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Hausmusik

Hausmusik

Patricia Nell
Ein Beitrag von

Patricia Nell,

Katholische Pastoralreferentin und Religionslehrerin, Frankfurt
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Es ist unglaublich, was Menschen zustande bringen, wenn sie nur ein gemeinsames Ziel haben. Und dafür begeistert zusammenstehen. Das ist mir durch den Kopf gegangen, als ich letztes Jahr auf einer Familienfeier war. Ich stehe beim Sektempfang auf einer großen Terrasse. Die meisten sehen sich seit Jahren zum ersten Mal wieder. Liegen sich in den Armen, erzählen und stoßen miteinander an. Irgendwann ergreift einer das Wort und kündigt sie an, die zwölf Musikanten, die sich am Rand der vielen Begegnungen fast unbemerkt zusammengefunden haben. Im Halbkreis sitzen sie da, Frauen, Männer und Kinder. Mit Violinen, Bratschen, Cello, Kontrabass und Trompeten und warten konzentriert auf ihren Einsatz. Und dann spielen sie. Die Feuerwerksmusik von Händel. Und berühren damit die Herzen. Vor allem die der beiden, die heute ihren 25. Hochzeitstag feiern.

Für sie ist die kleine Aufführung etwas ganz Besonderes. Und zwar nicht etwa deshalb, weil das Familienensemble nur aus Profis bestehen würde und jeder Takt einwandfrei sitzt. Das ist nämlich überhaupt nicht so. Die hier gerade ihre Vorstellung geben, haben sich so noch nie zusammengefunden. Kennen sich zum Teil kaum. Deshalb sind die ersten Takte ein bisschen holprig. Aber genau das macht den Charme aus: Alle achten aufeinander. Und spielen sich auch im wahrsten Sinne des Wortes aufeinander ein. Der Achtjährige mit seiner Minigeige, der Achtzigjährige mit seinem Cello und dazwischen die Kinder des Jubelpaares. Es liegt in der Luft und jeder spürt es: Diese bunte kleine Gruppe verfolgt über alle Unterschiede hinweg gerade nur ein gemeinsames Ziel. Und das heißt: Zusammen Musik machen. Mit allen, die das irgendwie können. Um Freude zu bereiten. Aus sämtlichen Himmelsrichtungen sind sie gekommen. Und hatten insgesamt kaum mehr als eineinhalb Stunden, um sich abzusprechen, zu proben und sich einfach aufeinander einzulassen. Und siehe da, sie kriegen es irgendwie hin. Auch die Anfänger dürfen mitmachen. Null Perfektionismus. Null Überheblichkeit. Stattdessen die pure Lust, ein Fest mit hausgemachter Musik zu bereichern.

Und es gelingt. Nicht nur das Hochzeitspaar hat feuchte Augen. Alle sind irgendwie gerührt. Von der schönen Musik. Mehr aber noch von diesem besonderen Miteinander. Und das ist zweifellos vor allem der Geduld jener zu verdanken, die den Ungeübteren mit leisem Lächeln Mut machen, wenn mal ein Ton daneben geht und die kleine Geige ein bisschen kratzt. Sie stehen mit ihrem Können zurück. Um alle dabeizuhaben. Und genau diese Haltung ist es, die dem Fest seinen besonderen Glanz verleiht. Gelassen mit dem eigenen Können umgehen, es nicht um jeden Preis in den Mittelpunkt stellen, sondern es so einsetzen, dass auch die Schwächeren davon profitieren und mit von der Partie sein können. Diese Haltung ist es, die uns zu menschlichen Profis macht. Und zwar nicht nur dann, wenn wir miteinander feiern, sondern jeden Tag und überall dort, wo wir etwas gemeinsam tun.

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