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Crucify - Ein Opfer Gottes?
Bildquelle Pixabay

Crucify - Ein Opfer Gottes?

Stephan Krebs
Ein Beitrag von

Stephan Krebs,

Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt

„Crucify“ von Tori Amos • Sprecherin: Ursula Illert

https://www.youtube.com/watch?v=9ipCKIxdHTs

Leicht hat sie es nicht gehabt. Im Gegenteil, das Leben hat ihr einiges zugemutet. Die Rede ist von Tori Amos. Die US-Amerikanische Sängerin ist heute 54 Jahre alt und ein Ausnahmetalent. Mit zwei Jahren bekam sie Klavierunterricht, mit fünf Jahren hatte sie ein Musik-Stipendium, als 15jährige gab sie bereits regelmäßig Konzerte. Klingt nach einer glanzvollen Karriere. Wären da nicht die Schattenseiten: Misserfolge, Konflikte mit den Plattenfirmen. Noch heftiger im persönlichen Bereich. 1992 wurde Tori Amos von einem Mann mit Waffengewalt entführt, mit dem Tod bedroht und vergewaltigt. Dieses schreckliche Erlebnis hat sie in einem Song offen angesprochen. Dessen Titel spricht Bände, gerade auch vor dem Hintergrund der aktuellen Waffendebatte in den USA. Er lautet: „Me and a gun“- „Ich und die Waffe“.
Weitere Tiefschläge folgten. Dazu zählen Fehlgeburten: Zwei mal erlebte sie das Gefühl werdenden Lebens im eigenen Bauch, all die Phantasien und Pläne für ein Leben mit Kind. Und dann das Ende. Der Tod im eigenen Leib, bevor das Leben richtig losgegangen war.

Ihre Erlebnisse verarbeitet Tori Amos mit den Mitteln, die sie hat: Als begnadete Musikerin mit Musik. Und als Tochter eines evangelischen Pfarrers mit der Frage nach Gott. In vielen Songs greift sie religiöse Themen auf. Nicht selten sehr kritisch. Zu diesen Songs zählt auch der Titel „Crucify“, zu Deutsch: „Kreuzigen“. Der Song entstand 1992, dem Jahr ihrer Vergewaltigung. Musikalisch beschreibt sie darin ihr persönliches Ringen mit dem Leben – und mit Gott.

Jeder Finger im Raum zeigt auf mich. Ich will in ihre Gesichter spucken, dann erschrecke ich, was daraus werden könnte. Ich habe eine Bowlingkugel in meinem Bauch. Ich habe eine Wüste in meinem Mund.

Every finger in the room is pointing at me.
I wanna spit in their faces, then I get afraid of what that could bring.
I got a bowling ball in my stomach.
I got a desert in my mouth.
Figures that my courage would choose to sell out now.

So fühlt sich Depression an. Sprachgewaltig wie ein biblischer Psalm sagt Tori Amos in der ersten Strophe ihres Songs vor allem eines: „Mir geht es dreckig.“ In der zweiten Strophe macht sie sich dann auf die Suche nach Hilfe. Sie fragt nach einem SAVIOR, ein religiöser Begriff, denn mit diesem englischen Wort wird auch Jesus Christus benannt. Auf Deutsch heißt es RETTER. Tori Amos sieht sich also in einer umfassenden religiösen Not. Sie sucht nach jemandem, der sie davon erlöst.

Ich habe nach einem Erlöser in diesen dreckigen Straßen gesucht, nach einem Erlöser unter diesen dreckigen Laken gesucht. Ich habe meine Hände erhoben, treibe einen weiteren Nagel hinein. Genau was Gott braucht, ein weiteres Opfer.

I’ve been looking for a savior in these dirty streets, looking for a savior beneath these dirty sheets. I’ve been raising up my hands. Drive another nail in. Just what God needs, One more victim.

Tori Amos sucht einen Retter. Stattdessen findet sie einen grausamen Gott, der von ihr weitere Opfer verlangt: Leiden statt Hilfe. Was für eine traurige Vorstellung von Gott!
Ich glaube: So ist Gott nicht. Doch zunächst einmal verstehe ich sie: Wer so schreckliche Gewalt erfahren hat, schleicht mit seinen Gefühlen und Gedanken lange um das Erlebnis herum. Man versucht es zu verkraften und zu überwinden.
Dabei greift Tori Amos auf Bilder zurück, die sie als Tochter einer christlichen Familie gut kennt. Dazu zählt Jesus Christus am Kreuz. Festgenagelt an Händen und Füßen. Eine grausame Foltermethode. Sie reicht zurück in die Zeit der Bibel. Damals bestraften die Römer Aufrührer und Widerstandskämpfer auf diese Weise. Die Kreuze mit den Sterbenden wurden öffentlich aufgestellt – als abschreckendes Beispiel, denn der Tod am Kreuz war qualvoll. So ist auch Jesus Christus gestorben. Daran erinnert der heutige Tag, der Karfreitag. Er ist ein stiller Tag, ein Tag der Trauer, denn er weist hin auf die vielen Leidenden in dieser Welt. Aber dieser Tag ist auch die Quelle einer Hoffnung, denn Menschen erkannten in Jesus Gottes Sohn. Sie verstanden das Kreuz als Signal Gottes: „Seht her, ihr Menschen. Ich leide mit Jesus. Ich leide mit euch. Ich spüre euren Schmerz, ich bin bei euch im Tod.“
Dem ans Kreuz genagelten Jesus fühlt sich Tori Amos eng verbunden, denn auch er war, wie sie, der Gewalt anderer hilflos ausgeliefert. Doch darin erkennt Tori Amos nicht die Solidarität Gottes. Im Gegenteil: Sie glaubt, dass Gott ihnen das Leiden auferlegt hat. Als sollten sie zeigen, dass sie bereit sind, alles zu geben. Doch nicht einmal das scheint gut genug zu sein. Tori Amos sieht sich also als doppeltes Opfer, als Opfer männlicher Gewalt und als Opfer Gottes. So jedenfalls klingt es im Refrain ihres Songs „Crucify“ an.

