Ihr Suchbegriff
Besuch
Bildquelle Pixabay

Besuch

Andrea Wöllenstein
Ein Beitrag von Andrea Wöllenstein, Pfarrerin im Referat Erwachsenenbildung der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Marburg

Die alte Dame sitzt zufrieden in ihrem Sessel. Vor einem Jahr ist sie ins Altenheim umgezogen. Zuhause ging es nicht mehr allein, und von den Kindern wohnt keiner vor Ort. Ihren Sessel konnte sie mitnehmen, einen schönen Schrank und viele Bilder. Gerahmte Fotos von Kindern und Enkelkindern, von Familienfesten und Ausflügen. Einige hängen an der Wand überm Bett, andere stehen auf dem Regal neben ihrem Sessel. Ich schaue mir eins nach dem anderen an und frage schließlich: „Wer ist denn die junge Frau hier mit dem langen Kleid? Eine Enkelin beim Abiball?“ Die alte Dame schaut sich das Bild an. Man merkt, wie sie nachdenkt. Schließlich sagt sie: „Ich habe es vergessen.“
Ihr Blick wandert über die anderen Fotos – immer noch sucht sie nach Namen, nach Anhaltspunkten, die ihre Erinnerung wecken. Aber - da kommt nichts. Traurig und etwas verloren schüttelt sie den Kopf und schweigt. Doch mit einem Mal kommt ein Leuchten in ihre Augen. Etwas ist ihr eingefallen. Etwas, das sie fröhlich macht. „Ich weiß nicht, wie diese Leute heißen – aber ich weiß“, sagt sie stolz: „Die gehören alle zu mir!“
„Wie schön!“ sage ich, „so eine große Familie!“ und frage, ob sie manchmal Besuch bekommt. Von ihren Kindern oder von den früheren Nachbarinnen. „Ja“, sagt sie ein bisschen zögerlich. „Ja, bestimmt.“ Eine Weile sitzen wir wieder still beieinander. Dann schaut sie mich an und sagt: „Oft sitze ich hier und warte. Ich warte. Und dann kommen meine Erinnerungen zu Besuch.“

Aus früheren Besuchen weiß ich, sie hat auch schwere Zeiten erlebt. Bombennächte in Dresden. Musste irgendwie durchkommen mit ihren Kindern. Aber zu Besuch kommen jetzt vor allem die schönen Erinnerungen. An ihre Kindheit. An das rote Kleid, das die Mutter ihr genäht hat. An die Ausflüge ins Elbsandsteingebirge. An gesellige Stunden mit Freunden in ihrem kleinen Schrebergarten. Mit Nachdenken kann sie die Erinnerungen nicht hervor holen, aber wenn sie still ist und wartet, dann kommen sie zu Besuch.

„Sei stille dem Herrn und warte auf ihn“, heißt es in einem Psalm der Bibel. (Psalm 37,7) Früher hat sie gerne in der Bibel gelesen. Viele Worte haben sie in ihrem Leben begleitet. Und wenn ich sie richtig verstehe, dann schwingt diese Erwartung mit, wenn sie sagt: „Ich warte“. Dass Gott sie besucht in den Erinnerungen, die sie fröhlich machen. Und dass sie eines Tages mit ihm gehen wird.

Weitere ThemenDas könnte Sie auch interessieren