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Reformationstag – Allerheiligen – Allerseelen
Bild: Dietmar Thiel

Reformationstag – Allerheiligen – Allerseelen

Ein Beitrag von

Martin Berker,

Katholischer Pfarrer, Pfarrei Sankt Josef in Neu-Isenburg
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Reformationstag, Allerheiligen und Allerseelen: drei Tage, die in unterschiedlicher Weise für die evangelische und katholische Kirche wichtige Fest- und Gedenktage sind. Am Reformationstag denkt die evangelische Kirche an die 95 Thesen Martin Luthers. Mit dem Allerheiligentag begeht die katholische Kirche ein österliches Fest zu Beginn des „Nebelmonats“ November, und an Allerseelen denken und beten die Kirchen für die Verstorbenen. Allen drei Festen ist gemeinsam: Die Mitte ist Jesus Christus, der Glaube an ihn und an den Gott Jesu Christi: der gnädige und barmherzige Gott der Lebenden und Toten.

Reformationstag

Im sogenannten Lutherjahr 2017, in dem an den Thesenanschlag Luthers vor 500 Jahren erinnert wurde, fuhr eine Delegation mit katholischen und evangelischen Christinnen und Christen unter Leitung von Kardinal Marx und Bischof Bedford-Strohm nach Rom, um Papst Franziskus zu besuchen. Bei dieser Begegnung zitierte der Ratsvorsitzende der EKD in seiner Ansprache das Bibelwort aus dem Brief an die Gemeinde in Ephesus: „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller“ (Epheser 4,5). Damit hat er das gemeinsame Fundament umschrieben, auf dem die beiden Kirchen stehen. Er wusste aber auch: Weitere Schritte auf dem Weg zur Einheit sind notwendig. Schon die Reformation war kein Ereignis, sondern ein Prozess – und auch die Einheit ist ein Prozess, ein Weg. Und es gilt ja grundsätzlich: Der Weg der Kirchen wird in allen Zeiten von vielfachen Herausforderungen begleitet, sodass die Kirchen und ihre Mitglieder ständig darauf reagieren müssen. Dazu sind Veränderungen unumgänglich; man kann sagen: Die Kirchen sind immer reformationsbedürftig.

Veränderungen sind wichtig

Reformation, Veränderung, Neuwerdung ist unverzichtbarer Bestandteil christlichen Lebens, jedes einzelnen, aber auch der gesamten Kirche. Nicht umsonst beginnt Martin Luther seine Thesen mit dem Aufruf zur Umkehr und zur Buße. Viele Heilige haben in ihrem Leben Veränderungen durchgemacht, manchmal eine radikale Kehrtwende vollzogen und erst später Christus als ihre Mitte entdeckt und sowohl Kirche als auch Gesellschaft geprägt.

Veränderungen sind wichtig, Luther hat vor 500 Jahren einen entscheidenden Anstoß zu solchen Veränderungen gegeben. Auf katholischer Seite war es das 2. Vatikanische Konzil von 1962 bis 1965, das große Veränderungen brachte. Es stellte fest: Der Mittelpunkt unseres Heiles ist allein Jesus Christus. Da heißt es zum Beispiel: Christus ist der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen. Nicht die Kirche, sondern Christus ist das Licht der Welt. (vgl. Lumen gentium, Kapitel 1, 1+8). Weil es allein auf Christus und auf unseren Glauben an ihn ankommt, darum wählte Luther die starken Formulierungen: „solus Christus, allein Christus“, „sola fides, allein der Glaube“, „sola gratia, allein die Gnade“. Jesus Christus ist die Mitte, auf die wir unsere Hoffnung setzen.

 Der Weg führt immer zur Mitte

Anfang Oktober haben sich viele Delegierte der katholischen Kirche in Frankfurt getroffen, um miteinander ins Gespräch zu kommen beim so genannten „Synodalen Weg“. Notwendige Reformen wurden formuliert. Es wurde auch hier deutlich, dass das Ringen um die Zukunft, um die Gestalt von Kirche zum Wesen der Kirche gehört. Die Mitte des Glaubens, Jesus Christus, der gnädige und barmherzige Gott dürfen dabei nicht vergessen und verloren gehen.

