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Mit Buch und Bibel durch die Pandemie
Bild: thought catalog pixabay

Mit Buch und Bibel durch die Pandemie

Beate Hirt
Ein Beitrag von

Beate Hirt,

Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim hr, Frankfurt
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Das gute alte Buch: Das hilft gerade besonders vielen Menschen durch die Pandemie. Es wird so viel gelesen wie selten. Um meine Lieblings-Buchhandlung hatte ich mir im letzten Frühjahr noch Sorgen gemacht. Aber meine Buchhändlerin erzählt: Es läuft besser als gedacht, sie verkaufen viel an ihrer Bücherklappe. Und auch mir geht‘s so: Ich kaufe und lese noch mehr Bücher als früher schon. Freu mich nach einem anstrengenden Tag auf meine Viertelstunde Lesezeit vor dem Einschlafen. Die bringt mich auf andere Gedanken, führt mich in neue Welten.

Abtauchen in eine ganz andere Welt

Ich hab etliche Krimis gelesen in den letzten Monaten. Aber auch Bücher, bei denen ich dachte: Wow, die passen wirklich richtig gut zu dieser Pandemie. „Die Pest“ von Albert Camus zum Beispiel. Oder: „Der Wal und das Ende der Welt“ von John Ironmonger.

Es gibt aber noch ein ganz andres Buch, das ich in diesen Zeiten immer wieder hervorgeholt habe, öfter als sonst. Das Buch der Bücher, die Bibel. Ja, das ist jetzt nicht ganz unwahrscheinlich bei einer Kirchenfrau. Aber ich kann die Bibel als Buch in der Pandemie wirklich empfehlen. Nicht nur für Fromme. Ich hab sie längst nicht nur zum Beten in die Hand genommen. Sondern auch zum Fluchen und Klagen. Und durchaus auch: zum Fliehen. Zur Flucht aus dieser Welt – hinein in Geschichten aus einer ganz anderen Welt.

Die Bibel erzählt unendlich viele solcher Geschichten, wie aus Tausendundeiner Nacht. Natürlich sind es für mich keine Märchen. Es stecken Wahrheiten darin und Erfahrungen mit Gott. Aber das heißt ja nicht, dass die Geschichten nicht richtig gut erzählt sind.

Das will ich jetzt genauer wissen

Ich muss an einen Nachmittag mit meinem Neffen denken, er war damals acht oder neun. Wir hatten in der Kinderbibel ein paar Zeilen über den Auszug aus Ägypten gelesen, und dann hat mein Neffe beschlossen: Das will ich jetzt genauer wissen, das lesen wir in der richtigen Bibel nach. Ich hatte wirklich nicht mehr im Kopf, wie ausführlich das Buch Exodus diesen Auszug erzählt. Allein die Vorgeschichte. Zehn Plagen. Frösche, die vom Nil heraufkommen und in die Häuser eindringen. Stechmücken und Ungeziefer, die über die Ägypter hereinbrechen. Und immer wieder der Pharao, der sagt: Ok, jetzt lass ich euch Israeliten ziehen. Und kaum ist die Plage vorbei, spricht er: Doch nicht, ihr müsst hier bleiben und weiter als Sklaven arbeiten. Mein Neffe konnte nicht genug davon bekommen, über eine Stunde haben wir auf meinem Bett gesessen und in der Bibel gelesen.

Flucht aus dem Alltag mit spannenden Geschichten: So was bietet die Bibel. Aber natürlich noch viel mehr. Ich kann mit der Bibel zum Beispiel auch seufzen und klagen über die Welt, die mir gerade zusetzt.

Ein Buch voller Bücher, wo Klagen erlaubt ist

Die Bibel ist ja genau genommen kein einzelnes Buch, sondern eine ganze Bibliothek. Eine Sammlung aus vielen Büchern ganz unterschiedlicher Art. Eines davon ist seit Jahrtausenden besonders beliebt: das Buch der Psalmen. Es ist quasi das Gesangbuch in der Bibel. 150 Lieder, und längst nicht nur zum Lob und Ruhme Gottes. Ziemlich viele davon sind Klagelieder. Und die passen in einer Pandemie für mich besonders gut.

Hör doch, Gott, meinen Schrei, achte doch auf mein Bittgebet! … denn mein Herz ist verzagt,“ heißt es da zum Beispiel (Psalm 61,2-3) Oder: „Rette mich, Gott, denn das Wasser geht mir bis an die Kehle! Ich … habe keinen Halt mehr!“ (Psalm 69,2-3). In den Psalmen packt den Menschen schon gleich am frühen Morgen die Sorge und Klage: „Ich aber, HERR, ich schreie zu dir um Hilfe, am Morgen komme zu dir mein Bittgebet.“ (Psalm 88,14)

Meine Not und Angst darf ich herausschreien

Manchmal geht die Klage in den Psalmen sogar in Anklage über: „Warum, HERR, verstößt du mich, verbirgst vor mir dein Angesicht?“ (Psalm 88,15) Oder dieser berühmte Schrei, den auch Jesus am Kreuz ausgestoßen hat: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Psalm 22,2) Mir tut es gut, dass da Menschen, sogar gläubige Menschen, ihre Angst und Not herausschreien. Die Bibel sagt eben nicht: Du musst das Leid immer schön geduldig ertragen. Die Psalmen der Bibel sagen: Du darfst dein Leid herausschreien. Du darfst es auch Gott entgegenschleudern.

