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Interkulturelle Woche ist immer
Bild: Pixabay

Interkulturelle Woche ist immer

Stephan Krebs
Ein Beitrag von Stephan Krebs, Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt

Heute beginnt die Interkulturelle Woche – Ihr Ziel: Menschen mit verschiedenen Religionen und Kulturen kommen besser miteinander aus. Das Motto in diesem Jahr ist: „Vielfalt. Das Beste gegen Einfalt“. Vor vierzig Jahren wurde die Interkulturelle Woche ins Leben gerufen. Von den Kirchen und auch Städten und Kommunen. Damals hatten viele verstanden: Deutschland verändert sich. Es wird zur Heimat für Menschen mit verschiedenen Kulturen. Angesichts der dramatischen Ereignisse der vergangenen Wochen und Monate, schmunzelt darüber mancher und sagt: „Interkulturelle Woche – die ist bei mir doch immer.“

Diesen Menschen widme ich meine Sonntagsgedanken. Weil die Vielfalt nicht immer leicht ist. Besonders gut wissen das die Leute in Gießen. Zu ihrem Alltag gehört seit langem die Vielfalt, die sie mit viel gutem Willen tragen – und manchmal auch ertragen. In Gießen ist die zentrale Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Hessen. An die sechstausend Menschen sind dort untergebracht. Um sie kümmern sich Hunderte von Haupt- und Ehrenamtlichen – oft bis zur Erschöpfung. Weil der Platz dort nicht mehr reicht, ist Gießen zunehmend überall. Außenstellen gibt es inzwischen in Bad Arolsen, Kassel, Calden, Neustadt, Wetzlar, Marburg, Hanau, Limburg, Rotenburg ob der Fulda, Darmstadt, Neu-Isenburg und Bensheim.

Meine Gedanken sind allen gewidmet, die sich darum kümmern, dass die Flüchtlinge etwas zu essen bekommen, ein warmes Bett, ärztliche Versorgung sowie ein Prüfverfahren über die Anerkennung als Flüchtling. Viele arbeiten daran – in den Kommunen und Kreisbehörden, bei den Johannitern, dem Roten Kreuz, in den Krankenhäusern. Viele müssen derzeit mehr leisten, als sie eigentlich können. Ich habe große Hochachtung für alle, die darüber nicht vergessen, dass sie es mit Menschen zu tun haben, Menschen wie du und ich, denen ein Lächeln guttut und ein Willkommensgruß.

Ich widme diese Sonntagsgedanken auch denen, die das Schicksal der Flüchtlinge umtreibt. Die begreifen: Unser Land ist in einer Ausnahmesituation. Jetzt sind viele gefragt, eigentlich alle. Dieses Land kann mehr als Alltagstrott, wenn es muss. Jetzt ist es soweit: Wir haben die Chance, etwas wirklich Großes zu leisten und viele zu retten.

Es gibt einen Song, in dem steckt etwas von diesem Ruck, der jetzt durch das Land geht. Der Titel des Liedes lautet „We are the world“ – Wir sind die Welt. Er entstand vor 30 Jahren für eine der größten Hilfsaktionen in der Geschichte der Popmusik. Ein ganzer Chor aus hochkarätigen Popstars sang damals für hungernde Menschen in Äthiopien und Eritrea diese Hymne der Menschlichkeit.

Musik

"Es kommt die Zeit, wenn wir einen bestimmten Ruf beachten, dann kommt die Welt als eine zusammen. Da sterben Leute und es ist an der Zeit, ihnen eine helfende Hand zu reichen, damit sie überleben – das größte aller Geschenke."

Das Lied sagt: Jemandem eine helfende Hand reichen, ist das größte Geschenk auf der Welt. Das bestätigen viele, die hingegangen sind zu den Flüchtlingen.

Sie berichten, wie glücklich es macht, wenn man helfen kann. Wenn man sieht, wie Menschen aufblühen. Wenn man ihre traurige Geschichte hört und ihnen darin ein Lichtblick sein kann.

Andere sind genervt, sie wollen ihr Leben ungestört weiter leben. Oder sie haben selbst mit eigenen, großen Problemen zu kämpfen. Sie fragen: Wer kümmert sich um mich? Manche sehen die vielen fremden Menschen und haben Angst – um ihre Sicherheit, um ihren Lebensstandard, um ihre Kultur.

Auch mir macht das gemischte Gefühle. Aber ein wenig stolz bin ich auch. Ich weiß noch zu gut, welches Bild von Deutschland früher in der Welt verbreitet war. Aus schrecklichem Grund: Krieg und Massenmord in der Nazi-Zeit. Heute setzen so viele Menschen ihre Hoffnungen in eben dieses Land. Sie trauen Deutschland zu, ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen. Das tut auch vielen hier gut.

Die Generation meiner Eltern ist in der Nazi-Zeit noch stramm rassistisch erzogen worden. Dazu gehörte damals die Überlegenheit der sogenannten arischen Rasse, also die Einfalt. Nur eine Generation weiter leben wir heute das Gegenteil, die bunte Vielfalt – und viele genießen sie.