Musik 1: Johann Sebastian Bach, Allein zu dir, Herr Jesu Christ (BWV 261) (CD: BACH-EDITION, Choräle, Nordic Chamber Choir, Soloists of the Freiburger Barockorchester, Nicol Matt, CD 3, Track 7, ca 1:25 min).

Zur Mitte finden – Jesus Christus

In Frankreich in Chartres gibt es auf dem Boden der Kathedrale ein großes Labyrinth, das durch viele Windungen und Umwege zur Mitte führt.

Neulich fand ich beim Sortieren auf dem Speicher Bilder von einer Fahrt nach Chartres vor 20 Jahren. An einem Spätabend durften wir als Gruppe alleine die Kathedrale betreten und dabei das berühmte Labyrinth bewundern. Wir nahmen uns Zeit, es meditierend abzuschreiten. So wurde es für mich zu einem Gleichnis für meinen persönlichen Lebensweg. Im Labyrinth kann ich mich nicht verlaufen, der Weg führt mich immer zur Mitte.

Einen Fuß vor den anderen setzen

Wie oft habe ich mich in meinem Leben schon gewunden vor der nächsten Entscheidung, dem nächsten Schritt, weil ich nicht wissen konnte, welche Konsequenz das haben würde. Vielleicht hab ich meine Ziele auch nicht so schnell erreicht, wie ich es mir anfangs erhofft hatte. Trotzdem habe ich immer wieder erfahren dürfen: Gott hat mich geführt auf dem Weg, den ich gegangen bin. Meine Entscheidung, den Weg zum Priester einzuschlagen, war beispielsweise solch ein Labyrinth mit Kurven und Windungen, mit vielen Fragen und manchmal auch mit Zweifeln. Es war ein Weg, nicht immer schnell und nicht immer einfach zu gehen. Das Bild des Labyrinths aber sagt mir: Setze stets einen Fuß vor den anderen und gehe ohne Angst weiter, auch wenn du nicht wissen kannst, was dich nach der nächsten Biegung erwartet. Verstehen wirst du dein Leben später einmal, durch einen Blick zurück.

Heilige Menschen wie Du und Ich

Heilige, so nennt die katholische Kirche die Menschen, von denen sie überzeugt ist, dass sie ihr Lebensziel „heil“ – gut und erfüllt erreicht haben. Sie alle, in ihrer je eigenen Art und Weise, waren bereit, sich auf den Weg zu machen. Dabei war dieser Weg meist alles andere als gradlinig. So manche Biegungen und Wendungen haben auch diese Menschen erleben und manchmal auch erleiden müssen. Der Heilige Franziskus zum Beispiel: Er wurde vom Edelmann zum Bettler, um Jesus zu dienen.

„Meine lieben Heiligen!“ so redet die Bibel auch Menschen wie Sie und mich an. Der Apostel Paulus beginnt die meisten seiner Briefe an die Gemeinden mit dieser Anrede. Er schreibt „an die Heiligen in Rom“, „an die Heiligen in Korinth“, „an die Heiligen in Ephesus“. Heilig sind für ihn alle, die zu Christus und zu seiner Kirche gehören, und da passt der Festtitel „Allerheiligen“ ja auch sehr gut.

Allerheiligen ein heidnisches Fest

Seinen Ursprung hat das Fest in Rom im 7. Jahrhundert. Papst Bonifaz IV. hat damals vom Kaiser das Pantheon, das allen heidnischen Göttern geweiht war, erbeten, er wollte es zur Kirche umbauen und weihen. So lag es natürlich nahe, es nun Maria und allen christlichen Heiligen zu weihen. Man hat also mit dem Fest Allerheiligen ein heidnisches Fest verchristlicht. Wie dies übrigens bei vielen anderen christlichen Festen ebenfalls geschehen ist.

