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Bildung braucht Religion – Was Nikolaus Schneiders Mutter überzeugt hat
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Bildung braucht Religion – Was Nikolaus Schneiders Mutter überzeugt hat

Dr. Peter Kristen
Ein Beitrag von

Dr. Peter Kristen,

Evangelischer Pfarrer und Studienleiter, Religionspädagogisches Institut Darmstadt

Wenn bei Familie Schneider zuhause in der Arbeitersiedlung über Kirche und Glauben gesprochen wurde, waren das immer kritische Töne. Die Eltern waren aus der Kirche ausgetreten und standen der Gewerkschaft und den Kommunisten nahe.
Sie erklärten sich die Welt ohne Gott. So war ihr Sohn Nikolaus auch nicht getauft worden.
Als er dann in die Grundschule kam, haben seine Eltern entschieden: Am Religionsunterricht soll er nicht teilnehmen.
Ersatzunterricht gab es noch nicht. Damit er nicht auf dem Gang sitzt, fand sich der Kleine von Schneiders in der Ecke des Klassenzimmers wieder, wo ihm seine Lehrerin aufgetragen hatte, ein Buch zu lesen.
Das hat er auch getan, erzählt er. Aber dann hat er angefangen, den Geschichten zuzuhören, die die Religionslehrerin der Klasse erzählt hat.
Er sagt: „Sie hat die Geschichten so erzählt, dass für uns Kinder klar wurde: Diese Geschichten haben etwas mit deinem Leben zu tun.“
Bald hat er das Buch beiseitegelegt und sich auch in das Unterrichtsgespräch eingemischt. Zu dem, worüber die Kinder sprachen, hatte er auch etwas zu sagen.
Als er ins Gymnasium kam, war der Religionsunterricht wieder ein Thema.
Die Lehrerin hat der Mutter gesagt: „Frau Schneider, wer diese Welt verstehen will, der muss etwas von Religion verstehen. Sie sollten ihn zum Religionsunterricht anmelden.“
„Gut, dann soll er eben“, hat Frau Schneider gesagt.
So wurde der Fünftklässler Nikolaus zum evangelischen Religionsunterricht angemeldet.
Bildung ohne Religion ist unvollständig.
Dieses Argument hatte seine Mutter überzeugt.
Nikolaus Schneider wurde dann als Konfirmand getauft und hat gegen den Widerstand seines Vaters Theologie studiert. Er wurde Pfarrer und war später auch Ratsvorsitzender und damit höchster Repräsentant der Evangelischen Kirche in Deutschland.
Immer mehr Kinder kommen zuhause nur wenig mit religiöser Bildung in Berührung. Manche davon sind auch heute im Religionsunterricht zu Gast, auch wenn es längst ein Ersatzfach gibt. Sie sind im Religionsunterricht willkommen und bekommen einen Zugang zur Religion, ohne den die Welt nicht zu verstehen ist.
Sie werden dabei nicht überwältigt, sondern eingeladen, Religion von innen und außen zu erleben und darüber mit nachzudenken.
Bildung ohne Religion ist unvollständig. Das stimmt. Doch es gilt auch umgekehrt: Religion ohne Bildung könnte gefährlich sein. Ob man sie zu seiner Herzensangelegenheit macht oder nicht, es ist gut, darüber Bescheid zu wissen.


Quelle: Anselm Grün, Nikolaus Schneider: Luther gemeinsam betrachtet, Münsterschwarzach 2017

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