Durchgehen durch die Talsohle

Es klingt vielleicht etwas seltsam, aber: Mich bestärkt die Bibel darin, in dieser Pandemie meine Traurigkeit wahrzunehmen und auch mal zu weinen oder zu schreien. „Es reicht jetzt!“ Oder: „Gott, lass diese Corona-Krise doch endlich vorübergehen!“ Schon die Menschen der Psalmen damals vor zweieinhalb tausend Jahren wussten: Es tut gut, den Schmerz herauszulassen, die Wut und die Not.

Aber die Psalmen helfen mir auch, nach den Momenten der Klage wieder ruhiger zu werden. Wieder Vertrauen zu fassen in die Welt und in Gott. Meistens heißt es am Schluss der Psalmen dann doch: „Ja, du HERR, bist meine Zuflucht!“ (Psalm 91,9). Oder: „Er hat sein Angesicht nicht verborgen vor ihm; er hat gehört, als er zu ihm schrie.“ (Psalm 22,25)

Auf der Suche nach Kraft und Zuversicht

Und auch dieser Trost-Satz steht in den Psalmen der Bibel: „Du brauchst dich vor dem Schrecken der Nacht nicht zu fürchten, noch vor dem Pfeil, der am Tag dahinfliegt, nicht vor der Pest, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die wütet am Mittag.“ (Psalm 91,5)

Ich lese und bete solche Psalmen gerade jetzt in Corona-Zeiten besonders viel. Sie tun mir gut gegen die Angst, die mich manchmal überfällt. Sie geben mir auch Kraft, mich um andere zu kümmern.

Damals wie heute

Die Bibel bietet mir in der Pandemie wunderbare Geschichten, um dem Alltag zu entfliehen. Sie hilft mir, meine eigene Not zu beklagen – aber natürlich hilft mir die Bibel auch, die Not anderer zu sehen. Die Not derjenigen, denen es schlechter geht als mir. Die zum Beispiel noch viel stärker von der Corona-Krise betroffen sind.

Ich lese in diesen Pandemie-Monaten oft in den Prophetenbüchern der Bibel. Das passt für mich schon deshalb, weil die Propheten oft vor Unglück warnen und zu einem bestimmten Handeln auffordern. Ähnlich, wie das viele Virologinnen und Politiker heute tun. „Noch vierzig Tage und Ninive ist zerstört!“ ruft zum Beispiel der Prophet Jona (Jona 3,4). Und das klingt für mich fast wie: „Wenn wir so weitermachen, sind die Krankenhäuser in vier Wochen überfüllt!“ Solche Warnrufe hören wir natürlich nicht gerne, damals wie heute. Aber wir tun gut daran, sie ernst zu nehmen. Denn es steckt Wahrheit darin. Prophetinnen und Propheten haben einen klugen Blick für das, was passieren wird, wenn wir unser Verhalten nicht ändern.

Ihr müsst die Lasten gerecht verteilen

Was Propheten damals und viele Virologinnen und Politiker heute aber auch verbindet: Sie werben in ihren Reden um Solidarität und Zusammenhalt. „Es kommt auf jeden und jede Einzelne von uns an!“ rufen sie heute. „Jeder soll umkehren von seinem Weg!“ rief der Prophet Jona in der Bibel. Und Propheten wie Amos oder Jesaja mahnen das Volk im Namen Gottes: Ihr müsst die Lasten gerecht verteilen! Ihr müsst aufhören, die Schwachen auszubeuten! (vgl. Amos 4,1) Gebt dem Hungrigen Brot und dem, der nichts anzuziehen hat, Kleidung! (vgl. Jesaja 58,7) Nur mit Gerechtigkeit und Liebe kommt ihr aus dieser Krise heraus!

Die unterstützen, die die Krise noch schlimmer trifft

Die Bibel gibt mir damit auch klare Hinweise, was besonders wichtig ist in dieser Pandemie: Zusammenhalt, Solidarität, Nächstenliebe. Ich will dazu beitragen, dass möglichst alle gut durch die Krise kommen. Indem ich andere unterstütze, hierzulande oder in den Ländern des globalen Südens, die noch viel schlimmer dran sind.

Die Bibel ist ein Buch, das mir gerade in diesen Zeiten besonders gut tut. Manchmal kann ich mit ihr der Krise entfliehen. Sie hilft mir, meine eigene Not zu beklagen. Und sie hilft mir, den Blick zu weiten auf die Welt und die Not der anderen.

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