Wenn Christinnen und Christen im Glaubensbekenntnis sprechen: „Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen“, dann sind damit nicht nur die Heiligen im Himmel gemeint, sondern dann ist damit die Kirche, dann bin ich als heutiger Christ selbst gemeint. Durch die Taufe ist jede Christin und jeder Christ in diese Gemeinschaft der Heiligen aufgenommen worden. Im Petrusbrief heißt es: „Ihr seid ein heiliges Volk.“ (1 Petr. 2, 9). Johannes sagt in seinem Brief: „Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es, und wir werden geheiligt, wie er heilig ist.“ (1 Joh. 3) 

Jesus und die Seligpreisungen

Wie Jesus sich Heilige vorstellt, kann ich in den sogenannten Seligpreisungen der Bergpredigt hören: Arm vor Gott, gewaltlos, dürstend nach Gerechtigkeit, barmherzig, Frieden stiftend, leidensfähig, und sogar dazu bereit, sich beschimpfen, verfolgen und verleumden zu lassen. (vgl. Matthäus 5) Heiligsein spielt sich mitten im Leben ab. Da mutet mir Jesus auch einiges zu. Und trotzdem: Wenn ich mein Heiligsein ernst nehmen will, dann will ich versuchen, diesem Prädikat auch gerecht zu werden.

Musik 2: Karl Jenkins, Blessed are the Peacemakers (CD: Karl Jenkins, The Peacemakers, Rundfunkchor Berlin, City of Birmingham Symphony Youth Chorus,

London Symphony Orchestra, Karl Jenkins, Track 1, 3:44 min).

 

Ich möchte einmal die These aufstellen und behaupten: Es gibt viele zeitgenössische Heilige unter uns; ich nenne sie Seligpreisungsmenschen, die nicht bekannt werden. Die aber eine freundliche, helfende, warmherzige Art haben und in denen das Evangelium, das Wort Gottes lebendig wird.

Nicht jede kann Mutter Teresa sein, aber jeder kann seine mütterlich-sensiblen Seiten kultivieren. Selig würde Jesus solche Menschen nennen, weil sie mit Sanftmut auftreten.

Ein Gandhi muss ich nicht sein, aber jeder kann wissen: Der Weg zum Frieden ist nicht mit Minen zu pflastern und mit Kampfdrohnen freizubomben. Jesus würde Friedensbewegte zu den Seligen zählen.

Die Komfortzone verlassen und die Stimme erheben

Wie Franz von Assisi, der mit der gesamten Schöpfung verschwistert war, muss ich nicht sein. Selig sind, würde Jesus sagen, die sich unverdrossen für ein Ressourcen schonendes Produzieren und Konsumieren engagieren und protestieren, wo Natur und Schöpfung geschädigt werden.

Nicht jeder kann den politischen Mut zum Widerstand von Sophie Scholl haben. Selig würde Jesus diejenigen nennen, die ihre Komfortzone verlassen und mit Zivilcourage die Stimme erheben, wenn Rechtsradikale unsere freiheitliche Demokratie bedrohen.

Selig sind die, die sich für Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch einsetzen und denen eine Stimme verleihen, die in unserer Kirche und Gesellschaft noch zu wenig gehört werden.

Selig sind die, die aus Barmherzigkeit eben nicht danach rufen, die Grenzen dichtzumachen und andere ihrem Schicksal zu überlassen. Die Menschen aufnehmen wollen, die Hilfe brauchen.

Er ist die Mitte ihres Lebens

Sie alle sind selig. Jesus, so glaube ich, hätte sie sicher mit aufgezählt. Und es sind noch unzählbar viele mehr. Sie sind selig, weil sie auf Jesu Spuren wandeln und er die Mitte ihres Lebens ist, sie begleitet, wenn auch nicht immer gleich erkennbar, oder weil sie einfach im Sinne Jesu handeln.

Musik 3: Johann Sebastian Bach, Sinfonia aus Kantate „Nach dir, Herr, verlanget mich“ (BWV 150) (CD: AFTER SILENCE, Voces8, Academy of Ancient Music, CD 2, Track 5, 1:30 min).

Erinnerung an die Verstorbenen

Wer in den Abendstunden des 1. November die Gräber seiner Angehörigen besucht, dem bietet sich ein beeindruckendes Bild: Zahllose Lichter leuchten da auf den Gräbern.