Kulturelle Vielfalt ist manchmal auch mühsam: Die Flüchtlinge machen Fehler. Sie müssen erst lernen, was man in Deutschland tut und was nicht. Sie müssen lernen, was die Freiheit bedeutet, für die sie hergekommen sind. Es ist eben immer auch die Freiheit derer, die anders denken und anders glauben. Ich bin sicher: Die meisten wollen das gerne beachten. Aber es muss ihnen erläutert werden. Das ist unsere Aufgabe.

Und natürlich kommen nicht nur angenehme Leute zu uns – auch Einbrecherbanden und aggressive Jugendgangs. Das ist nicht in Ordnung. Aber sie sind nicht die Mehrheit, auch wenn sie leider viel von sich reden machen.

Wenn ich über Vielfalt nachdenke, dann fällt mir zuerst mein Friseur ein. Mustafa stammt aus dem Libanon. Ein feiner, älterer Mann, der nie versäumt, freundliche Grüße an meine Frau Gemahlin auszurichten. Ich denke an Mike, meinen Nachbarn, einen Amerikaner, der mir bei Computerproblemen hilft. Dann ist da Frau Ashrafi aus dem Iran, Spezialistin für Zahnhygiene. Sie motiviert mich mit fröhlichem Charme, meine Zähne gründlich zu pflegen. Ich denke an den türkischen Arzt, dem ich das Leben meiner Tochter verdanke. Zwölf Wochen zu früh geboren benötigte sie zum Überleben alle medizinische Kunst.

Beim Wochenendeinkauf treffe ich im Getränkemarkt Wasili, den Deutschrussen oder Russlanddeutschen aus Kasachstan. Und danach im Supermarkt die marokkanische Kassiererin, niemand sonst kann so schön das spröde Wort Kassenbon zum Klingen bringen. Ich könnte noch viele mehr nennen: die chinesische Brotverkäuferin, den afrikanischen Briefträger, die polnische Pflegerin, den Fitness-Trainer aus der Karibik. Alle machen ihre Sache gut und ich begegne ihnen gerne. Vielfalt ist keine Vision, sie ist Alltag.

Musik

"Wir sind die Welt, wir sind die Kinder. Wir sind diejenigen, die den Tag heller machen können. Also lasst uns anfangen zu geben. Wir haben eine Entscheidung zu treffen. Wir retten unser eigenes Leben. Es ist wahr: Wir können die Tage besser machen, du und ich."

Die Grundidee dieses Liedes lautet: Nicht irgendwer schafft eine bessere Welt, sondern wir, du und ich. Jeder gewinnt dabei etwas. Aber es gibt reichlich zu tun. Die Menschen, die derzeit kommen, sind eine riesige Herausforderung.

Deshalb müssen wir uns gerade jetzt an das Wesentliche erinnern. Wenn es einen Glutkern des christlichen Abendlandes gibt, für den es sich einzustehen lohnt, dann ist es dieser: Die Achtung vor dem Wert und der Würde des Menschen. Jeder einzelne Mensch ist wer, verdient Achtung und Respekt. Weil er etwas von Gott in sich trägt. Nach der Überzeugung des jüdischen und des christlichen Glaubens ist jeder Mensch ein Ebenbild Gottes. Das mag oft verborgen sein, aber es ist dennoch unumstößlich wahr.

Diese Sicht auf den Menschen hat sich im Grundgesetz festgesetzt. Sein erster Satz lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Das sind hehre Worte. Und niemand wird ihnen im Alltag immer gerecht. Aber das ändert nichts an ihrer Gültigkeit. Was sind diese Werte wirklich wert? Das merkt man erst, wenn es etwas kostet, sie einzuhalten. So wie jetzt. Jetzt gilt es, unser Grundgesetz zu leben und die Menschenwürde zu achten, soweit die Kräfte reichen.

Dass dabei gerade die Flüchtlinge besonders gefährdet sind, war schon immer so. In biblischer Zeit werden sie immer wieder genannt als Beispiel für die Schutz- und Hilfsbedürftigen. Gott spricht: Die Flüchtlinge sollt ihr nicht bedrängen, sondern willkommen heißen und versorgen. Das durchzieht die Bibel wie ein roter Faden. Jesus Christus setzt noch einen drauf und sagt: „In den Hilfsbedürftigen begegnet ihr mir. Wenn ihr andere schützt, kleidet und ernährt, dann schützt, kleidet und ernährt ihr mich.“ Für Jesus sind ohnehin alle Menschen Mitglieder der einen großen Familie Gottes. Für die Popstars übrigens auch.

"Wir können uns nicht weiter vormachen, dass irgendwer und irgendwo bald etwas ändern wird. Wir sind alle ein Teil von Gottes großer und großartiger Familie. Und die Wahrheit ist: Liebe ist alles, was wir brauchen."

Musik

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