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Brot – Speise fürs Leben

Brot – Speise fürs Leben

Winfried Engel
Ein Beitrag von

Winfried Engel,

Ltd. Schulamtsdirektor i. K. i. R., Fulda
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„Da gibt es ja nur Brot!“ Die Enttäuschung in diesem Ausruf der Tochter unserer Freunde war deutlich zu hören. Sie hatte mehr erwartet, jetzt, bei unserem gemeinsamen Ausflug ins Grüne. Verschiedene Brötchen vielleicht belegt mit Köstlichkeiten, die Kinder gern essen. Ich musste unwillkürlich an meine eigene Kindheit denken. Dass es nur Brot gab, gemeint war natürlich das Graubrot, war der Alltag. An besonderen Tagen, zum Beispiel an Festen oder an Sonntagen, gab es auch manchmal Weißbrot oder Toastbrot. Das war damals etwas Besonderes. Und erst recht, wenn es Brötchen gab. Als Kinder durften wir uns manchmal ein Brötchen kaufen, wenn wir morgens zur Schule gingen. Wenn bei einem Frühstück ein Korb mit Brötchen auf dem Tisch stand, dann war das eine echte Freude. Heute klingt das wohl eher wunderlich, denn heute ist das Angebot vielfältig. Brötchen gehören wohl eher zu den normalen Backwaren. In einer Bäckerei hat der Kunde die Wahl zwischen vielfältigen Angeboten. In einer Bäckerei hat der Kunde die Wahl zwischen vielfältigen Angeboten. Wer nur Brot, oder besser, nur eine Sorte Brot auf den Tisch stellt, der bleibt hinter dem geltenden Standard zurück. Also, „da gibt es ja nur Brot“, konnte ich irgendwie verstehen. Wenngleich sich in mir auch etwas Widerstand regte. Wusste das Kind eigentlich nicht die Bedeutung von Brot zu schätzen? Wie viele Menschen auf der Welt wären dankbar, wenn sie täglich wenigstens ein Stück Brot hätten! - Natürlich, so müssen Erwachsene denken und erst recht solche, die schon zu den älteren Jahrgängen gehören. Ich will auch gar nicht auf die Unterschiede von früher und heute abheben, so nach dem Motto, früher war halt doch alles anders oder gar besser, da hat man auch den Wert des Brotes noch geschätzt. Ich habe mich ja gerade daran erinnert, dass ich als Kind „nur Brot“ auch nicht als etwas Besonderes empfunden habe. Dennoch nehme ich mein Erlebnis mit dem Brot zum Anlass, es mehr als Symbol zu sehen, seine tiefere Bedeutung anzusprechen. Dabei hilft mir meine eigene Erinnerung. Nicht jedes Frühstücksbrot, das ich morgens mit in die Schule bekam, entsprach meinem Geschmack. Ich habe es aber nie gewagt, mein Brot etwa in den Papierkorb zu werfen. Da war etwas, was mir meine Eltern und auch die Lehrer vermittelt haben: Brot kann man nicht einfach schaffen oder beliebig machen. Brot gibt es nur, wenn die Natur es schenkt. Das Getreide muss wachsen und seine Körner kann man dann zu Mehl mahlen. Daraus wird Teig und aus dem Teig wird dann, na klar, Brot gebacken. Meine Eltern gehörten zur Kriegsgeneration. Sie hatten wirklich erfahren, was Hunger bedeutet. Da war ein Stück Brot ein Geschenk. An Tagen wie dem Erntedankfest wurde dieser Geschenkcharakter ganz besonders deutlich. Und auch die Gebete im Frühjahr um gedeihliches Wachstum und um den Schutz vor Unwettern stärkten diesen Aspekt. Diese Wertschätzung hatten meine Eltern an uns Kinder weitergegeben. Können wir modernen Menschen sie heute noch teilen?

