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Sündenböcke
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Sündenböcke

Stephan Krebs
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Stephan Krebs,

Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt
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Es läuft nicht, wie es soll? Dann steht eine Frage meist als erstes im Raum: Wer war das? Alle möchten möglichst schnell einen Schuldigen finden. Denn die anderen sind dann fein raus. Marion kennt das. Allzu oft landen vorwurfsvolle Blicke und Sprüche bei ihr. Die 35jährige ist in ihrer Firma irgendwie immer schuld. Die verschollene Akte, die Beule im Dienstwagen, das offen gelassene Fenster nach Dienstschluss. Immer war es Marion – auch wenn sie es gar nicht war. Doch die anderen in ihrer Abteilung sind sich darin immer sehr schnell einig. Da kann Marion protestieren, so lange sie will. Sie hat es aber satt, für die anderen den Sündenbock zu spielen – und sucht nach einer Lösung.

Ich kenne Marion - ihren Namen habe ich deshalb auch geändert. Sie kommt zu mir, um über ihr Sündenbock-Problem zu sprechen.  Im Internet hat sie schon gestöbert. Gefunden hat sie einige Ratgeber für Sündenböcke, die das nicht mehr sein wollen. Welche Tipps sie dort gefunden hat? Im Prinzip sind es vier:

Erstens: Nimm es nicht persönlich, sondern verstehe: Es ist eine Rolle. Deine Kollegen vergeben die Rolle – weil sie besetzt sein muss. Zweiter Tipp: Sprich es offen aus. Entlarve das System Sündenbock, zu dem alle gehören – Opfer und Täter. Drittens: Bleib gelassen. Und viertens: Tritt selbstbewusster auf.

Darüber kann Marion nur müde lächeln. Denn das funktioniert nicht. Das weiß sie aus eigener Erfahrung. Wie soll man gelassen bleiben, wenn man verzweifelt ist? Und wie soll man selbstbewusst auftreten, wenn man einer solchen Übermacht gegenübersteht?

Wir überlegen: Soll sie aufgeben, also kündigen und weggehen? Oder soll sie versuchen, gegen das System Sündenbock vorzugehen? Aber alleine wird sie das nicht schaffen. Zum System gehören alle. Sie bräuchte jemanden von außen, der ihr hilft. Jemand, der die Mauer der anderen durchbricht. Aber Marion weiß niemanden, der das könnte.

Sündenböcke gibt es in Familien, Vereinen, Sportmannschaften – eigentlich können sie überall sein, wo mehrere Menschen beieinander sind.

Marion fragt: „Was macht einen Menschen zum Sündenbock?“

Ich überlege: „Ganz einfach: Die anderen. Sie werden sich darüber schlicht einig.“  Sie fragt zurück: „Kann es denn jeden treffen?“

Ich antworte: „Im Prinzip ja. Aber meistens trifft es wohl Menschen, die sich dafür besonders gut eignen. Sie stehen in der Hierarchie eher unten. Sie sind von ihrer Persönlichkeit her eher unsicher und können sich nicht gut wehren. Oft kommt noch etwas dazu: Sie sind leicht zu erkennen, weil sie irgendwie anders aussehen als die anderen.

Da nickt Marion mit dem Kopf und sagt: „Na, da passe ich ja gut ins Bild. Besonders selbstbewusst bin ich leider nicht, eher leicht zu verunsichern.“

Kein Wunder, sieht doch jeder auf den ersten Blick die Narben in ihrem Gesicht, sie stammen von einer Verbrennung in ihrer Jugend. Darüber sagt niemand etwas, aber sie sieht die Blicke. Das genügt schon.

Musik 1: Claudio Monteverdi, „Lasciate mi morire“

Sündenbock - Marion möchte von mir wissen, wo dieses Wort eigentlich herkommt. Als Theologe weiß ich: Es kommt aus der jüdischen Tradition. Ein altes Ritual zum Versöhnungsfest, dem Jom Kippur. An diesem Tag soll sich das Volk Israel bei Gott entschulden und mit Gott versöhnen. Dazu diente in früherer Zeit das Sündenbock-Ritual. Es wurde mit zwei Schafböcken vollzogen. Einer wurde zum zentralen Heiligtum gebracht und als Sühneopfer geschlachtet. Den anderen führte jemand an den Rand der Wüste. Dort legte ein Mann seine Hände auf den Kopf des Tieres und sprach über dem Tier alle Sünden des Volkes aus. Andere Leute konnten eigene Schuld ergänzen, die sie dem Tier aufladen wollten. Dann trieb der Mann das Tier in die Wüste hinaus. Es wurde buchstäblich – daher kommt wohl die Redensart – in die Wüste geschickt. Da draußen regierte nach damaliger Vorstellung ein Dämon, ein Gegenspieler Gottes. Zu ihm schickte man den Sündenbock mit seiner symbolischen Last. Man selbst war sie los und konnte sich als befreit empfinden, befreit zu einem Neustart mit Gott.

