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Den Tod eines Menschen verkraften
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Den Tod eines Menschen verkraften

Dr. Anke Spory
Ein Beitrag von

Dr. Anke Spory,

Evangelische Pfarrerin, Bad Homburg-Gonzenheim

Monika hält mir ein paar Postkarten und Briefe hin. „Schau mal“, sagt sie, „ich bin richtig gerührt“. Monika hat ihren Mann vor drei Jahren verloren. Er ist gestorben. Die Zeit danach war schwer. Die Postkarten kommen zum Geburtstag ihres Mannes. Obwohl Hans, so hieß ihr Mann, tot ist, schreiben Freunde und Bekannte zu seinem Geburtstag an sie. „Es ist gut zu spüren, dass Menschen an mich denken“, sagt sie. „Ich freue mich, wenn sie mir an seinem Geburtstag ein paar Zeilen schreiben.“ Und sie fährt fort: „Ich fühle mich getröstet, wenn ich spüre: Auch andere denken noch an Hans. Auch nach seinem Tod ist er nicht vergessen.“
In der Bibel heißt es in einem Psalm: „Ich bin vergessen in ihren Herzen wie ein Toter, ich bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß.“ Nach dem Tod vergessen zu werden, ist eine uralte Angst. Durch den Tod wird das Leben ausgelöscht. Wer Tote vergisst, macht selbst die Erinnerung noch zunichte. Wie ein Gefäß, das zerbricht und sich nicht mehr zusammenkleben lässt. Ein ganzes Leben – nur noch Scherben.
Es ist nicht einfach, Menschen zu begegnen, die einen anderen verloren haben. Was kann ich denn sagen? Wenn ich den Verlust anspreche, reiße ich womöglich Wunden auf? Soll ich von etwas ganz Anderem reden, vielleicht? Vor lauter Unsicherheit tut man nichts. Greift weder zum Stift noch zum Telefonhörer.
Monika hat sich über die Post zum Geburtstag ihres verstorbenen Mannes Hans gefreut. Ein Freund erinnert sich an einen gemeinsamen Urlaub mit Hans. Eine Freundin schreibt einfach: Ich denke an dich. Monika hat gespürt: Ihr verstorbener Mann ist nicht in Vergessenheit geraten. Es gibt Menschen, die sich an ihn erinnern und es auch ausdrücken. Die Postkarten mit den Anekdoten oder die Sätze wie „ich denke an dich“ entlasten sie. Nicht nur sie, auch andere erinnern sich an ihren Mann Hans. So gerät er nicht in Vergessenheit. Und auch nicht der große Teil ihres Lebens, den sie gemeinsam mit Hans verbracht hat. Für Monika ist das tröstlich.
Und, ganz wichtig: Andere wissen, wie es ihr geht, an Hans’ Geburtstag. Sie braucht Menschen, die an sie denken.
Mich hat die Begegnung mit Monika gelehrt: Lass dich nicht von deiner eigenen Unsicherheit leiten, wenn du mit Menschen redest, die ihr Liebstes verloren haben. Ich habe gespürt, wie wichtig es ist, gemeinsame Erinnerungen zu teilen, weil damit ein Mensch und seine Geschichte lebendig bleibt.
Den Tod eines Menschen zu verkraften, ist schwer. Gut, wenn andere mithelfen. Wenn man sich gemeinsam an einen Menschen erinnert. Das hält hoch, was man miteinander erlebt hat. Und es tröstet."

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