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Grundsicherung – Gerechtigkeit in der Bibel und am 1. Mai
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Grundsicherung – Gerechtigkeit in der Bibel und am 1. Mai

Guido Hepke
Ein Beitrag von

Guido Hepke,

Evangelischer Pfarrer, Weilburg

„Das kann doch wohl nicht wahr sein. Ich hab hier den ganzen Tag geschuftet und gerackert. Der macht sich einen lauen Job und kriegt trotzdem dasselbe. Wie ungerecht ist das denn?“
Ich kann schon verstehen, dass sich die Arbeiter beschweren: Früh am Morgen haben sie angefangen zu ackern. Als Tagelöhner schuften sie in einem Weinberg.
Andere kommen erst mittags dazu. Immer wieder stellt der Weinberg-Besitzer neue Handlanger ein. Die letzten Kollegen fangen erst eine Stunde vor Feierabend an.
Und dann bekommen alle dasselbe. Den gleichen Lohn. So viel, wie eine Familie für einen Tag zum Leben braucht.
Die Kollegen, die erst spät am Nachmittag eingestellt wurden, sind freudig überrascht, als sie einen ganzen Tageslohn erhalten. Die anderen sehen das und protestieren: Warum bekommen wir nicht mehr?
Der Weinberg-Besitzer reagiert: Ihr habt doch genau das bekommen, was wir am Morgen vereinbart haben. Das ist doch nur fair. Den anderen gebe ich freiwillig mehr, als ich muss. Ich schenke ihnen mehr, damit sie genug zum Leben haben.
Jesus erzählt diese Geschichte im Matthäus-Evangelium.
Wer selbst den ganzen Tag lang arbeitet, kann dem Unmut der fleißigen Ganztagsarbeiter nur zustimmen. So etwas kenne ich auch: Wenn ich meine Leistung mit dem vergleiche, was andere getan haben, komme ich manchmal an den Punkt: Das ist nicht fair. Wer vergleicht, fühlt sich schnell benachteiligt. Verständlich.
Jesu Geschichte von den Arbeitern im Weinberg wird also immer wieder Stoff zur Diskussion geben. Ich möchte dabei einen Aspekt im Blick halten: Was braucht ein Mensch zum Leben?
Jesus zeigt: Gerechtigkeit erschöpft sich nicht in leistungsgerechter Bezahlung. Gerechtigkeit ist mehr: Jeder braucht genug zum Leben.
In der Geschichte von Jesus geht es also um eine Art Grundsicherung, nicht um einen fairen Stundenlohn.
Gott sei Dank gibt es in Deutschland soziale Sicherungssysteme. In vielen Ländern sieht das anders aus.
Millionen Menschen bleiben hungrig, sogar wenn sie den ganzen Tag arbeiten. Millionen Menschen erhalten nicht den Tageslohn, den sie zum Leben brauchen. Jesus will, dass wir einen Blick haben für die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.
Diese Gerechtigkeit wächst, wenn wir den anderen in den Blick nehmen – und im Blick behalten. Bekommt jeder, was er oder sie zum Leben braucht? – Das ist die entscheidende Frage.
Auch um diese Frage geht es heute am 1. Mai. Seit mehr als 100 Jahren verbinden sich an diesem Tag Gewerkschaften und Arbeitnehmer, um für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen. Weltweit.
Die biblischen Geschichten zeigen: Der Einsatz für Gerechtigkeit ist schon viel älter als der 1. Mai. Aber Grundsicherung ist immer noch ein Thema. Hier bei uns und erst recht im internationalen Vergleich.
Jesus macht deutlich: Gerechtigkeit ist möglich, wenn ich nicht nur auf meinen Vorteil schaue, sondern die Menschen um mich herum und in der Welt in den Blick nehme.

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