„Aha!“ sagt Marion. „Da kommt also auf einmal Gott ins Spiel. Das ist ja eine ganz neue Dimension.

„Genau“, entgegne ich: „In der Bibel geht es nicht nur um die Probleme des Alltags, die Menschen einander in die Schuhe schieben. Da geht es um Schuld in einem viel tieferen Sinn. Dazu gehört das Gefühl, dem Leben und den Ansprüchen Gottes nicht zu genügen. Viele empfinden das als eine schwere Last. Von dieser schweren Last befreit zu sein – danach sehnen sich viele Menschen.

Marion nickt und fasst zusammen: „Also ein Ritual zum Neuanfangen.“

Ich ergänze: „Eigenartig: Dieses Ritual wird nur an einer einzigen Stelle in der Bibel bezeugt, im Dritten Buch Mose (3. Mose 16,10+21f). Und es wird seit fast 2000 Jahren auch gar nicht mehr praktiziert. Seitdem sprechen religiöse Juden ihre Buße nur noch in Gebeten aus. Aber das Sündenbock-Ritual ist offenbar so stark, dass die Gestalt des Sündenbocks bis heute weit verbreitet ist.“

Marion und ich stöbern weiter. Von Wikipedia erfahren wir: Ganz ähnliche Rituale gab es in alter Zeit auch anderswo. Etwa in Anatolien und Mesopotamien. Im antiken Griechenland schickte man nicht Tiere, sondern Menschen mit der Last der Vergehen weg. Auf der asiatischen Insel Borneo packen Menschen ihre Sünden und alles Unheil symbolisch auf ein Boot und schicken es hinaus auf das Meer. Offenbar, so folgern wir, ist es ein urmenschliches Bedürfnis, sich der inneren Lasten zu entledigen - indem man sie anderen aufbürdet.

Ähnliche Rituale gibt es auch heute noch – zum Beispiel in therapeutischen Zusammenhängen. An die Stelle von Tieren tritt dabei anderes: Man schreibt auf Papier, was einen belastet, und verbrennt es anschließend in einer Schale. Oder man bespricht einen Stein mit dem, was man loswerden möchte, und wirft ihn dann in einen Fluss. Immer in der Hoffnung, die Last auf diese Weise loszuwerden.

Musik 2: Manuel de Falla, aus: „El amor brujo: Danza ritual del fuego“

Sündenböcke – das waren ursprünglich also echte Tiere, Opfer archaischer Rituale. Mit ihrer Hilfe versuchten Menschen, sich mit Gott zu versöhnen. Doch auch Menschen konnten an die Stelle von Tieren treten. Davon erzählt die biblische Geschichte vom Propheten Jona. Jona überlebt schließlich im Bauch eines Fisches. Aber davor gerät er in Lebensgefahr, als er mit einem Schiff auf dem Meer unterwegs ist. Derartige Situationen gab es auf hoher See öfter, auch in späterer Zeit noch. Wenn Seeleute in Gefahr gerieten, sei es in einer langen Flaute oder in einen heftigen Sturm, dann fragten sie sich: Wer ist daran schuld, wer bringt dem Schiff und uns so viel Unglück? Das geschieht auch in der biblischen Geschichte vom Propheten Jona. In einem lebensgefährlichen Sturm sagt Jona zu den Seeleuten: „Ich bin es, der dem Schiff Unglück bringt.“ Der Grund: Jona war auf das Schiff gestiegen, weil er einem Auftrag Gottes entfliehen wollte. Dennoch wollen ihn die Seeleute anfangs nicht opfern. Aber schließlich sehen sie keinen Ausweg mehr und werfen ihn doch über Bord. Daraufhin beruhigt sich das Meer, die Seeleute sind in Sicherheit. Für Jona schickt Gott einen Fisch, der rettet ihn und bringt ihn dorthin, wo Gott ihn haben will.