Brot ist etwas Alltägliches und zugleich etwas Besonderes. Wenn zu einem guten Wein Brot gereicht wird, dann fördert das den Genuss. Erst recht gilt das für eine Weinprobe. Auch unterwegs, bei einer langen Wanderung zum Beispiel, schmeckt bei der Einkehr in einer Berghütte ein frisches Brot ganz vorzüglich. Und es fördert die Gemeinschaft, wenn das Brot als Ganzes aufgeschnitten und in der Runde verteilt wird. Hier geht es nicht mehr nur um satt werden, hier geht es um etwas anderes: Gemeinsames Essen ist Ausdruck von Gemeinschaft. Brot teilen, gemeinsam davon nehmen, ist die einfachste Form solcher Gemeinschaft. Der heutige Tag ist für die katholischen Christen in ganz besonderer Weise mit Brot verbunden. Fronleichnam ist das Fest in der katholischen Kirche, an dem Brot im Mittelpunkt steht. Nicht etwa die Vielfalt der Sorten, die heute zu bekommen sind, auch nicht sein Ernährungswert, sondern seine Bedeutung als Zeichen für die Gegenwart Gottes in dieser Welt. Manch einer mag sich heute Vormittag wundern, wenn Blasmusik an seine Ohren dringt, nicht flott oder rhythmisch, sondern getragen, feierlich. Sie begleitet dann einen Zug von Menschen, die singend und betend durch die Straßen ziehen: die Fronleichnamsprozession. In ihrer Mitte trägt der Priester, in festliche Gewänder gekleidet und von Ministranten und Fahnenträgern begleitet, ein kostbares goldenes Gefäß, die Monstranz. Und darin ist nichts anderes als ein Stückchen Brot, in Form einer Hostie. Klein, weiß und rund. Doch in diesem Stückchen Brot ist, so glauben es katholische Christen, der große Gott in seinem Sohn Jesus Christus selbst gegenwärtig. In Erinnerung an das letzte Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern vor seinem Tod am Kreuz gefeiert hat, wird dieses Brot bis heute in der heiligen Messe vom Priester gewandelt. Dann wird es an die Anwesenden verteilt. Sie empfangen im Zeichen des Brotes den Leib und das Blut Jesu Christi. Das gewandelte Brot wird von den Gläubigen in den katholischen Kirchen verehrt. Dort wird es aufbewahrt in goldenen Gefäßen, eingeschlossen in einem Schrank, dem so genannten Tabernakel. Diese Gegenwart Gottes gibt den katholischen Kirchen einen besonderen Charakter. Sie sind Orte des Gebets. Die katholischen Christen glauben, dass Gott dort gegenwärtig ist. Im Zeichen des Brotes. Am Fronleichnamstag tragen Katholiken nun dieses Brot durch die Straßen ihrer Wohnorte. Eigentlich tragen sie Gott durch die Straßen, als wollten sie ihm zeigen, wo sie täglich leben und arbeiten. Das hat er sicherlich nicht nötig, dieser Gott, denn das weiß er ohnehin. Aber umgekehrt wird dadurch zeichenhaft deutlich, dass dieser Gott mit den Menschen ist, gerade da, wo sie leben und arbeiten. So wird das kleine Stückchen Brot zum Zeichen der Gemeinschaft zwischen Gott und den Menschen. Und es wird auch zum Zeichen für den Glauben derer, die es durch die Straßen tragen: Unser Gott ist bei uns, wirklich und greifbar. Er geht mit uns durch unser Leben, in unseren Alltag, dorthin, wo wir Tag für Tag sind. 

Das Fest Fronleichnam hat eine lange Tradition. Als Fest der leiblichen Gegenwart Christi im Altarssakrament wird es erstmals 1246 im Bistum Lüttich gefeiert und 1264 von Papst Urban IV. zum Fest der Gesamtkirche erhoben. Im Zeitalter der Reformation wird es dann zu einer Machtdemonstration gegen die Protestanten, weil sich im Glauben an das Altarssakrament einer der grundlegenden Unterschiede zwischen Reformatoren und der katholischen Lehre zeigt. Martin Luther gilt als ein entschiedener Gegner des Fronleichnamsfestes. Bis in die jüngere Vergangenheit war diese Rivalität in ländlichen Gegenden noch zu spüren, wenn etwa evangelische Bauern zu Zeiten, als Fronleichnam noch nicht gesetzlicher Feiertag war, demonstrativ am Fronleichnamstag Mist auf ihre Felder ausbrachten, um ihre katholischen Mitbürger zu ärgern. Diese antworteten mit ähnlicher Münze am Karfreitag, der für die evangelischen Christen ein ganz besonderer Feiertag ist. Diese Zeiten sind Gott sei Dank heute vorbei. Auch wenn die Trennung der christlichen Kirchen in dieser Frage immer noch besteht, die gegenseitige Wertschätzung überwiegt. Echte Ökumene weiß um die grundlegenden Unterschiede und respektiert sie, auch wenn sie bemüht ist, sie zu überwinden. Die Botschaft des Fronleichnamsfestes gilt allen Menschen, sie ist nicht nur katholisch: Der christliche Gott ist wirklich Mensch geworden. Er will bei den Menschen sein, dort wo sie leben und arbeiten. Die Menschen sollen ihn anbeten und verehren, ihn als ihren Gott anerkennen. Daraus erwächst ihnen Kraft für das, was an Herausforderung auf jeden einzelnen zukommt. Dass Brot ernährt und Kraft schenkt, haben die Menschen gewusst, seit sie aus Getreidekörnern Brot backen. Dass Brot auch mehr als nur den Leib ernähren kann, gehört zur Botschaft des Christentums von Anfang an. So mag der heutige Tag in mehrfacher Weise an das Brot erinnern: Es soll uns satt machen, wann immer wir Hunger haben; es soll die Gemeinschaft unter uns Menschen stärken, wann immer wir es miteinander teilen; und es soll uns Kraft und Leben in einem besonderen Sinne schenken, wenn wir es als den Leib und das Blut Jesu Christi, als sein Vermächtnis, empfangen.  

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