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Das Lebensbuch
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Das Lebensbuch

Ksenija Auksutat
Ein Beitrag von

Ksenija Auksutat,

Evangelische Pfarrerin, Stockstadt

Ein neuer Kalender muss her, denn in dieser Woche geht das Jahr zu Ende. Bei mir kommt nicht nur ein neuer Familienplanungs-Kalender an die Küchenwand, sondern auch mein Taschenkalender für 2015 hat nun ausgedient. Ich hatte lange einen digitalen Kalender, aber vor drei Jahren bin ich wieder zum guten alten Papierkalender zurückgekehrt. Jetzt sind nur noch vier Tage übrig, dann stelle ich ihn ins Regal. Ein bisschen mitgenommen sieht er ja schon aus. Das ganze Jahr über habe ich ihn in meinen Taschen mitgeschleppt. Zwischen Schlüsselbund, Portemonnaie, Schminktäschchen und Handy wurde er gestopft und gedrückt.

Manchmal denke ich, dieser Kalender ist ein bisschen wie das Jahr, das nun zu Ende geht. So viele Dinge sind geschehen, irgendwie haben sie auch Spuren hinterlassen, auch in mir. Jetzt trage ich alle Termine in meinen neuen Kalender ein. Er sieht noch ganz frisch aus, in leuchtend roten Karton gebunden, noch glatte Seiten. Mal sehen, was in diesem neuen Jahr für Einträge hinein kommen werden. Viele haben ja solche Kalender oder Kladden, manche schreiben auch Tagebuch. Und viele heben sich diese Notizbücher auf. Sie sind so etwas wie Lebens-Jahrbücher, mit den Terminen und Verabredungen, den Geburtstagseintragungen und Arztterminen, mit den Handynummern und Website-Adressen, die man zwischendurch darin notiert hat.

Auch im Alltag führe ich seit Jahren eine Kladde, in die alles aufschreibe, was wichtig ist. Vor allem ist es ein Arbeitstagebuch, ein Drittel meines Tages gehört ja der Arbeit. Und die vielen Menschen, die mir darin begegnen, nehmen ja viel Raum ein in meinen Gedanken und Gesprächen im Alltag. Auch diese Kladde schließe ich nun ab und stelle sie ins Regal zu den Kladden der vorigen Jahre. Ich nehme die von 2014 in die Hand. Zufällig schlage ich es bei meiner Urlaubsplanungsseite auf. Frankreich. Ich hatte Museen notiert und Tipps für Tageswanderungen. Ich lächle, denn das war ein schöner Sommer.

Oder 2012: Abitur der Tochter, stressige Monate mit einem oft genervten Kind. Einen Satz von ihr habe ich damals notiert: „Mama, ich schmeiß die Schule hin und heirate reich.“ Aber sie hat durchgehalten und dann waren wir als stolze Eltern bei der Abschlussfeier dabei. So kann ich meinem Leben nachspüren. So vieles würde ja doch vergessen werden, wenn man nicht durch ein Fotoalbum, ein Tagebuch oder eben solche Kladden seine Erinnerungen wach rufen könnte. Sie werden zum Lebensbuch. Würde ich eigentlich gerne mal mein ganzes Leben nachlesen in so einem ganz persönlichen Buch?

Es gibt ja Ghostwriter, die werden von Prominenten beauftragt, ihre Memoiren oder Biografien zu schreiben. Die befragen dann ihre Auftraggeber, werten Dokumente und Notizbücher aus. In so einem Buch stehen aber meist nur die guten Erlebnisse. Die Erinnerungen werden bereinigt. Was fehlt, sind schlechte Erfahrungen, Irrtümer, Fehlentscheidungen. Oder sie werden so dargestellt, dass das Leben dieses Menschen doch irgendwie davon profitiert hat. Also: So ein Buch enthält sicher nicht die ganze Wahrheit über einen. Was wäre, wenn es über mein Leben ein Buch gäbe? Ich bin ja kein unbeschriebenes Blatt mehr. Ich bin jetzt 51 Jahre alt, da haben sich schon viele Seiten angesammelt.

Allerdings wollte bis jetzt niemand meine Biografie verfassen. Ich übrigens auch nicht. Aber wenn es ein Lebensbuch über mich geben würde, könnte man auf diesen vielen Lebensseiten sicher nicht nur positives lesen. Klar wäre ich gerne vorzeigenswert, aber ich habe kein perfektes Leben. Viele kennen mich als freundliche, energiegeladene Frau, beruflich erfolgreich, eine Familie, Hobbies. Aber das ist natürlich nur die Vorderseite. Wie oft bin ich ungeduldig. Oder schlecht gelaunt. Und ich bin oft vorschnell und überrenne andere, die mehr Zeit brauchen.

