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Ein Corona-Pfingsten

Ein Corona-Pfingsten

Dr. Alfred Mertens
Ein Beitrag von

Dr. Alfred Mertens,

Professor emeritus im Kirchendienst, Priester im Ruhestand, Mainz
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„Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt“, sagt das Sprichwort. Es wird wohl kaum jemanden geben, der sich den heutigen Pfingsttag nicht anders vorgestellt hätte: Ein kleiner Pfingsturlaub am langen Wochenende? Eine Grillparty im Garten mit befreundeten Familien? Vieles ist ungewiss geworden und muss neu überlegt werden. Für viele Christen wird es heute vielleicht nicht einmal einen festlichen Gottesdienst geben. Bei allen ersten Lockerungen in der Corona-Krise bleiben tausend Einschränkungen des gesamten Lebens – und das alles ausgelöst von einem winzigen Virus, das sich rasend schnell fast über den ganzen Erdball hin ausgebreitet hat und das allen Versuchen, es in den Griff zu bekommen, Hohn zu lachen scheint – bis jetzt jedenfalls.

Eine bessere neue Welt...?

Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere, schönere: Die Einschränkungen im Verhalten, die Gefährdungen durch die Ansteckungsgefahr, die Erkrankungen haben eine Welle von Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft ausgelöst, wie sie wohl kaum jemand für möglich gehalten hätte: Jugendliche nutzen ihre Gruppenstunden und gehen für Leute, die nicht vor die Tür können, einkaufen; Frauen und Männer entdecken neu ihre Nachbarinnen und Nachbarn und haben offene Augen und Ohren für deren Anliegen und Bedürfnisse. Fast möchte ich mir die Augen reiben und für einen Augenblick meinen, ich hätte mich getäuscht, wenn ich diese neue Welt aus Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft entdecke; und wenn ich mir dann noch sagen darf, dass ich selbst ein Teil von ihr bin, weil auch ich anders, aufmerksamer zu leben versuche als vielleicht sonst irgendwann, dann kann sich sogar der Eindruck aufdrängen, das Corona-Virus habe eine neue, bessere Welt geschaffen. Also alles gar nicht so schlimm?

Aber das Virus ist schlimm. Es gibt nun einmal die Angst vor der Krankheit; es gibt die Gefahr sich anzustecken und plötzlich aus der geplanten Lebensbahn geworfen zu werden; es gibt die Angst, liebe Menschen zu verlieren, ja nicht zuletzt die Furcht vor dem Tod.

Heute ist Pfingstsonntag. Gläubige Menschen bitten an diesem Tag Gott um den rechten Geist, um sich in den Irrungen und Wirrungen des Lebens zurechtzufinden; sie bitten um den Geist Gottes. Ich möchte es heute tun mit den Worten eines uralten Pfingstlieds:

Komm herab, o Heil‘ger Geist,
der die finst’re Nacht zerreißt,
strahle Licht in diese Welt!

Ohne dein lebendig Wehn
kann im Menschen nichts bestehn,
kann nichts heil sein noch gesund.

Was befleckt ist, wasche rein,
Dürrem gieße Leben ein,
heile du, wo Krankheit quält!

Wärme du, was kalt und hart,
löse, was in sich erstarrt,
lenke, was den Weg verfehlt!

Gib dem Volk, das dir vertraut,
das auf deine Hilfe baut,
deine Gaben zum Geleit!

(Gotteslob, Nr. 344, Str. 1, 6-9)

Musik 1: Sequenz - Veni Sancte Spiritus „Notre Dame-Fassung“ (CD: “Wenn der Geist sich regt…” Arbeitshilfe zur Gestaltung von Gottesdiensten zur Feier der Firmung und Einladung zum diözesanen Austausch, Track 2, ca. 2.55 min).

Wege aus der Sackgasse

Wenn wir Menschen aus irgendwelchen Gründen nicht mehr weiterwissen, reagieren wir ganz unterschiedlich. Wir können uns natürlich damit abfinden, dass wir an die Grenzen unseres Wissens und Könnens stoßen; niemand von uns ist allwissend. Für die einen wird das ganz selbstverständlich sein, für andere mag es zu einer schmerzlichen Erfahrung werden. Wir können uns aber auch nach entsprechenden Informationen umschauen und auf diese Weise Wege aus einer Sackgasse suchen. Gläubige Menschen werden solche Informationen nicht zuletzt im Wort Gottes, in der Bibel, finden.

