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Buße oder: Ein besserer Mensch werden

Buße oder: Ein besserer Mensch werden

Stephan Krebs
Ein Beitrag von Stephan Krebs, Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt

Am besten immer lächeln. Einfach so tun, als habe man alles im Griff. Das erwartet die Gesellschaft von einem. Man muss das nur lange genug machen, dann glaubt man es am Ende sogar noch selbst. Die Menschheit insgesamt – ja: die mag verkorkst sein, irgendwie daneben. Aber man selbst ist davon ja nicht betroffen. Ein besserer Mensch werden, wie es in der Bibel immer wieder angesprochen wird: Wozu?! Bei mir ist doch alles gut.

Ich wünschte, es wäre so. Aber ich erlebe es anders. Ich kenne zu viele Leute, bei denen das einfach nicht der Fall ist. Da ist die 35jährige Angestellte. Schon lange gaukelt sie ihrem Mann eine heile Beziehung vor, dabei ist ihr die Liebe zu ihm längst abhandengekommen. Aber ihr fehlen die Worte, die beide zur Wahrheit befreien würden.

Da ist der VW-Mitarbeiter, der sich in Grund und Boden schämt, weil er schon lange von der Abgasmanipulation seiner Firma wusste, aber er durfte nichts sagen. Ihm waren die Hände gebunden. Das hat er zumindest immer zu sich selbst gesagt. Aber im Stillen weiß er, dass er versagt hat – zu ängstlich, zu bequem.

Längst nicht immer ist man alleine schuld an seinen Verfehlungen. Oft ist man einfach verstrickt in die Welt und kommt aus ihren Zwängen nicht heraus. Das macht gerade der heutige Tag deutlich: Volkstrauertag. An ihm werden die Opfer der Kriege in den Blick genommen. Unzählig viele Menschen geraten in Kriegszeiten in Situationen, in die sie nie geraten wollten. Dann tun sie etwas – müssen etwas tun, das sie ihr Leben lang bereuen. Später kann niemand mehr das Unrecht und die Gewalt ungeschehen machen.

Aber all das und vieles mehr bleibt ungesagt, wird in Schweigen gehüllt, unter den Teppich gekehrt. Und wehe, es wagt jemand diesen Teppich anzuheben und darunter zu schauen! Einer hat das getan, er hat den Teppich von seiner Seele gelüftet. Und was da drunter ist, hat er sogar in alle Welt gesungen: Robbie Williams, Popsänger aus England, in vielen Ländern ein Superstar.

Zu Beginn seiner steilen Karriere, im Jahr 2000, hat Robbie Williams ein Lied herausgebracht, das trägt den Titel „Better Man“. Übersetzt: Besserer Mensch. Darin schaut er unter den Teppich seiner Seele. Das Lied ist ein Gebet, in dem sich Robbie Williams direkt an Gott wendet. Zu Beginn schildert er sein Unwohlsein in der eigenen Existenz.

Musik 1 Strophe 1: Send someone to love me. I need to rest in arms. Keep me safe from harm in pouring rain. Give me endless summer, Lord, I fear the cold. Feel I’m getting old before my time.

"Schick mir jemanden, der mich liebt. Ich brauche Arme, in denen ich zur Ruhe kommen kann. Beschütze mich vor Unheil in stürmischen Zeiten. Gib mir endlosen Sommer. Gott, ich fürchte die Kälte. Ich spüre, wie ich vor meiner Zeit alt werde."

Schon interessant, wie hier ein Sänger auf dem Höhepunkt seiner Karriere innerlich mit sich ringt. Er hat großartigen Erfolg, ein traumhaftes Einkommen, die Herzen der Fans fliegen ihm zu – aber all das kann ihn innerlich offenbar nicht festigen.

Robbie Williams hat erzählt, wie der Song entstand: In Südfrankreich, an einem schönen Ort in den Bergen. Nachts hat er zur Gitarre gegriffen, da sind ihm plötzlich die Töne und die Worte zugeflogen. Er ist noch in der Nacht ins Studio gegangen und hat sie aufgenommen. Dabei, so erzählt er, habe er geweint und geweint. Er schreibt: „Ich fühlte mich traurig, schämte mich und wusste nicht, wie ich aus dieser Spur wieder herauskommen könnte.“

Mir fällt auf: Robbie Williams wendet sich mit seinem inneren Ringen nicht an einen Freund oder einen Therapeuten, sondern an Gott. Von ihm wünscht er sich jene Geborgenheit und innere Ruhe, mit der er dem Leben standhalten kann.

Was ihn quält, sind ganz elementare Wünsche, die wohl jeder hat: er sehnt sich danach, geliebt zu werden. Er wünscht sich Arme, die ihn halten. Er träumt von einem ewigen Sommer, der die Kälte und das Alter vertreibt. Es ist das Drama des unvollkommenen und verrinnenden Lebens, das Robbie Williams in seiner Musik auslebt. Aber da ist noch mehr. In der zweiten Strophe deutet er auch eine ernsthafte persönliche Schuld an.