In meinem Lebensbuch gäbe es auf jeder noch so schönen Seite mindestens eine Fußnote mit schlechten, kleinlichen, faulen, egoistischen, gehässigen, schadenfreudigen, ungerechten, feindlichen, verhärteten, undankbaren – kurz: lauter fehlerhaften Dingen. Und über weite Strecken würde das Buch meines Lebens eher aussehen wie eine Zettelsammlung. Kein System drin, kein logischer Aufbau. Warum habe ich diese Schule besucht und nicht jene? Warum habe ich eine Freundschaft über Jahrzehnte gepflegt und andere vernachlässigt? Wie kam es, dass ich Theologie studiert habe und nicht Archäologie oder Architektur, was ich mir eigentlich auch ganz intensiv überlegt hatte? Welche meiner Fehler und Irrtümer kamen heraus und welche anderen blieben unentdeckt?

Keiner weiß es. Oder doch – vielleicht weiß es Gott. In der Bibel gibt es diesen Vergleich mit dem Lebensbuch. Ein Beter in der Bibel stellt sich vor, dass Gott so ein Buch über ihn führt. Er betet: „Alle meine Tage waren eingeschrieben, Gott, in dein Buch.“ (Psalm 139, 16b) Für mich eine schöne Vorstellung. Vielleicht für andere auch ein bisschen beängstigend: Ist Gott doch so wie eine Daten-Krake oder ein Überwachungsdienst und spioniert Menschen aus?

Bei Gott ist niemand ein unbeschriebenes Blatt. Manche stellen sich dieses Lebensbuch bei Gott wie ein Protokoll vor: Jede gute Tat und natürlich auch alle Fehler werden darin aufgeschrieben. Aber dahinter steckt das Bild eines Bilanzbuchhalters, der am Ende Abrechnung macht. Gott, so diese Vorstellung, ist wie ein Richter, der am Schluss für Gerechtigkeit sorgt.

Ich glaube nicht, dass Gott so ein allwissender Übervater im Himmel ist, der alles sieht und kleine Sünden sofort bestraft. Gott ist keine verborgene Erziehungsinstanz. Sondern Gott ist die Kraft, die jedes einzelne Leben stärken will, auch mich. Die Kraft, die ein Leben zur Erlösung führen will, die will, dass Menschen ihr Glück finden. So sehe ich Gott. Ein gnädiger Gott, wie ihn auch der Reformator Martin Luther für sich entdeckt und gepredigt hat. Vor Gott sind wir alle Menschen, die ins Leben gerufen sind und unser Lebensgeschenk, unser Lebensglück verfehlen können.

Ich glaube, dass Gott, zwischen den Zeilen unseres Lebens lesen kann. Er verkleinert die Schuld nicht. Er sagt nicht: Das macht doch nichts, du hast es ja nur gut gemeint, du hast es ja nicht gewollt. Vor Gott gilt die Wahrheit. Auch bei schlimmer Schuld. Gott richtet nicht, wie Menschen es tun: Fehler zum Beispiel einfach löschen. Es gibt Seiten in meinem Lebensbuch, die würde ich am liebsten rausreißen, in kleine Schnipsel zerreißen und in den Papierkorb werfen. Den harten Schnitt machen, aufräumen mit der Vergangenheit. Oder wie es am PC geht: Etwas korrigieren und einfach nochmal neu ausdrucken. Wenn das im Leben auch so gehen würde! Einfach ein Gespräch oder eine Handlung wiederholen und alles richtig machen. Aber man kann eben im wirklichen Leben nichts ungeschehen machen.

Mich macht das frei: Die Schattenseiten des Lebens brauche ich Gott gegenüber nicht zu verheimlichen. Wenn ich bete, also in aller Stille mit Gott rede, dann kann ich meine schadhaften Buchseiten aufklappen und sagen: Das ist mein Leben, Gott, mehr habe ich nicht zustande gebracht. Vielleicht sagt Gott dann zu mir etwas in der Art: Ja, das ist deine Schuld. Mit ihr lebst du. Und das ist nicht leicht. Darum helfe ich dir tragen an deinem schönen schrecklichen, großen kleinen, wunderbaren einmaligen Leben. Wenn Gott so mit Schuld umgeht, fühle ich mich erlöst und erleichtert. Er sagt zu mir: Drück dich nicht vor deiner Verantwortung. Und steh zu deinen Fehlern.

Ich gewinne Kraft. Ich muss sie nicht vergeuden mit Angst vor Fehlern. Ich brauche meine Schuld nicht verdrängen. Ich werde frei für Neues. Ich gewinne auch mehr Toleranz und Geduld. Denn ich weiß: anderen geht es genauso. Niemand ist ein unbeschriebenes Blatt. Ich glaube: Gott kennt das Leben jedes Menschen mit seiner ganzen Geschichte.. Alle Tage des Lebens sind in sein Buch eingeschrieben. Und er schaut darauf mit Liebe und Erbarmen. Darauf verlasse ich mich auch im neuen Jahr: mit einem neuen Kalender, mit einer neuen Kladde, mit einer neuen Seite in meinem Lebensbuch. Ich hoffe, Gott ist auch im neuen Jahr ein treuer Begleiter.

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