Der heutige Pfingsttag erinnert mich daran: In der Bibel ist es vor allem der Heilige Geist Gottes, dem die Menschen sich anvertrauen können, wenn sie die rechten Wege für ihr Leben suchen. Jesus hatte seinen Jüngern diesen Heiligen Geist als den „anderen Beistand“ verheißen, wenn er selbst nach seinem Tod und nach seiner Auferstehung nicht mehr leibhaftig bei ihnen sein würde (vgl. Johannes 14,25f). Und das ist schließlich die Situation der Christen bis auf den heutigen Tag. Gottes Heiliger Geist ist so etwas wie der Statthalter Jesu unter ihnen oder – etwas anders gesagt – die Garantie Gottes dafür, dass ihre Suche nach guten, gangbaren Wegen für ihr Leben nicht vergeblich bleibt.

Die Gaben des Heiligen Geistes

Ich möchte weiter fragen: Welche Gaben des Heiligen Geistes können wir Menschen in der gegenwärtigen Situation besonders gut gebrauchen? Mir fallen da zum Beispiel ein: Klarheit in der rechten Erkenntnis, wo sonst so viel Zwielicht ist; Festigkeit und Beständigkeit auf den rechten Wegen, wo sonst so viel Unverbindlichkeit die Menschen verunsichert; und immer wieder die Bereitschaft zur Versöhnung und zum Frieden; dazu viele andere Gaben, die für ein gedeihliches Zusammenleben der Menschen unverzichtbar sind.

In der Bibel trägt der Heilige Geist Gottes viele Namen, sie stehen für die vielen Gaben, die gläubige Menschen von ihm erwarten dürfen. Hören Sie bitte eine Stelle aus dem Buch des Propheten Jesaja. Dort ist der Messias verheißen im Bild eines Zweiges, der aus dem „Baumstumpf Isais“, der „Wurzel Jesse“, hervorwächst; auf ihm aber „ruht der Geist Gottes“ und er trägt die sechs Namen:

„Geist der Weisheit und der Einsicht,
Geist des Rates und der Stärke,
Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn“


und damit die heilige Sieben-Zahl erfüllt wird, wird sie noch einmal wiederholt, die „Furcht des Herrn“, als wäre sie der Inbegriff aller Gaben des Heiligen Geistes schlechthin. Damit ist natürlich nicht „Angst“ vor Gott gemeint ist, sondern „Ehrfurcht“ ihm gegenüber, im Sinne von Hochachtung und Respekt. (Vgl. Jesaja 11,1-3)

Musik 2: Sequenz – Veni Sancte Spiritus „Taizé-Fassung“ (CD: s.o., Track 18, ca. 2.00 min).

Fragen über Fragen!

Pfingsten in der Corona-Pandemie. Das heißt unter anderem: Selbst die Feiertage entbinden uns nicht davon, auf Abstand voneinander zu gehen. Noch ist kein verlässliches Mittel gegen das Virus gefunden. So müssen wir versuchen, uns und andere zu schützen, so gut es geht. Viele Menschen treibt die Sorge um, wie es denn für sie und ihre Familien weitergehen soll; sie fragen: Werden wir die befürchtete wirtschaftliche Rezession verkraften? Werden wir unsere Arbeitsplätze behalten können? Wie wird es für die Kinder mit dem Kindergarten und  dem Schulbetrieb weitergehen? Fragen über Fragen!

Für viele gläubige Menschen stellt sich schließlich die Frage nach Gott. Gerade wenn sie es gewohnt sind, die großen Fragen des Lebens mit ihrem Gott in Verbindung zu bringen, sind sie jetzt vielleicht mit ihrem Glauben bis auf den Grund herausgefordert: Wenn Gott doch Gott ist, warum lässt er zu, dass die Seuche Millionen und Abermillionen Menschen auf der ganzen Welt überfällt und hinwegrafft? Wenn er der Allmächtige ist, warum hat er nicht längst eingegriffen und der Krankheit Einhalt geboten? Oder kann er es nicht? Und – was noch schlimmer wäre – will er es nicht? Und wenn er der Allbarmherzige ist, warum hat er nicht längst sein Herz aufgetan für diejenigen, die ihn gerade jetzt so dringend brauchen?

Warum greifst du nicht ein?

