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Für Oskar, Paula und Ada – Zum Holocaust-Gedenktag
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Für Oskar, Paula und Ada – Zum Holocaust-Gedenktag

Stephan Krebs
Ein Beitrag von

Stephan Krebs,

Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt

Oskar bekommt als kleiner Junge eine Hirnhautentzündung. Fortan ist er gehörlos. Taub ist auch die kleine Paula – von Geburt an. Die beiden finden sich und heiraten. Schon bald kündigt sich ein Kind an. Oskar und Paula im Glück. Oder doch nicht? Denn geboren wird ihr Kind im Dezember 1939 in Krakau. Kurz davor hatte der Wahnsinn des Zweiten Weltkrieges begonnen. Wo immer die Nationalsozialisten hinkommen, machen sie Jagd auf Juden. Oskar und Paula sind Juden. Die kleine Familie findet Unterschlupf bei Freunden, muss sich aber ständig woanders verstecken. So entsteht eine ganze Kette von Helfern. Schließlich kommen sie in einem abgelegenen Dorf in Polen unter. Im Keller von Ada und ihrem Mann. Dort bringt Paula ihr zweites Kind zur Welt, geboren zwischen Hoffnung und Angst.
Mehrmals durchsuchen Soldaten die Häuser. Aber immer gelingt es der Beschützerin Ada, die Soldaten abzuwimmeln. Aber nicht nur sie riskiert ihr Leben. Viele im Dorf wissen Bescheid. Alle halten zu ihnen.
Das Leben im Versteck zermürbt Oskar. Er kann ja nicht hören, wenn die Soldaten kommen. Oskars Gemüt verfinstert sich, er wird depressiv, auch aggressiv und manchmal wirr im Kopf.
Dann rückt die Front näher. Am 27. Januar 1945 befreit die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz. Das war heute vor 73 Jahren. Deshalb ist heute der Holocaust-Gedenktag. Er erinnert an die sechs Millionen ermordeten Juden. Oskar und Paula überleben. Sie haben Glück. Oder doch nicht? Das Überleben war schwer. Aber das Überlebt-haben ist es auch.
1947 wandern sie nach Schweden aus. Dort stirbt Paula bei einem Autounfall. Darüber versinkt Oskar noch tiefer in seiner seelischen Krankheit. Er geht mit seinen Kindern in die USA, dann nach Israel. Doch heimisch wird er nirgendwo mehr. Seine Erlebnisse nimmt er überall hin mit. Gewalt und Unrecht sind nicht vorbei, wenn sie zu Ende sind.
1960 wendet sich Oskar an den neuen deutschen Staat, die Bundesrepublik Deutschland. Dort beantragt er eine Entschädigung. Dafür muss er allerdings beweisen, dass es die Nazi-Verfolgung war, die ihn psychisch krank gemacht hat. Wieder hilft Ada, seine beherzte polnische Retterin. Lange Gutachten werden geschrieben. Das Ergebnis: Deutschland erkennt an, dass Oskar während der Nazi-Zeit – Zitat – „einen vitalen Knick“ verkraften musste. Doch der rechtfertige nur eine Erwerbsminderungsrente von 30 Prozent. Denn seine eigentliche Krankheit – eine Schizophrenie – sei erst 1951 ausgebrochen, nach dem Tod seiner Frau. Aber dafür könne der deutsche Staat nichts. Ich finde das beschämend.
Immerhin: Dabei wurde aufgeschrieben und amtlich beglaubigt, wie es Oskar und Paula ergangen ist. Auch was Ada und die anderen für sie getan haben.
Viele Helfer waren Christen. Ob sie deshalb so mutig gehandelt haben? Das weiß ich nicht. Ich wünsche es mir. Viele Christen haben zum Unrecht der Nazi-Zeit geschwiegen oder sich sogar aktiv daran beteiligt. Dabei müsste einem der Glaube doch den Mut geben, für das Leben anderer einzutreten. Und gegen Gewalt. Zum Glauben gehört für mich eine Leidenschaft für das Leben, weil es ein Geschenk Gottes ist und deshalb so kostbar. Auch daran erinnert der Tag heute, der Gedenktag für die Opfer des Holocaust. Und er erinnert an mutige Helfer wie Ada und die vielen anderen.

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