Der Heilige Geist – Gottes Superkraft
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Der Heilige Geist – Gottes Superkraft

Irmela Büttner
Ein Beitrag von

Irmela Büttner,

Evangelische Pfarrerin, Offenbach-Bieber

Manchmal hätte ich gerne Superheldenkräfte. Wie Spiderman an Hochhäusern entlangkraxeln oder wie Superman alles auf einmal können: Fliegen, supergut hören, und sehen, stark sein. Das wär was! Das Leben wäre spannend und aufregend. Und ich wäre energie-geladen und könnte alle Aufgaben mit Leichtigkeit lösen.
Kein Wunder, denke ich mir, dass die Geschichten von den Figuren mit übermenschlichen Kräften ganze Kinderzimmer füllen. Ich unterrichte Religion an einer Grundschule. Wenn ich da auf den Pausenhof komme, beobachte ich die Kinder dabei, wie sie die Superhelden nachahmen: Die Arme erheben, als könnten sie fliegen, mit den Händen durch die Luft fahren, als könnten sie ein Laserschwert schwingen, den Spielpartner hochheben, als könnten sie ihn mühelos durch die Luft schleudern.
In der christlichen Religion gibt es auch eine Superkraft, das ist der Heilige Geist. Ist er so wie Spiderman und die anderen? Das legt die Bibel durchaus nahe, denn sie erzählt in Geschichten, was die ersten Freunde von Jesus, alles tun konnten, wenn der Heilige Geist auf sie kam: Feuerflammen erschienen über ihren Köpfen, sie konnten mehrere Sprachen sprechen, die Menschen begeistern, Gefängnismauern brachen zusammen, Fesseln und Ketten zersprangen. Wahrscheinlich kann man nur in starken Geschichten vermitteln, wie mächtig dieser Geist wirkt.
Eine Geschichte beeindruckt mich besonders: Sie handelt vom Apostel Paulus und seinem Begleiter Silas. Die beiden ziehen durch die Lande und erzählen den Leuten von Jesus und seiner Botschaft von der Liebe Gottes. Damit kommen sie einflussreichen Leuten in die Quere. Die sorgen dafür, dass Paulus und Silas ins Gefängnis geworfen werden. Da sitzen sie im Kerker, wo alles dunkel ist und sie scheinbar am Ende sind. Und was machen Sie? Sie singen. Sie stimmen Loblieder zu Ehren Gottes an. Da kommt ein Erdbeben und zersprengt die Mauern und die Ketten, sodass sie entkommen können. Richtig action also.
Ob das wirklich nur ein Erdbeben war, was da zufällig gerade geschah? Das weiß niemand. Die Bibel deutet es eher als die Kraft Gottes, die die beiden mutigen Sänger befreite. Gott sendet ihnen Kraft. Aber nicht, um Bösewichter zu jagen. Die Superkraft Gottes verfolgt andere Ziele. Zunächst einmal befreit der Heilige Geist Paulus und Silas aus dem Gefängnis. Und er beeindruckt den Gefängniswärter derart, dass dieser sich zu Jesus bekennt. Paulus und Silas können weitermachen. Sie gehen zu den Leuten und versuchen sie davon zu überzeugen, dass Gott für sie da ist, sie liebt, sie stärken will. Niemand soll sich mehr fürchten müssen.