Ich werde in diesem Jahr zum ersten Mal am Grab meiner Eltern stehen. Mein Vater ist im Frühjahr verstorben. Als ich in diesen Tagen die Herbst- und Winterbepflanzung auf das Grab gesetzt habe, las ich sehr bewusst das Sterbedatum meines Vaters, und auf einmal wird so vieles wieder lebendig: Die nicht möglichen Krankenbesuche durch Corona, die Überbringung der Nachricht, dass der Vater verstorben ist. Viele, die in diesem Jahr einen lieben Menschen während der Corona Zeit verloren haben, hatten wie ich nicht die Möglichkeit, sich zu verabschieden oder die Hand des Sterbenden zu halten. Umso wichtiger, dass es in diesen Tagen Gedenkgottesdienste gibt, die uns zusammenkommen lassen, um unserer Verstorbenen zu Gedenken.

"Christus kommt mich holen"

Am Anfang wurde rund um Ostern und Pfingsten für die Verstorbenen gebetet – später hat man den Allerseelentag auf den 2. November festgelegt. Mir ist dieser Zusammenhang wichtig, dass Christinnen und Christen nur der Toten gedenken, weil es Ostern gibt. Das Österliche Licht ist es, das brennt und das ich in den Kerzen auf den Gräbern sehe. Durch die Auferstehung Jesu habe ich auch den Grund meiner Hoffnung der Auferstehung der Toten.

Von der Hl. Theresia von Lisieux wird berichtet: Als sie im Sterben lag, hat ihre Krankenschwester zu ihr gesagt: „Schwester Therese, jetzt wird der Tod sie bald holen.“ So schwach die Ordensfrau zu diesem Zeitpunkt war, konnte sie noch sagen: „Nein, nicht der Tod, Christus kommt mich holen.“ Ich glaube: Wer sich mit Christus verbunden weiß, der kann bewusster und gelassener leben und sterben. Mit diesen Gedanken kann ich aus dem Glauben heraus den Abschied eines lieben Menschen trotz allen Schmerzes besser verkraften.

An Allerheiligen und Allerseelen leuchten überall auf den Friedhöfen Kerzen für die Verstorbenen, oder wir zünden in unseren Kirchen Kerzen an, wenn die Verstorbenen zu weit weg begraben sind. Diese Kerzen sind keine Folklore und kein mittelalterlicher Hokuspokus. Ich glaube, sie dienen dazu und sie helfen auch dabei, die Verstorbenen wieder in die eigene Lebensgemeinschaft mit einzubeziehen. Aber nicht nur das: Die Kerzen erzählen von einer Hoffnung: der Hoffnung, dass mein Lebenslicht in einer anderen Hand weiterleuchtet, in der Hand Jesu Christi.

Musik 4: Gabriel Fauré, Pie Jesu (CD: AFTER SILENCE, Voces8, CD1, Track 7, ca 3:30 min).

Drei Gedenktage, die uns begleiten

Der Reformationstag erinnert daran: Christus allein ist die Hoffnung. Und es kommt vor Gott nicht auf die Leistung an, sondern auf den Glauben.

Das Allerheiligenfest lädt mich dazu ein, nicht nur auf die großen Namen zu schauen, die im Kalender stehen. Es macht mich auch darauf aufmerksam: Es gibt die vielen Menschen, die einfach still und unauffällig ihren Alltag leben, die vielen, deren Größe darin besteht, dass sie das Alltägliche und Gewöhnliche mit ungewöhnlicher Liebe und Treue tun.

Das Allerseelenfest sagt mir: Die Gemeinschaft der Kirche umfasst alle: die Menschen, die hier auf Erden leben, und die Zeugen des Glaubens, die vor mir gelebt haben. Ich bin in diesen Tagen besonders mit meinen Eltern verbunden, und glaube, dass sie Anteil nehmen an meinem Leben und meinem Weg und daran, wie es mir ergeht.

Musik 5:Johann Sebastian Bach, Jesu bleibet meine Freude (CD: Harnoncourt & Bach, CD2, Track 4, ca: 2:40 min).

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