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"Damit sich Türen öffnen..." - Gedanken zum ersten Advent

"Damit sich Türen öffnen..." - Gedanken zum ersten Advent

Stefan Herok
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Stefan Herok,

Katholischer Diplomtheologe, Referent für Liturgie – Katechese – Spiritualität beim Bistum Limburg
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Guten Morgen, Sonntag, der 1. Advent!

Nun ist wieder ein Türchen offen. Jedenfalls bei den Leuten mit Adventskalender. Ist doch eher was für Kinder, mag vielleicht mancher denken. Schokolade oder märchenhafte Bilder, was soll da schon Spannendes drin sein für uns Erwachsene?

Nun, ein Click ins Internet belehrt mich eines Besseren: LuxusAdventskalender für Damen aus der Parfümerie für feine 60 Euro. Türchen für Türchen eine Minimenge Creme oder Gesichtswasser. Oder soll‘s vielleicht ein StarWars-Adventskalender sein? Ach, der ist von Lego und dann doch wieder eher für Kinder. Aber hier: Einer vom Winzer mit 24 Wein- und Sektpröbchen? Oder doch der vom FC-Bayern-München mit Original-Autogrammkarten der Spieler. Bis hin zum Adventskalender aus dem Erotikshop, wahlweise für Damen oder Herren. Ich bin überrascht. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Besonders originell für meine Recherche ist der Adventskalender mit dem fett aufgedruckten, heiter-trotzigen Motto: „Ist mir doch egal wie alt ich bin, ich will trotzdem einen Adventskalender“!

Ich auch. Ich finde es schön, wenn sich Türen öffnen. Und darüber möchte ich heute Morgen adventlich mit Ihnen nachdenken: Verschlossene Türen, die sich öffnen mögen…

Vor meinem inneren Auge verlasse ich die Adventskalender-Landschaft und wandere in Gedanken klassische Türmotive ab. Was würde Ihnen so einfallen?

Ich sehe die Tür einer hippen Disco vor mir. Nicht nur verschlossen. Nein, auch noch gesichert durch einen energischen Türsteher, der mir signalisiert: „Du kommst hier nicht rein!“ Wahrscheinlich bin ich zu alt. Nebendran die Türe zu einem eleganten Restaurant. Sie ist zwar offen, aber die Speisekarte mit den Preisen hat auf mich die gleiche Wirkung wie nebenan der Türsteher. Nur bin ich hier nicht zu alt, sondern zu arm. Ich sehe mich mit dringendem Anliegen auf einer Behörde Zimmertür für Zimmertür abklappern. Keiner ist zuständig. „Nein, den Chef können Sie nicht sprechen. Der macht keine Publikumstermine.“ Oder ich höre beim Facharzt: „Der nächstmögliche Termin ist in zwölf Wochen. – Es sei denn, Sie sind Privatpatient?“  Verschlossene Türen ohne Ende.

Andererseits sind da vielfach diese Automatiktüren: Supermärkte, Lokale, das WellnesSchwimmbad. Weil man hier sehnlichst auf BesucherInnen wartet, gehen die Türen per Lichtschranke übereifrig von ganz allein auf. Selbst wenn jemand draußen an ihnen vorbeigeht und überhaupt nicht rein will. Wie luftschnappende Mäuler öffnen sie sich, gierig, mich als Kunden einzusaugen und zu verschlingen. Ich mag sie nicht besonders.

Ich sehe mich vor Türen, die ich selbst aufschließen kann und vor solchen, die mir jemand bereitwillig öffnet. Aber es gibt eben auch jede Menge Türen, die mir oder anderen verschlossen bleiben. Manche dieser Türen sind eine Verheißung, ein Versprechen und eine Sehnsucht. Hinter ihnen lacht uns das Leben, das wir vermissen. Aber da ist keiner, der uns das Sesam-öffne-dich-Zauberwort verrät. So bleiben die Türen zu. Leider.

Die Tragik mit den verschlossenen Türen kennt zwei Richtungen: entweder man kommt nicht rein oder man kommt nicht raus. Ausgeschlossen oder eingeschlossen, beides ist nicht schön. Menschen auf der Flucht suchen einen Ort, wo sie sicher unterkommen. Geschlossene Grenzen, geschlossene Gesellschaften weisen sie ab. Wie gerne und dringend kämen sie rein.