Der Heilige Geist Gottes ist stark. Menschen spüren diese Superkraft auch heute. Meistens ist das nicht so spektakulär wie in den Superheldencomics oder wie bei Paulus und Silas in der Bibel: als ein Erdbeben die Gefängnismauern einstürzen lässt. Ich erlebe den Heiligen Geist eher leise und nachhaltig.
Wenn Leute sich zusammentun, um anderen zu helfen zum Beispiel, in Bürgerinitiativen, Vereinen und sozialen Projekten.
Etwas Besonderes ist es auch, wenn junge Leute mit Austauschorganisationen ins Ausland gehen. Ich habe das selbst gemacht und hab erfahren: Ich bin herzlich aufgenommen worden, habe die Sprache gelernt, Kultur erlebt, Freunde gefunden. Ich kann bestätigten: Dort wo so enge, persönliche Beziehungen entstehen, werden Menschen nicht so leicht auf die Idee kommen, Krieg zu führen.
Ich erlebe den Heiligen Geist auch, wenn viele zusammenkommen, miteinander beten und diskutieren, so wie beim Kirchentag oder beim Katholikentag vor zwei Wochen in Münster. Ich weiß: Von solchen Glaubensfesten kommt man mit solcher Energie nach Hause, dass es ansteckend ist.
Ich erlebe den Heiligen Geist auch, wenn Menschen gemeinsam singen, Gospel zum Beispiel. Wenn ich in die Gesichter und leuchtenden Augen der Sängerinnen und Sänger schaue, dann sehe ich mehr von Gott als ich mit tausend Worten beschreiben könnte. So passiert es vielen, vielen Menschen an den unterschiedlichsten Orten, ganz egal, ob evangelisch oder katholisch. Gottes Geist, Gottes Superkraft beflügelt sie, macht sie froh, gibt ihnen Mut und Kraft.
Wie bekomme ich nun Gottes Superkraft?
Ich glaube: Man findet ihn eher gemeinsam als allein. Der Heilige Geist ist vor allem eine Kraft, die Menschen miteinander verbindet und gemeinsam begeistert. Deswegen wird er häufig im Zusammenhang mit dem Wort Kirche verwendet. Wo man zusammenkommt, zum Beten, zum Singen, um sich gesellschaftlich zu engagieren.
Aber der Heilige Geist kommt nicht auf Bestellung. Es gibt keine Zauberformel, die ihn herbeiruft. Ich kann ihn nicht planen, ich kann ihn aber geschehen lassen. Ich glaube, ein Geheimnis ist: Ich lasse los, was mich belastet und überlasse mich Gott. Wie das gelingt, muss jeder für sich herausfinden. Das können kleine Momente sein. Ein Gespräch zum Beispiel, das so anregend ist, dass ich alles um mich herum vergesse. Hab ich gerade wieder erlebt mit einer Kollegin. Oder ein besonderer Moment, den ich mit anderen zusammen erlebe, bei einem tollen Konzert zum Beispiel. Besonders gut loslassen kann ich zum Beispiel auch im Gottesdienst. Da mache ich Pause in meinem Alltag. Nicht, um danach genauso weiterzumachen wie davor, sondern um eine Kraft zu empfangen, die außerhalb von mir liegt. Diese Kraft liegt bei Gott, der größer ist, als ich es mir vorstellen kann.

Gottes Superkraft, Gottes Heiliger Geist, beflügelt Menschen. Der katholische Theologe Karl Rahner hat mal ein Glaubensbekenntnis über den Heiligen Geist verfasst. Er hat geschrieben: „Ich glaube, dass der Heilige Geist meine Vorurteile abbauen kann, dass er meine Gewohnheiten ändern kann, dass er meine Gleichgültigkeit überwinden kann.“ Er meint also: Eine Superkraft, die in Menschen verändern kann, was sie hemmt und lähmt. Sie hilft, ein besserer Mensch zu werden, so wie Superman es wollte, nur ohne die Muskeln und den roten Umhang. Still und verborgen, aber deswegen nicht weniger mächtig und vor allem nachhaltig.
Als ich meine Konfirmanden fragte: Wofür hättet ihr gerne Gottes Superkraft?, haben sie gesagt: Für Gerechtigkeit. Die Vierzehnjährigen sehen die Ungerechtigkeit in der Welt. Sie sehen, dass es einigen Menschen besser geht als anderen, sie sehen die Armut, sie sehen, dass Menschen hungern, Kriege und Katastrophen ihr Leben bedrohen. Sie sehen die Ungerechtigkeit auch in ihrem eigenen Umfeld. Sie sehen, dass es Menschen gibt, die ausgegrenzt und ausgeschlossen werden. Sie möchten dagegen angehen und für mehr Gerechtigkeit kämpfen. Aber sie spüren, wie wenig sie tun können. Deshalb hätten sie gerne Gottes Superkraft, dass sie ihnen hilft, die Welt besser zu machen.
Ich glaube, Gottes Heiliger Geist kann tatsächlich die Welt besser machen – wenn wir mitmachen. Gottes Superkraft verleiht Stärke. Diese Stärke besteht nicht aus dicken Muskeln oder der Fähigkeit, andere zu besiegen oder zu übertrumpfen. Gottes Stärke besteht aus Liebe. Sie hilft, zu vergeben, sich zu achten und den Mut zu haben, sich von Gott verändern zu lassen.
Ich will Gott an diesem Sonntag loben und diesen Tag zu einem guten Tag werden lassen. Wer weiß: Vielleicht spüre ich ja etwas von seiner Superkraft.

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