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Am Ende ein Anfang
Bild: Pixabay

Am Ende ein Anfang

Martin Vorländer
Ein Beitrag von Martin Vorländer, Evangelischer Pfarrer und Rundfunkbeauftragter für den hr, Frankfurt

Gottesdienstübertragung zum Ostersonntag am 05.04.2019, 10.05 Uhr aus der Dreikönigskirche Frankfurt, 

Predigt: Pfarrer Martin Vorländer

Liebe Gemeinde!

Der Sarg ist offen. Die Familie steht zur rechten und zur linken Seite und verabschiedet sich von der verstorbenen Mutter. Neunundachtzig ist sie geworden. Sie war immer voller Tatkraft. Sie sprühte nur so vor Energie. Jetzt im Sarg sieht sie ganz klein aus. Wie ein Vögelchen, das aus dem Nest gefallen ist. Die früher so weichen Wangen sind eingefallen.

Im Arm hält sie einen Teddybär. Den hat ihr vor Jahrzehnten ihr Mann geschenkt, weil sie sich als Kind immer einen Teddy gewünscht und nie bekommen hat. Nun hat ihre längst erwachsene Tochter den Teddybär der Verstorbenen in den Arm gelegt. Ein Zeichen von Liebe bis ins Grab. Die tote Mutter liegt im Sarg wie in einer Wiege. Wo ist sie jetzt? Wo ist all das Leben hin, das in ihr steckte?

Wo ist Jesus jetzt? Das haben sich vielleicht die drei Frauen am allerersten Ostermorgen auch gefragt, als sie sich vor Sonnenaufgang zu Jesu Grab aufgemacht haben. Wo ist all das Leben hin, das Jesus verströmt hat? Wer in seine Nähe kam, hat gespürt: Von diesem Menschen geht eine besondere Kraft aus.

Jede der drei Frauen, die zum Grab kommen, kann erzählen, wie Jesus gewesen ist. Da ist Maria von Magdala, später auch Magdalena genannt nach dem Dorf, aus dem sie stammt. Sie war die wichtigste Jüngerin von Jesus. Sie haben richtig gehört: Zum Kreis von Jesus gehörten auch Frauen. So steht es im Evangelium. Maria von Magdala folgte Jesus nach. Sie bleibt bei ihm, als er gekreuzigt wird. Die Männer sind alle geflohen. Jesus wird als politscher Aufrührer hingerichtet. Wer mit einem solchen Kapitalverbrecher sympathisiert, riskiert selbst sein Leben. Nur die Frauen wagen es, wenigstens in Sichtweite des Kreuzes zu bleiben. Maria von Magdala ist auch dabei, als sie Jesu Leichnam in ein Felsengrab legen.

Nun will sie im Morgengrauen noch einmal hin. Mit ihr geht Maria, die Mutter des Jakobus. Als Jesus durchs Land zog und Menschen aufgefordert hat, ihm zu folgen, sagte Jakobus zu seiner Familie: „Ich bin dann mal weg, ich folge Jesus“. Und die Mutter antwortete: „Ich auch!“ Sie wollte selber hören, was Jesus zu sagen hat. Sie, Maria von Magdala und eine dritte Frau mit Namen Salome haben Jesus die Freundschaft und Treue gehalten bis unters Kreuz.

Jesus war ihr Trost und Leben. Alles vorbei. Sie haben gesehen, wie er gestorben ist. Seine Leiche liegt in diesem Felsengrab und ein großer Stein davor. Tot ist tot und wird nicht wieder lebendig. Mit ihm ist alle Hoffnung gestorben. Was ihnen bleibt, ist die Erinnerung: Jesus, unser Trost und Leben, der dem Tode war ergeben. So hören wir es nun in einem Choral von Johann Sebastian Bach.

Tot ist tot und wird nicht wieder lebendig. Was können die Jüngerinnen für den toten Jesus noch tun? Nichts. Gegen den Tod können wir nichts tun. Es bleiben nur die Gesten der Ohnmacht. Wenigstens irgendetwas machen. Darum kaufen die drei Frauen Salböl am Samstagsabend, als der Sabbat vorbei ist und die Geschäfte wieder offen haben.

Die tödlichen Wunden vom Kreuz können sie nicht heilen, aber zumindest den Leichnam Jesu salben. Die Frauen erweisen dem Geschundenen und Gekreuzigten damit eine besondere letzte Ehre.

Den Toten Ehre erweisen, das machen auch viele von uns. In den Tagen um Ostern die Gräber der Verstorbenen besuchen, ihnen Blumen bringen, eine Kerze für sie am Grabstein anzünden. Gegen den Tod können wir nichts tun. Aber wir können für unsere Verstorbenen Zeichen setzen: Wir haben euch nicht vergessen.

Auch wer unter dem Schock von Trauer steht, muss sich oft mit ganz praktischen Fragen beschäftigen. Manchmal hilft es sogar, überhaupt etwas zu tun zu haben. So auch bei den drei Frauen unterwegs zu Jesu Grab. Sie überlegen: Wer wälzt uns den Stein von der Tür zum Grab? Tote wurden damals nicht in der Erde begraben, sondern in ein begehbares Felsengrab gelegt. Ein Stein wurde davor gerollt. Die steinharte Grenze zwischen den Lebenden und den Toten.