Es gibt auf solche Fragen keine befriedigende Antwort; ich weiß jedenfalls keine. Aber mir scheint es irgendwie ungerecht, wenn wir in diesem Zusammenhang immer nur auf Gott schauen, als müssten wir ihm den Vorwurf machen: Warum greifst du nicht ein? Du bist doch der Allmächtige, du bist doch der Allbarmherzige! Kann – wenn überhaupt – eine Antwort nicht auch bei uns liegen? Ich halte zwar nichts davon, die Schuld an Katastrophen wie jetzt bei der Corona-Pandemie einfach bei uns Menschen zu suchen, als hätte Gott den Schwarzen Peter nun uns zugeschoben: Ihr habt mir, eurem Gott, nicht geglaubt, ihr seid meinen Weisungen nicht gefolgt, jetzt kriegt ihr dafür die Rechnung präsentiert. Jesus weist übrigens eine so einfache Schuldzuschreibung einmal ausdrücklich zurück, wenn er – nach dem Johannesevangelium – im Tempel einen Blindgeborenen heilt und seine Jünger die Frage stellen: „Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern? (Vgl. Joh 9,1-2) So einfach lassen sich Schuld und Strafe nicht gegeneinander aufrechnen. Ich versuche einen anderen Weg: Jesus kommt, so erzählt es das Evangelium nach Markus, einmal in seine Heimatstadt Nazareth. Und da heißt es: „Er konnte dort keine Machttat tun, nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie. Und er wunderte sich über ihren Unglauben.“ (vgl. Mk 6,5-6) Jesus sind die Hände gebunden, wo Menschen sich ihm nicht glaubend zuwenden. Die Erwartungen der Menschen und Jesu Tun gehören unaufgebbar zusammen.

Musik 3: Hymnus – Veni Creator Spiritus (CD: s.o., Track Nr. 2, ca. 2.40 min).

Pfingsten im Zeichen der Corona-Pandemie. Der heutige Festtag erhält in diesem Kontext noch einmal eine neue Bedeutung. Die Not der Krankheit macht erfinderisch und weckt neue Initiativen; ich möchte sie als Gaben des Gottesgeistes verstehen, der die Welt verändern will, am ersten Pfingsttag vor 2000 Jahren nicht anders als heute in der Zeit der Pandemie. Ich sehe immer wieder, wie sich gerade heute Menschen von Geist Gottes ergreifen lassen; sie erkennen es als ihren Auftrag, einzuspringen und zu helfen, wo Not sich auftut und Hilfe gebraucht wird. Sie sehen es gewiss nicht darauf ab, aber am Ende werden sie es sicher nicht bereuen. Gut zu sein und Gutes zu tun können einen Menschen zutiefst neu schaffen, als einen dankbaren, zufriedenen und frohen Menschen.

Ich habe in diesen Tagen wieder einmal in dem großen Drama „Der seidene Schuh“ des französischen Dichters Paul Claudel geblättert; er hat es im Jahr 1924 vollendet. Die weibliche Hauptgestalt in diesem Stück, Donna Proeza, wird viele wirre Wege in ihrem Leben gehen müssen, bis sie ihrer Aufgabe gerecht wird. Sie ahnt es voraus und so legt sie zu Beginn ihren seidenen Schuh in die Hände einer Marien-Statue am Weg:

„Mit meinem Herzen in der einen Hand, mit meinem Schuh in der anderen stelle ich mich dir anheim! Jungfrau Mutter …, bewahre in deiner Hand meinen unseligen, kleinen Fuß!“(Erster Tag, 5. Szene)

In der Eingangsszene des Dramas aber sieht man ein Schiff herrenlos auf dem Meer treiben; Piraten hatten es überfallen und die Passagiere ermordet. Nur ein einziger Jesuit hat überlebt; er ist an den zerbrochenen Mast des sinkenden Schiffs gefesselt und betet:

Heute kann ich enger nicht mehr an dich angebunden sein, als ich es bin. … Mein Gott, ich bete zu dir für meinen Bruder Rodriguo. … Schreitet er nicht mit seiner Helle auf dich zu, so soll er’s mit seiner Finsternis tun, und wenn es geraden Wegs nicht geht, so sei’s auf dem krummen.“

Der Tanz des Lebens

Ähnlich wie Donna Proeza und der Jesuit in Paul Claudels Drama stellen sich heute viele Frauen und Männer in den Dienst ihrer Mitmenschen und damit – bewusst oder auch unbewusst – in den Dienst Gottes; auch wenn sie es nicht so großartig ausdrücken. Sie übernehmen tätige Verantwortung füreinander. Oft genug gelingt ihnen das nur mit ihren kleinen alltäglichen und müden Schritten; aber wenn es einmal – wie in einem großen Geschenk – auch anders geht, gewissermaßen spielerisch leicht wie von Herzen bewegt, dann zeigt sich darin vielleicht etwas von jenem „Tanz des Lebens“, zu dem Gottes Heiliger Geist und das Zweite Programm des Hessischen Rundfunks heute wieder einladen.

So zeigt Gottes pfingstlicher Geist, dass er lebt und wirken will, rätselhaft und geheimnisvoll oft genug, aber verlässlich – wie eh und je, gerade jetzt, in der Corona-Krise.

Musik 4: Sequenz – Veni Sancte Spiritus „Thomas Gabriel-Fassung“ (CD: s.o., Track Nr. 19, ca. 3.00 min).

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