Nicht weniger schlimm finde ich Situationen und Orte mit verschlossenen Türen, wo man nicht rauskommt! Ich denke an alle Menschen, die eingeschlossen sind: in steinernen Gefängnissen hinter Schloss und Riegel oder eingepfercht ins Angstgefängnis ihrer Seele oder ihres verbitterten Herzens. Vielleicht auch nur in einem „goldenen Käfig“. Es gibt so viele Formen der Unfreiheit. Man käme so gerne heraus, aber weil andere es nicht zulassen oder weil man selbst es nicht vermag, bleiben die Türen verschlossen. Die Sehnsucht nach Freiheit und Erlösung, vielleicht auch nur nach Luft und Licht, sie erfüllt sich nicht. Verschlossene Türen sind mir auch ein Sinnbild für abgebrochene Kommunikation. Jemand hat – mehr oder weniger geräuschvoll - die Türen hinter sich zugeschlagen, keine Verbindung mehr zum anderen, keinen Zugang mehr zueinander.

Sonntag, erster Advent. Verschlossene Sehnsuchtstüren sollen sich öffnen. Auch ich bin voller Erwartung. Ich mag die „lebendigen Adventskalender“, wenn z.B. Nachbarn vor ihre Haustüre einladen. Oder hier im Hessischen Rundfunk die Aktion: „hr-info öffnet Türen“ (https://www.hr-inforadio.de/programm/oeffnet-tueren/index.html). Und darum folgt auch mein Adventskalender anderen Sehnsüchten als Parfum, Bayern-München-Autogrammen oder Erotikartikeln…

Verschlossene Türen, die sich öffnen mögen, sind ein starkes Motiv in christlichen Adventsliedern. Ich singe gerne: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!“ oder „Tauet Himmel, den Gerechten“, wo es heißt: „…denn verschlossen war das Tor, bis der Heiland trat hervor!“ Natürlich klingt das Wort „Heiland“ ein bisschen nach verstaubter Kirchensprache. Aber das Türenmotiv, das finde ich klasse. Ganz besonders in dem Lied: „O Heiland reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf! Reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für!“ Ein temperamentvoller Text, fast gewalttätig. Ich höre darin aber eher Leidenschaft und drängende Sehnsucht, nichts Destruktives:

Endlich soll Schluss sein mit den verschlossenen Türen, am Himmel und überhaupt! Schloss und Riegel, Tür und Tor alles weg! Eine Türe nach der anderen öffnet sich, das ist Advent. Bewerkstelligen soll das – so ist die Erwartung - der Mann, auf den das mit Weihnachten alles zuläuft, Jesus aus Nazaret, den die fromme Sprache „Heiland“ nennt. Alles läuft auf ihn zu. Besser gesagt, er selbst läuft auf uns zu: „Herab, herab vom Himmel lauf!“ Und dabei reißt er alle Schlösser und Riegel ab und die Türen auf. Wunderbar!

Aber wie soll ich mir das vorstellen? So viele Türen, vor denen Menschen ausgeschlossen sind, sind und bleiben zu. Ich habe vorhin einige Situationen aufgezählt, wo ich zu alt bin oder zu arm oder nicht privat versichert oder einfach nicht zum Zuständigen durchgedrungen. Und so viele Türen, hinter denen Menschen eingeschlossen sind, körperlich oder seelisch, sie sind und bleiben leider immer noch zu!?

Mit dem Advents- und Weihnachts-Jesus öffnet sich keine verschlossene Tür einfach so von selbst, eben keine Lichtschranken-Tür-Automatik wie bei Supermarkt.

Aber dieser Jesus, der hat tatsächlich so etwas wie das „Sesam-öffne-dich-Zauberwort“ für mich, nüchterner gesagt: einen „Schlüssel“: Die Liebe öffnet alle Türen! Und sie hilft mir zu unterscheiden, welche Türen für mich wirklich wichtig sind oder nicht. Vielleicht bin ich für manches ja tatsächlich langsam zu alt? Und wenn ich mir etwas materiell nicht leisten kann, so bin ich doch längst nicht arm! Die Liebe hilft mir auch, mich vor anderen oder für andere stark zu machen im Kampf gegen die Türen der Arroganz oder der Angst und der Unfreiheit. Mich stark zu machen für eine offene Gesellschaft.

Dieser Gedanke gipfelt darin, dass die Bibel Jesus über sich selbst sagen lässt: „Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und (ich übersetze Weide etwas freier) das Leben finden. (JohannesEvangelium 10,9)

Das ist mein lebendiger Adventskalender: Wo kann ich konkret mithelfen, Türen zu öffnen?! Wie kann ich dazu beitragen, dass wir Menschen selbst mehr und mehr zu offenen Türen werden, die anderen Menschen den Zugang eröffnen zu sich selbst, zur Liebe, zur Freiheit, zum Leben.

Es ist so schön, wenn Türen sich öffnen!

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