Mich interessiert hier, was die Seeleute tun, denn sie folgen einem Sündenbock- Mechanismus, der bis heute funktioniert. Die Seeleute haben durch den Sturm ein Problem, das ist zu groß. Sie können es selbst nicht lösen. Sie haben Angst, sie schwanken zwischen Verzweiflung und Zorn. Zornig müssten sie jetzt eigentlich auf Gott sein, denn der hat ihnen den Sturm eingebrockt. Doch wer traut sich schon, auf Gott zornig zu sein? Viel zu groß und zu mächtig! Da sucht man sich lieber einen anderen, auf den man leichter zornig sein kann. Das ist der ideale Nährboden für die Suche nach einem Sündenbock. Man könnte auch sagen: Wer Sündenböcke braucht, hat Angst vor den eigentlichen Ursachen.

Funktioniert das auch heute noch so? Marion überlegt. Sie vergleicht diese Rituale mit ihrem eigenen Problem als Sündenbock in der Firma. Etwas ist gleich bei den alten und den modernen Sündenböcken: In beiden Fällen entlastet sich eine Mehrheit zulasten eines schwächeren Wesens, ob Tier oder Mensch. Aber etwas ist auch anders: Das Schaf war nur symbolisch schuld. Dagegen wird der moderne Sündenbock von den anderen wirklich für schuldig erklärt. Auf dieser vermeintlichen Schuld bleibt der betroffene Mensch sitzen. Gott kommt dabei gar nicht vor. Und Versöhnung auch nicht.

Musik 3: Wilhelm Killmayer, „Zittern und Wagen“

Marion beschäftigt sich mit dem Thema Sündenbock. Nicht nur, weil sie selbst davon betroffen ist. Sie zieht eine Zeitung aus der Tasche und zeigt mir eine Schlagzeile. Sie lautet: „Sündenböcke der Gesellschaft“.

Dann sagt sie: „Guck mal, ganze Gesellschaften können Sündenböcke haben.“

Der Artikel handelt von der Hexenverfolgung im Mittelalter. Betroffene Frauen und Männer wurden damals für fast alles verantwortlich gemacht: für das Sterben des Nutzviehs, für Krankheiten und anderes Unheil. Die Menschen hatten Angst davor, sie konnten nichts dagegen tun. Sie suchten nach Schuldigen und fanden sie in Menschen, die irgendwie anders waren und damit verdächtig: Heilkundige und Menschen, die besonders waren, die anders dachten, anders aussahen

So können ganze Bevölkerungsgruppen zu Sündenböcken werden. Die Römer erklärten zum Beispiel die frühen Christen zu Sündenböcken – und damit für schuldig an Dürren und Vieh-Epidemien. Zur Strafe und zur Beruhigung der anderen wurden die Christen in die Arenen getrieben.

Später taten Christen das gleiche mit Juden. Wenn irgendwo in Europa Seuchen ausbrachen, wenn Not herrschte, dann mussten dafür oft Juden als Sündenböcke herhalten. Sie waren irgendwie anders, gebildeter, eine eigene Gemeinschaft. Man konnte sie an ihrem Namen und an ihrem Glauben erkennen. Sie waren eine Minderheit und konnten sich kaum wehren. Damit erfüllten sie alle Kriterien, die sich eine Mehrheit für ihre Sündenböcke wünscht.

Bis heute sind Sündenböcke praktisch – für die anderen.Damit kann man ganz leicht von eigenem Versagen ablenken. Der Ärger richtet sich dann nicht gegen einen selbst, sondern gegen den Sündenbock. Wenn die Lage brenzlig wird und man selbst keinen Ausweg mehr weiß, dann einigt sich die Gruppe – sei es eine Familie, ein Verein, eine Schiffsbesatzung oder gar eine ganze Gesellschaft auf einen Sündenbock. Dafür braucht man gar nicht viel, ein paar böse Worte reichen schon, keine Beweise, nur Gerüchte, die möglichst viele glauben wollen.

Ein Beispiel dafür ist oft die Europäische Union. Sie wird für allerlei Schlechtes verantwortlich gemacht. Manchmal auch für Dinge, für die sie gar nichts kann. Und das Gute, das sie zustande bringt, schreiben sich lieber die nationalen Politiker auf ihre Fahnen. Volk und Politik in seltener Einigkeit, gegen die in Brüssel. Wer gibt da noch offen zu: Die EU war es, die Handygebühren massiv reduziert hat. Und sie löst  bislang die Konflikte in Europa irgendwie friedlich. Oft mühsam und wenig glanzvoll, aber wenigstens ohne Waffen und Krieg – weit besser als früher.

