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Tradition
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Tradition

Dr. Sabine Gahler
Ein Beitrag von

Dr. Sabine Gahler,

Pastoralreferentin im Katholischen Bildungszentrum nr30, Darmstadt
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Tradition! Tradition, singt Tevje der Milchmann in dem Musical Anatevka.
Tradition! Wo kommen wir denn da hin? Was werden die Leute sagen? Das war schon immer so! Tradition! Traditionen haben etwas für sich. Wir wissen, was auf uns zukommt. Das gibt Sicherheit, Verlässlichkeit, Stabilität.Wenn ich mir nicht jede Routine und jedes Vorgehen jeden Tag neu ausdenken muss, ist das sehr entlastend.
Der Verweis auf die Tradition und das, was immer schon so war, macht es manchmal aber auch schwer, Neues zu denken. Etwas Neues zu wagen oder andere es einfach anders machen zu lassen. Manchmal weiß man nicht einmal mehr, wo ein Brauch eigentlich herkommt.
Anthony de Mello erzählt davon in einer Geschichte. Sie geht so:
Ein alter und weiser Mönch hielt täglich eine Abendmeditation. Dabei lief jeden Abend die Klosterkatze in die Kapelle und störte. Der alte Mönch ordnete also an, die Katze solle während dieser Zeit draußen festgebunden werden. So konnte man von da an ungestört meditieren. Die Jahre vergingen. Schließlich starb der Mönch und bekam einen Nachfolger. Dieser hielt sich streng an die Tradition, dass während der Abendmeditation draußen die Katze angebunden sein müsse. Als schließlich auch die Katze starb, wurde rasch eine neue Katze angeschafft, um sie während der Abendmeditation anbinden zu können. Weil die Leute den Sinn dieser Maßnahme nicht verstanden, traten Theologen auf den Plan und schrieben ein zweibändiges Werk mit vielen Fußnoten über die Heilsnotwendigkeit einer angebundenen Katze während der Abendmeditation. Mit der Zeit jedoch kam die Abendmeditation selbst ganz außer Gebrauch. Niemand interessierte sich mehr dafür. Aber mit größter Treue wurde wenigstens der Ritus des abendlichen Katzenanbindens beibehalten.“ (nach: Anthony de Mello, Warum der Vogel singt. Weisheitsgeschichten). So weit die Geschichte.
Tradition. Ich habe nichts gegen Traditionen und feste Rituale. Im Gegenteil. Ich brauche sie, und ich glaube auch, sie geben uns in unserer Gesellschaft, in der Familie und auch im Glauben Sicherheit und Verlässlichkeit. Ich schätze bewährte Traditionen. Zum Beispiel die Tradition, sich zu einem bestimmten Zeitpunkt im Jahr mit der Familie zu treffen. Alle wiederzusehen. Immer zur gleichen Zeit. Ich kann mich darauf verlassen, dass es so ist. Das gibt mir Sicherheit. Oder der sonntägliche Besuch des Gottesdienstes. Das ist vertraut. Das tut mir gut. Ich wünsche mir aber genauso, neue Ideen und Menschen, die es anders machen, anders denken. Menschen, die mich fragen: „Warum gehst du immer in die Kirche?“ Das bringt mich dazu nachzudenken. Ist es nur noch ein sinnloses Ritual oder Ausdruck meines Glaubens? Könnte ein Familientreffen vielleicht auch mal anders sein? Menschen, die es anders machen, bereichern mein Leben. Sie geben mir neue Impulse und zeigen: Es kann auch anders gehen. Auf jeden Fall helfen sie mir meine Traditionen und Rituale immer wieder anzusehen und zu prüfen: Geht es um die Katze oder um die gemeinsam Abendmeditation?

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