Am Grab angekommen wird es zum Fürchten. Der Grabstein ist weggewälzt. Die Leiche von Jesus ist ebenfalls weg. Aber das Grab ist nicht leer. Im Grab sitzt ein junger Mann. Das blühende Leben im Reich der Toten. Der junge Mann trägt ein langes weißes Gewand. Hell wie Licht, hell wie Lebensfreude. Es strahlt und leuchtet in der Grabkammer.

Hand aufs Herz: Wer würde sich da nicht fürchten? Die drei Frauen sind starr vor Schreck. Aber der Unbekannte sagt zu ihnen: „Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier.“ Und wie zum Beweis zeigt er den Frauen die Stelle, wo Jesus gelegen hat. Das alles nimmt den Frauen kein bisschen den Schrecken. Jesus soll von den Toten auferstanden sein? Das ist ein Schock für sie. Nichts wie weg von diesem Grab! Sie fliehen und sagen niemandem etwas; „denn sie fürchteten sich.“

So endete ursprünglich das Markusevangelium. Ein seltsames Ende. Seltsam bis heute. Wenn wir Ostern feiern, dann ist auch Skepsis mit dabei. Auferstehung der Toten? Vielleicht würden wir das gerne glauben, aber können es nicht immer. Da geht es uns nicht anders als den Frauen, die die ersten Zeuginnen der Auferstehung Jesu waren.

Aber die Botschaft „Jesus ist auferstanden!“ war so stark, dass sie bis heute nicht tot zu kriegen ist. Sie ist die größte Hoffnung, die ich kenne. Der Stein zwischen Leben und Tod ist weggewälzt. Im Grab wartet nicht der Tod auf uns, nicht Verwesen und Vergessen. Im Grab erwartet uns das blühende Leben, Licht und helle Freude. Das Ende wird zum Anfang.

Eine Melodie auf das Leben, das den Tod besiegt, spielen nun die Bläser und die Orgel: Das Stück von Johann Eccard „Wir singen all mit Freudenschall vom Sieg des einen Herren“.

Liebe Gemeinde: Am Ende ein Anfang. Die Hoffnung auf Auferstehung wirkt in mein Leben hinein. Wenn nicht einmal der Tod das absolute Ende ist, dann ist schon zu Lebzeiten vieles möglich. Bei Gott ist alles möglich. Natürlich stoße ich an Grenzen, die steinhart sind. Tonnenschwere Steine von Verzweiflung, die ich nicht einfach wegwälzen kann. Aber wo ich mit meinen Möglichkeiten am Ende bin, fangen Gottes Möglichkeiten erst an. An dem Glauben, dass Gott alles zum Guten wenden kann, halte ich fest.

Das ist nicht immer sichtbar. Das ist nicht immer spürbar. Manchmal aber doch. Von ihren Erfahrungen von Auferstehung mitten im Leben haben in diesem Gottesdienst drei Frauen aus unserem Stadtviertel erzählt. Die Lebensgeschichte von Elena, die in einem Kellerraum wohnte, fast blind, gehbehindert, ohne Papiere, ohne Einkommen, ohne Familie. Im Bild vom Osterevangelium gesagt: Es waren viele große Steine vor ihren Weg zum Leben gewälzt. Und doch hat die Nachricht von ihrer Not den Weg zu den richtigen Menschen gefunden, die ihr herausgeholfen haben.

Die Hoffnung auf Auferstehung wirkt ins Leben hinein, wenn Kinder, die früh beide Eltern verloren haben, daran nicht verzweifelt sind. Es gibt die Gefahr, durch schreckliche Verluste in Todesstarre zu verfallen, lange bevor man selber tot ist. Darum ein großes Oster-Halleluja, ein „Gott sei Dank“ für die Großmutter, die nach dem Tod der Eltern den beiden Schwestern alle Liebe und Gottvertrauen fürs Leben gegeben hat. In einem Kinderbuch habe ich ein Gespräch zwischen Mutter und Sohn gelesen. Der kleine Junge fragt: „Wo ist Opa jetzt? Und was passiert mit uns, wenn wir sterben? Manchmal muss ich daran denken. Ich habe Angst davor.“ Kinderfragen sind die schwersten Fragen. Was würde ich antworten? Woran glaube ich? Die Mutter erzählt ihrem Kind die Ostergeschichte. Zum Schluss sagt sie: „Vor dem Tod hat wohl jeder Angst. Aber Jesu Geschichte lässt uns hoffen, dass auch wir über den Tod hinaus leben, dass unser Lebensweg bei Gott weitergehen wird. Denn Gott ist ein Gott des Lebens.“ Der Junge grübelt ein bisschen und sagt dann: „Wenn das so ist, Mama, lebe ich jetzt noch lieber. Und was danach kommt, werde ich dann schon sehen.“ Und geht wieder spielen.

Das sind Oster-Augenblicke. Die Angst löst sich. Ein Stein, der alles blockiert hat, rollt weg. Ich sehe wieder Licht und spüre wieder Lebensfreude. Ich lebe noch einmal mindestens doppelt so gern. Am Ende ein Anfang. Das Beste kommt meistens zum Schluss. Wenn das große Geheimnis dann einmal für mich beginnt, bin ich neugierig: Was kommt nach dem Tod? Das werde ich dann schon sehen. Und Sie auch, liebe Gemeinde, liebe Hörerinnen und Hörer! Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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