Marion fragt: „Was bringen Sündenböcke überhaupt? Sie lösen doch kein einziges Problem.“

Ich antworte: „Stimmt. Aber offenbar reicht es vielen, sich zumindest für den Moment zu entlasten. Vielleicht auch weil das eigentliche Problem zu groß ist. Vielleicht ist es sogar unlösbar.“

Marion hat genug für heute. Sie verabschiedet sich und fährt nach Hause.

Musik 4: Kurt Atterberg, aus „Suite Nr 7 Grazioso“

Am nächsten Tag hört Marion auf dem Weg von der Arbeit nach Hause im Bahnhof ein Gespräch mit. Ein Mann und eine Frau unterhalten sich.
Der Mann sagt: „Jeden Tag bin ich zwei Stunden unterwegs, weil ich in der Nähe einfach keine Wohnung finde, die ich bezahlen kann. Dabei arbeite ich jeden Tag. Aber von dem Gehalt kann ich die Mieten nicht mehr bezahlen.“

Die Frau ergänzt: „Aber die Asylanten, die leben im Hotel. Die kriegen alles. Und wir bleiben auf der Strecke.“ Der Mann nickt beifällig.

Marion hört das und überlegt. Ja, Wohnungsnot in den Städten – das ist ein schlimmes Problem. Das hört sie oft. Viele Menschen sind betroffen und darüber wirklich verzweifelt. Denn aus eigener Kraft können sie sich aus dieser Notlage kaum befreien. Wer ist daran schuld? Das muss man fragen. Es gibt dafür etliche Antworten - zum Beispiel: Das Baurecht ist zu kompliziert und Bauen ist zu teuer geworden. Oder verfehlte Politik, die Jahrzehnte lang den sozialen Wohnungsbau vernachlässigt hat. Oder Eigentümer, die Wohnungen bewusst leer stehen lassen. Oder Menschen, die ganz alleine in viel zu großen Häusern leben. Aber mit all denen möchte man sich lieber nicht anlegen. Oder man gehört sogar selbst dazu. Da sucht man sich lieber andere Schuldige. Dabei bringen Leute ausgerechnet die ins Spiel, die für sich am wenigsten Raum bekommen: Flüchtlinge leben zu mehreren in einem Zimmer. Oft in Containern oder ehedem leerstehenden, weil maroden Häusern. Ausgerechnet die sollen schuld sein an der Wohnungsnot?

Marion hat eine Idee. Sie mischt sich in das Gespräch ein und fragt: „Seit wann gibt es die Wohnungsnot in Deutschland?“

Der Mann und die Frau überlegen kurz: „Bestimmt seit 20 Jahren.“

Marion erwidert: „Aber die vielen Flüchtlinge sind doch erst 2015 gekommen – also viel später.“

Für einen Moment sind der Mann und die Frau verblüfft. Dann knurrt der Mann: „Aber sie haben das Problem viel schlimmer gemacht.“

Marion entgegnet: „Wollen Sie da wohnen, wo bei uns die Flüchtlinge wohnen?“ „Nein“, sagt die Frau schnell. Da draußen will niemand wohnen.“

Marion antwortet: „Nur ein Vorschlag: Richten Sie doch ihren Ärger über die Wohnungsnot dorthin, wo die Verantwortlichen sitzen;  die haben es versäumt, Wohnungen zu bauen. Wäre das nicht passender, als auf Menschen zu schimpfen, die dafür garantiert nichts können?“

Der Mann und die Frau schweigen. Sie denken nach. Marion ist ganz überrascht von sich. Von ihrem Mut. Von ihren guten Argumenten. Von ihrer Selbstsicherheit. Die Beschäftigung mit dem Sündenbock-Problem hat ihr offenbar geholfen. Sie hat verstanden: Die Sündenbock-Strategie ist keine Lösung. Schlimmer noch: Sie lenkt sogar von einer Lösung ab.

Als Marion mal wieder vorbeikommt, erzählt sie mir von dieser Situation. Ich bin beeindruckt von ihrer Schlagfertigkeit. Ob Marion etwas davon auch in die Firma mitnehmen kann? Etwas, das sie davor schützt, immer wieder zum Sündenbock gemacht zu werden? Ich wünsche es ihr.

Und ich finde, etwas könnte ihr dabei auch helfen, nämlich die Gewissheit: Gott braucht keine Sündenböcke. Ich bin sicher: Viel lieber sind Gott Menschen, die einander achten und die miteinander nach echten Lösungen für Probleme suchen.

Musik 5: Kurt Atterberg, aus: „Intermezzo Maestoso“

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