Warum kreuzigen wir uns selbst? Jeden Tag kreuzige ich mich selbst. Nichts, was ich tue, ist gut genug für dich. Ich kreuzige mich selbst und mein Herz ist krank vom Sein, Ich sagte, mein Herz ist krank davon, in Ketten zu liegen.

Why do we crucify ourselves?
Every day I crucify myself.
Nothing I do is good enough for you.
Crucify myself. Every day I crucify myself.
My heart is sick of being, I said, my heart is sick of being in chains, oh, oh, chains

Grausamer Gott! Nichts scheint vor ihm gut genug zu sein: Leistung statt Liebe, Krankheit statt Heilung, Ketten statt Freiheit. Das findet Tori Amos also bei ihrer Suche nach Gott: Die Kreuzigung.
Sie ist nicht die einzige. Nicht alle erleben es so hart wie sie. Aber doch ähnlich. Viele meinen, sie müssten sich schinden, um glücklich sein zu dürfen. Viele Frauen meinen, sie müssten sich aufopfern. Sie müssten sowohl im Beruf als auch in der Familie alles geben und alles richtig zu machen. Viele Männer meinen, sie müssten arbeiten bis zum Umfallen, sonst seien sie der Anerkennung nicht wert. Manche Menschen fügen sich gar selbst blutige Wunden zu, weil sie meinen, sie hätten das verdient. Schmerzen als Weg zu sich selbst und zu Gott. Es gibt viele Methoden, sich täglich zu kreuzigen.
Tori Amos stellt das in Frage: „Warum“, fragt sie, tue ich das? Zum Glück rebelliert sie gegen diese grausame Vorstellung von Gott, der angeblich Menschen am Kreuz sehen will. Das ist ein tragisches Missverständnis, denn es verkehrt die Kreuzigung Jesu in ihr Gegenteil. Die Kreuzigung wird in der Bibel nicht zur Nachahmung empfohlen. Christen sollen nicht wie Jesus alles Leiden auf sich nehmen, um damit Gott gnädig zu stimmen. Im Gegenteil: Die Menschheit soll aufhören, sich selbst und andere zu kreuzigen. Der Karfreitag stellt Jesus ins Zentrum: Er ringt mit dem Tod. Er hadert mit Gott. Aber selbst darin hält er an Gott fest und Gott an ihm. Das macht Jesus stärker als alle Gewalt und am Ende sogar stärker als den Tod.
Davon hat zum Glück auch Tori Amos eine Ahnung. Ganz leise, so leise, dass man es fast nicht verstehen kann, flüstert sie diesen rettenden Gott herbei:

Bitte sei da. Rette mich. Ich schreie danach.

Please be. Save me. I cry.

Plötzlich fällt Tori Amos in einen ganz anderen Tonfall. Nicht mehr bitter und hart, sondern fast flehentlich – eine andere Stimme in ihr. Damit ist sie der Liebe Gottes eher auf der Spur, denn Gott verlangt keine Menschenopfer. Gott will sie beenden. Gott verlangt keine Leistung für seine Liebe, die will er verschenken. Gott legt niemanden in Ketten, er will befreien. Das einzige, was Gott wünscht, ist ein tiefes Verlangen, die Sehnsucht nach Gottes Liebe, die Hingabe in sein Handeln. Schlicht: Vertrauen. Das erfasst Tori Amos in ihrem Song für einen leisen und heilsamen Moment. Dann kehrt sie wieder zu ihrer harten Abrechnung mit Gott zurück. Sie kämpft mit ihm. Oder besser gesagt: Sie kämpft mit ihrer Vorstellung von Gott. Kann sie sich dem Gott anvertrauen, der mit ihr solidarisch leidet? Das bleibt offen. Immerhin: Am Ende ihres Songs „Crucify“ verabschiedet sie sich vom Bild des grausamen Gottes, der Leistung und Opfer von ihr fordert. In die letzten Worte ihrer Hintergrundsängerinnen hinein murmelt sie, fast nicht hörbar, diese Worte:

Gehe niemals mehr zurück um mich selbst wieder zu kreuzigen. Weißt Du: Gehe niemals mehr zurück, um mich selbst wieder jeden Tag zu kreuzigen.

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