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Das war die schönste Zeit

Das war die schönste Zeit

Eva Reuter
Ein Beitrag von

Eva Reuter,

Katholische Dekanatsreferentin, Dekanat Mainz-Stadt, Mainz
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Das war die schönste Zeit…

Ich mag Jahresrückblicke. Ich mag es, noch einmal daran erinnert zu werden, was in diesem Jahr alles passiert ist: in der Welt, in meiner Kirchengemeinde, in meinem eigenen Leben. Heute Abend im ökumenischen Gottesdienst zum Jahresschluss werden mein evangelischer Kollege und ich so einen Jahresrückblick halten. Dabei werden wir nicht nur Zahlen nennen: wie viele Leute haben geheiratet  oder sind gestorben. Wir werden auch darauf zurückschauen, was die Menschen in der Kirchengemeinde besonders bewegt hat. Von der Sorge um das marode Dach wird die Rede sein, und von der Freude über gelungene Feste.

Was mir daran gefällt, ist die Wertschätzung, die darin liegt. Wir lassen die Ereignisse noch einmal Revue passieren und blicken dankbar zurück. Privat mache ich das auch so. Ich blättere im Kalender und in den Bildern des Jahres und muss manchmal schmunzeln bei der Erinnerung, und manchmal werde ich traurig über schwere Zeiten oder vertane Chancen.

Es gibt ein Lied, in dem besingt der Sänger Bosse die schönste Zeit seines Lebens: Er war jung, hatte eine Freundin und die Welt war riesengroß und lag vor ihm. Ein bisschen wehmütig blickt er auf diese Zeit zurück, weil sie vergangen ist. Und dann singt er: „Was wir nicht können, ist irgendwas wiederholen, kein Augenblick kein Moment kann sich je wiederholen. … wir können nicht zurück und warum sollten wir auch?“

Ich höre da die Botschaft: Lebe jetzt! Genieße den Moment und sei ganz da, wo du jetzt bist. Ob es die schönste Zeit des Lebens ist, hängt meiner Meinung nach auch davon ab, ob ich sie so nehme, wie sie ist. Jede Zeit hat ihre tollen Momente und ihre schweren Stunden.

Als ich zum Studien weggezogen bin, hat mir damals mein Patenonkel den Satz mit auf den Weg gegeben: „Jetzt kommt die schönste Zeit deines Lebens!“. Und als meine Tochter ein Jahr alt geworden ist, da hat eine Freundin auch zu mir gesagt: „Jetzt kommt die schönste Zeit!“. – Wenn ich zurückblicke, gab es in beiden Zeiten gute und weniger gute Tage. In der Studienzeit haben wir tolle Partys gefeiert, aber es war auch ziemlich anstrengend mit all der Lernerei. Meiner kleinen Tochter beim Laufen lernen zuzusehen und zu helfen, war wunderbar, aber Familie und Job unter einen Hut bekommen, das war auch stressig.

Ich glaube: Fast jede Zeit kann die schönste Zeit im Leben sein. Wenn ich es schaffe, das zu genießen was gut ist und es mir gelingt, gelassen mit den Dingen umzugehen, die nicht so laufen, wie ich es gerne hätte.

Der weise Prediger Salomon in der Bibel wusste auch schon, dass es nicht nur supertolle Tage gibt. Er hat geschrieben: Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit:  eine Zeit zum Gebären / und eine Zeit zum Sterben, / eine Zeit zum Pflanzen / und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen,…eine Zeit zum Weinen / und eine Zeit zum Lachen, / eine Zeit für die Klage / und eine Zeit für den Tanz. (Koh 3,1.2.4)

Eine solche Zeit der Ernte ist für mich heute Abend. Ich will dankbar die Tage dieses Jahres ernten, über manche werde ich weinen, und über manche lachen. Ich werde zuversichtlich die Schwelle zum neuen Jahr überschreiten. Als gläubige Christin bin ich sicher:  Gott hält meine Zeit in Händen – die schlimmste und die schönste Zeit und auch alle mittelguten Tage dazwischen.

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