
Die Bibel erzählt von diesen beiden, weil sie beide gebraucht werden, damals wie heute. Wenn nur einer von beiden zu Wort käme, würde das zu keiner Lösung führen. Wenn es nur Philippus gäbe, hieße das: Wir brauchen erst gar nicht anzufangen, über Lösungen nachzudenken. Es funktioniert nicht. Wenn nur Andreas da wäre und sagen würde: „Das klappt schon!“ würden wir unsere eigenen Ressourcen oft überschätzen.
Gemeinsam zur Problemlösung kommen
Ich glaube, dass beide Haltungen gebraucht werden. In allen Situationen, die groß und unübersichtlich sind. Zum Beispiel in den Diskussionen über die Rentenpolitik, die ich vorhin erwähnt habe. Wir brauchen die Haltung des Philippus: Alle sollten die Größe und die Dringlichkeit der Herausforderung sehen und anerkennen. Und wir brauchen Menschen wie Andreas: Was haben wir? Dann kann die Geschichte weitergehen.
Der eine sieht die Herausforderungen: Philippus. Der andere sieht die Ressourcen, die wir haben: Andreas. Manchmal sind die Rollen klar verteilt. So wie in der biblischen Geschichte oder in manchen öffentlichen Diskussionen unserer Tage. Und manchmal vermischen sich beide. Mehr noch: manchmal wohnen beide Gestalten in mir. Dann bin ich hin- und hergerissen, wie es weitergehen soll. Zwei Typen, zwei Haltungen in mir.
Mit Gottes Hilfe findet sich ein Weg, der Herausforderungen und Ressourcen miteinander verbindet
Wir schauen noch einmal in die biblische Szene. Jesus lässt die Leute lagern. Erst einmal durchatmen, Hektik schadet. Und dann teilt Jesus aus. Brot und Fische. Es reicht für alle. Jesu Hände sind für mich ein Bild: Mit Gottes Hilfe findet sich ein Weg, der Herausforderungen und Ressourcen miteinander verbindet. Wenn wir vor allem auf das sehen, was nicht geht und zu klein von uns denken wie Philippus, dann stärkt Gott den Andreas in uns, der sieht, was alles möglich ist. Und wenn wir zu überzeugt sind von unseren eigenen Möglichkeiten, stärkt Gott den Philippus – der bewahrt vor unerreichbaren Zielen.
Manchmal vermischen sich beide Typen
Vor zwei Jahren habe ich diese Geschichte für mich neu entdeckt. Ich kannte sie natürlich vorher. Aber ich habe sie neu für mein Leben entdeckt. Ich war in einer schwierigen persönlichen Situation – zwischen dem, was möglich wäre und dem, was ich leisten kann. Verschiedene Möglichkeiten, begrenzte Mittel. Beides hat in mir gearbeitet. Dann hat mir diese Geschichte geholfen. Mit ihr konnte ich beide Typen in mir zu Wort kommen lassen. Da habe ich entdeckt, wie hilfreich es ist, beiden Typen in mir Raum zu geben. Sie beide genau anzuhören. Nacheinander. Also: Philippus, schildere mir genau, wie du die Situation siehst! Wo liegen die Herausforderungen? Wie schwierig ist es? Danach frage ich den Andreas in mir: Was haben wir zur Verfügung? Welche Mittel sind da? Wer kann unterstützen?
Erst Philippus, dann Andreas und anschließend Jesus zu Wort kommen lassen
Und dann der dritte Schritt: Wie in der biblischen Szene. Ich lege die ganze Situation in Jesu Hände. Ich lagere wie die Menschen damals. Ich komme zur Ruhe, bin offen dafür, was sich entwickelt. Ich starre weder auf meine Befürchtungen, noch gebe ich mich dem Wunschdenken hin. Ich hoffe auf Gottes Hilfe und nehme gleichzeitig ernst, was ich selbst dazu tun kann.
So gehören die beiden Typen Philippus und Andreas seither zu meinen inneren Begleitern im Leben. Sie stehen für die Spannungen in meinem Leben. Gottes Hand sorgt dafür, dass sie beieinanderbleiben: meine Herausforderungen und meine Ressourcen.
Zusammenarbeiten statt gegeneinander
Ich glaube, das wäre ein gutes Modell für die großen politischen Themen wie die Rente: statt die beiden Typen gegeneinander aufzuhetzen und bekannte Positionen immer nur zu wiederholen, empfehle ich, sie nacheinander anzuhören. Richtig zuhören. Ein erster Schritt. Und dann Platz lassen für Gottes kreative Hilfe. Ich gehe jetzt erst einmal raus. Auch wenn der Knöchel wehtut. Er wird mir schon anzeigen, wie weit ich gehen kann.