Musik 2: Strophe 2: Go easy on my conscience, ’cause it’s not my fault. I know I’ve been told to take the blame. Rest assured my angels. Will catch my tears. Walk me out of here I’m in pain

"Sei gnädig mit meinem Gewissen, denn es ist nicht mein Fehler. Ich weiß, mir wurde beigebracht, die Schuld zu tragen. Sei unbesorgt: Meine Engel werden meine Tränen auffangen. Führt mich hier raus, ich bin voller Schmerz."

Irgendetwas hat Robbie Williams auf dem Gewissen. Er hat etwas falsch gemacht, und das bereut er. Dabei ist er hin und her gerissen. Er will und muss zu seiner Schuld stehen. Zugleich weiß er: Gott kann trösten und verzeihen. Er kann aus dem Gefängnis von Schmerz und Schuld herausführen.

Man muss so etwas nicht zwingend mit sich alleine ausmachen. Das geht auch zusammen, in der Kirche. Im Gottesdienst gibt es einen festen Platz dafür, das Schuldbekenntnis. Darin bringen Christen vor Gott, was sie belastet. Dann bitten sie ihn, ihre beschädigten Seelen zu heilen.

Gilt das auch für Robbie Williams, den Popsänger, der nichts anbrennen ließ? Der viele Jahre lang aus dem Vollen lebte und sicherlich so manchen vor den Kopf gestoßen hat? In seinem Lied macht er eine interessante Andeutung:

Musik 3 Strophe 3: Once you’ve found that lover, You’re homeward bound. Love is all around. Love is all around.I know some have fallen on stony ground, but love is all around.

Ich weiß, dass manche auf steinigen Boden gefallen sind, aber die Liebe ist überall.

Hier lässt Robbie Williams die Bibel anklingen – ein Gleichnis. Darin vergleicht Jesus die Menschen mit Samenkörnern, die Gott wie ein Sämann auswirft. Er hofft, dass die Körner wachsen und gute Frucht bringen. Viele tun das auch. Aber nicht alle. Manche fallen auf steinigen Boden, dort verdorren sie.

Mit diesem Gleichnis will Jesus ermutigen: Versteht euer Leben als Auftrag Gottes. Wachst wie die Körner und bringt gute Frucht. Jesus macht Druck. Aber nicht nur das, denn ihm ist klar: Viele Menschen können den Anforderungen gar nicht entsprechen, jedenfalls nicht aus eigener Kraft. Deshalb ist Jesus bei ihnen, um sie zu ermutigen und auch zu trösten, wenn das nötig ist.

Auf dieses Gleichnis von den Samenkörnern spielt Robbie Williams in seinem Lied an. Dabei lässt er durchblicken: „Ich gehöre zu denen, die auf steinigen Boden gefallen sind“. Aber – und gerade auch ihnen gilt die Liebe Gottes, die trägt und aufrichtet. „Die Liebe ist überall“ singt Robbie Williams.

Was in diesem Lied geschieht, das nennen Christen Buße. Sie beginnt so: Zuerst traut man Gott zu, dass er die eigene seelische Not lindern kann. Dann legt man sie vor Gott und damit auch vor sich selbst umfassend offen.

Buße kann sehr gut tun – sie ist wie ein Hausputz für die Seele. Deshalb ist es schade, dass das Wort Buße bei vielen so unbeliebt ist. Aber das ist kein Wunder, denn im Alltag ist es leider arg abgenutzt worden, verflacht durch juristische Begriffe wie Bußgeld. Auch in den Kirchen wurde der Begriff Buße vielfach verbogen. Manchen Gläubigen wurden Schuld und Angst eingeredet. Sie wurden klein gemacht, wo Jesus sie doch zum Wachsen ermutigen wollte.

Die Buße, wie sie im christlichen Glauben eigentlich gemeint ist, redet niemandem etwas ein. Sie gibt mir aber die Sprache, die ich brauche, um all das vor Gott bringen, was mich innerlich quält. Davon kann mich Gott befreien. Dann macht mich die Schuld nicht weiter kaputt, vielleicht kann ich daran sogar innerlich wachsen.

Das ist so wichtig, dass es dafür sogar einen eigenen Feiertag gibt, den Buß- und Bettag. Er ist am kommenden Mittwoch. Zur Buße gehören drei Schritte, Robbie Williams geht sie in seinem Song:
Erstens: Ich traue Gott zu, dass er meine Not lindern kann.
Zweitens: Ich lege meine seelische Not vor Gott und vor mir selbst offen.
Drittens: Ich versuche es zukünftig besser zu machen, ein besserer Mensch werden – a better man, wie der Song von Robbie Williams heißt. Sein Refrain ist jetzt zum Abschluss zu hören.

Musik 4: Refrain: As my soul heals the shame, I will grow through this pain, Lord, I’m doin’ all I can, To be a better man

"Wenn meine Seele die Schuldgefühle heilt, werde ich durch diesen Schmerz wachsen. Gott, ich tue, alles was ich kann, um ein besserer Mensch zu sein."

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